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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1929-02-15 · 4 (15.2.1929) · p. Seite 51

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
5 (1929)
Issue
4 (15.2.1929)
Article
Ein neuer Moses [Rezension]
Date
1929-02-15
Page
Seite 51 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 4 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 51 menschlichen Schwächen dieses heroischen Mannes aufzuzeigen, um ihn gerade dadurch unserem Verständnis und unserer Teilnahme zugänglich zu machen. So lernen wir den Jüngling Moses kennen, wie er als verwöhnter ägyptischer Prinz am Hosleben teilnimmt. Wie er dann, aus übermächtigem Trieb zur Gerechtigkeit, ein Verbrechen begeht und sich mit Blut befleckt, um vielleicht darin, in der Tiefe seines Falles, das Sprungbrett, die Anspannung zu seinen späteren übermenschlichen Taten gefunden zu haben. Wir verstehen seine anfängliche Auflehnung gegen Gottes schweren Befehl, die Führerschaft über ein knechtfinniges Volk zu ergreifen und leiden mit ihm während aller Stationen seines drangsalreichen, hundertzwanzigjährigen Führerlebens. Aber unser Herz erbaut sich an dem schließlichen Sieg dieses hartnäckigen, oft rebellischen und doch zutiefst gottesfürchtigen Mannes und wir weinen, als es heißt, von ihm Abschied zu nehmen, wenn er im Kusse Gottes feine unsterbliche Seele aushaucht. Und alle die Geschichten der Bibel, die in uns — schon mit dem goldenen Schimmer der Legende umgeben — schlummerten, erwachen und erweisen sich als taghelles Leben, mit allen Ecken und Kanten realer Wahrheit begabt. Alle Eindrücke bisheriger Literatur und alles bisherigen Kunstschaffens, die sich mit der Persönlichkeit Mosis beschäftigt hatten, insbesondere auch der stärkste und einprägsamste Eindruck vom antikisierenden Moses des Michelangelo her/ zerflattern und verfließen vor diesem Moses, den uns Uriel Birnbaum, der biblischen Quelle getreu, aber mit einer unerhörten Fähigkeit zu realistischer Interpretation, vermittelt. Dabei setzt dieser Realismus die Persönlichkeit Mosis nicht etwa herab; im Gegenteil, er erhöht sie bei weitem und was noch mehr bedeuten will, er zwingt uns zu einer unmittelbaren Auseinandersetzung mit den großen Realitäten: Moses und der Bibel. Es hieße das Buch abschreiben, wollte man des weiteren über Höhepunkte der Schilderungen berichten oder über im Zuge der Ausführungen sich notwendigerweise ergebende eingestreute Kontroversen des Autors. So zum Beispiel über die Zerstreuung der fälschlichen Ansicht, als ob Moses „unkünstlerisch" gewesen wäre (eine Erkenntnis, die übrigens auch dem Dichter Heine nicht verborgen geblieben war), oder über den verhängnisvollen Irrtum, die auf Moral fußende Lehre des Moses mit dem gegenwärtigen materia- 1 Noch deutlicher geht dies hervor aus Uriel Birnbaums, des Malerdichters monumentalem Bildwerk: Moses, ein biblischer Zyklus in 50 Bildern. Erschienen im Thyryos-Verlag, A.-G., Wien. listischen Sozialismus zu identifizieren. Von besonderer Wichtigkeit ist noch seine Betonung der Gemeinsamkeit aller monotheistischen Bekenntnisse, des Judentums, des Christentums und des Mohammedanismus, wobei aber Birnbaum strenge die Differenzierung innerhalb dieser Bekenntnisse gewahrt wissen will und wobei er den Katholizismus mit seiner Gnadentheorie in den Bereich des Stimmungsmäßigen verweist. Man verläßt dieses Buch schließlich mit dem Gefühl einer vielfachen und vielfältigen Bereicherung, ja nicht nur das, sondern mit dem lebhaften Impuls zu einer erneuten Stellungnahme, zu einer Korrektur der Vergangenheit und zu Vorfüzen für die Zukunft, was übrigens als stete Begleiterscheinung die Wirkung von Birnbaums Schöpfungen ausmacht. Aus der Absicht, ein Buch zu lesen oder gar ein ästhetischliterarisches Vergnügen auszukosten, zumal es sich um einen Essai über eine historische, längst verstorbene Persönlichkeit handelt, ist ein Erlebnis geworden, das geeignet erscheint, unmittelbar auf unsere Lebensgestaltung einzuwirken. Denn den Schlußstein seines Buches bildet nichts weniger als der geglückte Beweis, daß eine Persönlichkeit wie Moses, seine gewaltige Aufgabe, den Monotheismus zum alleinigen Glauben der gesamten Menschheit zu machen, nur bewußt ergreifen konnte, d. h. nur nach einem wohlüberlegten Plan, nach einem im Voraus festgelegten „Schlachtplan" und daß wir in Moses den gewaltigsten Strategen zu erblicken haben, dessen Unternehmung sich ungeschwächt und noch bis auf den heutigen Tag auswirkt. In der Tat find von den anderthalb Milliarden Menschen heute schon zwei Drittel, also eine Milliarde monotheistisch und die Eroberung der Welt für Gott schreitet unaufhaltsam fort, trotz periodisch und immer wieder auftauchender Rebellionen, die in der neuesten Zeit z. B. im gottesfeindlichen Kommunismus Rußlands ihren Hauptstützpunkt gefunden haben. Dies ist der Inhalt der Birnbaumschen Ausführungen, aber seine Tendenz zielt sicherlich weiter. Denn, unausgesprochen zwar, aber logischerweise und als ethisches Postulat ergibt sich daraus für jeden Gläubigen, für uns alle der zwingende Imperativ, jener belangreichsten Unternehmung der Weltgeschichte unsere ganze Aktivität zuzuwenden. Oder, um es ganz einfach zu sagen: Jeder Gläubige muß sich dessen bewußt sein, daß er ein Soldat ist vom Heere Mosis im Kampfe für den einzigen Götti Samuel Taubes. ttus dem Ueiche Die Preußische Landesversammlung lehnt den Entwurf des Reichsverbandes ab Der in langer Vorarbeit der Landesverbände geschaffene, von dem Rate des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden gebilligte und von der überwiegenden Zahl der deutschen Landesverbände angenommene Entwurf der Verfassung eines „Reichsverbandes der Deutschen Juden" wurde am 4. Februar 1929 von der Landesversammlung des Preußischen Landesverbandes mit 46 gegen 45 (Stimmen abgelehnt. Gegen den Entwurf stimmten die Jüdische Volkspartei und Poale Zion, fast die gesamte Mittelpartei und vereinzelte Liberale und Konservative, darunter die Liberalen Dr. Tietz, Dr. Bruno Weil, Dr. John Wercheimer und Bruno Woyda. Sieben Liberale enthielten sich der Abstimmung. Damit ist der in mühevoller Arbeit unter möglichster Ausgleichung der Interessen der beteiligten Länder und Richtungen angestrebte Zusammenschluß der deutschen Juden in einen Reichsverband zum zweiten Male an dem Widerspruch der preußischen Landesversammlung gescheitert. Zehn Jahre Reichsbund jüdischer Frontsoldaten """" Eindrucksvolle Feier im Herrenhaus, Kranzniederlegungen auf den Gefallenen-Gräbern, Sportvorführungen, Festbankett Berlin, 11. Februar. (ITA.) Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, die einzige Organisation, die nur wirkliche Frontkämpfer nach strengster Prüfung aufnimmt, feierte am Sonnabend und Sonntag das Fest des zehnjährigen Bestehens. Die aus dem Reiche herbeigeeilten Delegierten vereinigten sich mit dem Bundesvorstand und den Mitgliedern der Berliner Ortsgruppe zu einer stimmungsvollen Feier im Herrenhaus, die von Musikvorträgen der Berliner Trio-Vereinigung (Professor Mayer-Mahr, Professor Heinrich Grünfeld und Alfred Wittenberg) umrahmt war. Der Bundesvorsitzende Hauptmann d. R. a. D. Dr. Löwenstein konnte zahlreiche Vertreter der Behörden begrüßen, unter ihnen Generalleutnant Buchholz, Kapitän zur See Kehrhahn, Major Heidrich vom Reichswehrministerium, den Stadtkommandanten von Berlin, Generalmajor Freiherrn von Schlehitz, Polizei-Vizepräsidenten Weiß, Polizeioberst Hollriegel vom Kommando der Schutzpolizei sowie die Abgeordneten zahlreicher militärischer Verbände und jüdischer Organisationen. Als den Repräsentanten der deutschen Judenheit begrüßte er Herrn Kammergerichtsrat Leo Wolff, Vorsitzenden des Rates des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden und der Reichsarbeitsgemeinschaft der deutschen Juden. Vom Centralverein hatten sich u. a. der erste Vorsitzende Justizrat Dr. Brodnitz und der Syndikus Dr. Alfred Wiener eingefunden. Der Hilfsoerein der deutschen Juden hat ein Begrüßungstelegramm gesandt. Dr. Löwenstein sprach Worte des Gedenkens an die im Weltkrieg gefallenen Kameraden. Unter den Klängen des' Liedes „Ich hatt' einen Kameraden" ehrte die Versammlung stehend das Gedächtnis der Toten. In einem Überblick über das vergangene Jahrzehnt legte der Vorsitzende die Arbeit und die Aufgaben des Bundes dar. Der Reichsbund zählt heute sechzehn Landesverbände mit mehreren hundert Ortsgruppen. Mit Erfolg kämpfte er gegen die Lüge an, daß die jüdische Bevölkerung im Kriege ihre Pflicht nicht erfüllt hätte. Der Reichsbund ist jetzt in der Lage, dokumentarisch einwandfrei nachzuweisen, daß von den 540 000 deutschen Juden mehr als 100000 im Heeresdienste gestanden haben; über 80 000 kämpften an der Front, 12 000 fielen auf dem Felde der Ehre. Noch in die-

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