Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 5 (1.3.1929)
- Article
- Religiöse Sonette
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
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66 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 5 IV Mein Gott, der Glück und Elend Du verteilst, Die Armen reich, die Reichen betteln machst, Hinraffest die Gesunden, Kranke heilst Und in dem Himmel, wo Du wohnst und wachst, Der Menschen lachst und ihres Schicksals lachst — Des Schicksals in den Kriegen, die Du gibst; In Kriegen, Gott, die selber an Du fachst Und vorher schon in Deine Sterne schriebst — Es sind doch Deine Menschen, die Du liebst, Die karg mit Luft, doch reich mit Leid Du speis'ft: Wie mag das sein, daß Du so gern betrübst Uns arme Menschen, deren Gott Du heißt? Wie mag das sein, daß Du so grausam sei'ft? Ich weiß eS nicht... Genug, daß Du es weißt! Jakob Loewenberg zum Gedächtnis Von Dr. Siegfr. Keßler Ihr lest gerührt von eines Dichters Tod, und Überraschung spiegelt sich in euren Mienen. Wie manche merken erst am Abendrot, daß überhaupt die Sonne heut geschienen. Hat Jakob Loewenberg sein Schicksal vorausgeahnt, als er vor langen Jahren diese Verse niederschrieb? Nun, da durch die Blätter die Nachricht von seinem Tode rauscht, da sein gütig-strahlend Auge sich für immer schloß-und sein Mund, dem so manches kluge Wort entströmte, für ewig verstummt ist, wird manch einer fragen: „Wer war Jakob Loewenberg'?" Nein, nicht „war", wer ist er? S o muß es heißen! Am 9. März 1856 erblickte er zu Niederntudorf bei Paderborn das Licht der Welt. Der Vater, ein kleiner Handelsmann, wandert tagein-tagaus von Ort zu Ort, um in rastloser, mühseliger Arbeit des Lebens Unterhalt zu erwerben, sorgenvoll, und dennoch beruhigt und gehoben in dem Gedanken, daß daheim seine treue Gefährtin die zahlreichen Kinder betreut in sonniger Heiterkeit. In diesem, von echt-jüdischem Geiste erfüllten Hause wuchs Jakob Loewenberg heran. Nicht minder mächtig aber wirkt auf ihn die stille Schönheit der ländlichen Heimat. Diese Jugendeindrücke bilden die „zwei Quellen", aus denen der Strom seiner Dichtungen floh. Darum auch antwortete er auf die Anfrage einer jüdischen Wochenschrift, wie er sich zu der Frage „Deutschtum und Judentum" stelle: „Was weiß ein Mensch vom andern", sagt Goethe, und man könnte hinzusügen, was weiß ein Mensch von sich selbst. In dem Augenblick, wo wir uns selbst betrachten, unser Wesen zergliedern wollen, sind wir schon gar nicht mehr wir selber. Eine innerlich oder äußerlich bewegte Zeit treibt den Menschen zu Äußerungen und Taten, deren er sich in ruhigen Tagen nicht für fähig gehalten hätte. Nur rückschauend findet der forschende Blick Grundzüge unseres Wesens, und gesetzmäßig erscheint, was uns zuvor zufällig dünkte. Was nun das Jüdische in meinem Wesen und Schaffen bedeutet, das geht so am besten aus einigen meiner Bücher hervor. Schon ihr Titel weist klar darauf hin. „Aus jüdischer Seele"1 * nennt sich ein Band Gedichte, „Der gelbe Fleck" - heißt eine Sammlung jüdischer Novellen, und ein biographischer Roman betitelt sich: „Aus zwei Quellen, die Geschichte eines deutschen Juden"? Die zwei Quellen — das sind Jud entum und Deutschtum. Aus ihnen strömt dem Träger der Handlung sein Fühlen und Denken. Was er äußert, ist mein eigenstes Bekenntnis. Niemals habe ich einen Zwiespalt zwischen dem Juden und dem Deutschen in mir gefühlt. Dem zersetzenden Verstand mag sich vielleicht Trennendes zwischen ihnen auftun, aber das Gefühl — und das entscheidet hier — empfindet sie in sich als eine Einheit. Die Heimat meiner Seele ruht in beiden. Wenn ich jemals auf etwas stolz war, so war es darauf: Deutscher und Jude zu sein." Wie einst Pestalozzi, so ruft er aus: „Ich will Schulmeister werden!" Und so sehen wir ihn bald im Lehrerseminar der Marks-Haindorf-Stiftung zu Münster i. W., das er mit glänzendem Erfolge absolviert, dann in Padberg, Rendsburg, Geseke als Lehrer wirkend. Aber sein Geist strebt höher und weiter hinaus, er will aus dem 1 Diese Gedichtsammlung, die in erster Auflage den Titel „Ljeder eines Semiten" führte, heißt nun „Kämpfen und Bauen", Verlag Glogau, Hamburg. - Philoverlag, Berlin. 3 Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart. Born, der Weisheit trinken! Und so finden wir ihn in Paris und London, Sprachstudien treibend, und dann auch auf den deutschen Universitäten Marburg und Heidelberg. Heidelberg! Wer ist nicht dem Zauber dieser Neckarstadt verfallen?! Wundern wir uns, wenn noch heute gerne die Musensöhne sein Lied anstimmen: Wo zwischen grünen Bergen munter des Neckars klare Woge rauscht, wo in das duftige Tal hinunter die Burgruine sinnend lauscht, wo du von Kummer mußt genesen, wie tief er auch im Herzen brennt, da bin auch ich einst jung gewesen: Ich war zu Heidelberg Student!.4 Nach vollendetem Studium lenkt der Dichter seine Schritte nordwärts, nach Hamburg, wo er zuerst an der Realschule, der evangel.- reformierten Gemeinde tätig war, um dann das private Mädchenlyzeum zu übernehmen, das er bis zu seinem Ende segensvoll geleitet hat, an dem neben ihm u. a. Dr. M. Spanier, Otto Ernst, Alfr. Lichtwark, Gertrud Falke im Verein mit vielen anderen gewirkt haben und in viele Mädchen- und Frauenherzen den Sinn für wahre Erziehung und echtes Menschentum legten. Hamburg ist des Dichters zweite'Heimat geworden. Als ich vor etwa drei Jahren nach München übersiedelte, da sandte er mir mit vielen Wünschen für eine glückliche Zukunft sein Bild mit der Widmung: „Wandern ist Freude, Unterrichten ist Glück, Dichten ist Gnade!" Diese Worte offenbaren uns des Dichters ureigenstes Wesen. Aber Wandern ist nur dann Freude, wenn wir wie er durch die Natur streifen können: Ich wandre sonder Zweck und Ziel, das ist das rechte Wandern. Die Bächlein fragen nicht wohin, und kommt doch eins zum andern. Wenn auch die Heimat noch so fern, winkt mir nur eine Klause, ein freundlich Aug, ein guter Trunk — da bin ich gleich zu Hause. „Drei Dinge in der Natur sind es", so sagte er mir einmal, „die des Dichters Schaffen vor allem durch ihre Gestaltigkeit besonders anregen: die Heide, das Meer, das Hochgebirge!" Und wenn wir Loewenbergs Dichtungen durchblättern, so spiegelt sich in ihnen seine innige Verbundenheit mit der Natur, die er mit den Augen eines Romantikers durchstreift, von dem ja ein jeder Dichter einen Funken in sich trägt. Darum wird alles ihm zum Erlebnis, und darum sind auch Loewenbergs Dichtungen nach dem Goetheworte „Bruchstücke einer großen Konfession". Nur ein warmfühlendes Vaterherz kann so „Aus der Welt des Kindes" 3 plaudern, nur echte Friedensliebe und -sehnsucht ein Drama „Vor dem Feind"0 schaffen, das im Jahre 1892 auf dem Friedenskongreß zu Bern als Festaufführung über die Bretter ging, nur innigste Verbundenheit und mitfühlendes 4 Heidelberger Studentenliederbuch und ferner in des Dichters letzter Gedichtsammlung „Abendleuchten". M. Glogau, Hamburg. 3 „Aus der Welt des Kindes." Ein Buch für Eltern und Erzieher. Voigtländer, Leipzig.