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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1929-02-15 · 4 (15.2.1929) · p. Seite 50

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
5 (1929)
Issue
4 (15.2.1929)
Article
Die jüdischen Studenten in Bayern
Date
1929-02-15
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
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50 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 4 Die Studierenden auf sämtlichen bayerischen Universitäten nach ihrer religiösen Zugehörigkeit im Sommersemester 1928 Männlich Weiblich Zusammen In Prozenten Konfession Ausländer* Deutsche Ausländer* Deutsche Ausländer* Deutsche Evangelisch . . Katholisch . . . 170 4743 58 800 228 5543 45,60 149 5222 26 608 175 5830 47,96 Sonstige Christen. 46 61 24 24 70 85 9,61 Jüdisch . . 69 346 12 89 81 435 3,58 Sonstige Religion. 11 11 1 1 12 12 0,10 Keine Rel.- Gemein. 8 44 1 13 9 57 14,41 Unbekannt 60 183 11 25 71 208 1,71 Überhaupt 512 10598 133 1558 645 12156 100,00 * In den Hauptzahlen enthalten. Die Frau spielt im UniversitätSftudium eine bedeutsame Rolle. Von den 435 jüdischen Studierenden waren nach obiger Aufstellung 89 Frauen oder 20 Prozent. In Preußen von 2214 479 oder 21 Prozent. Von den Gesamtstudierenden in Bayern wurden 13 Prozent, in Preußen 15 Prozent weiblichen Geschlechts gezählt. Die jüdische Frau studiert in höherem Maße als die Nichtjüdin. In Bayern bildet sie 5,7, in Preußen 6,7 Prozent aller weiblichen Studierenden. Ob die jüdische Frau im Berufsleben überhaupt stärker im Verhältnis zur Nichtjüdin vertreten ist, ist, soweit ich informiert bin, bisher noch nicht festgestellt, dürfte aber sehr interessant sein. Neben dem Frauenstudium ist die Frequentierung der Hochschulen von seiten des Auslandes beachtenswert und bedeutsam. So zählte man im vergangenen Sommersemester 81 jüdische Ausländer oder 18 Prozent der jüdischen Studenten, in Preußen 20 Prozent. Unter den Ausländern überhaupt befanden sich in Bayern 13, in Preußen 21 Prozent jüdischer Konfession. Das jüdische Kontingent ist also unter den Ausländern ziemlich stark vertreten, eine Tatsache, die daraus resultiert, daß trotz innigster internationaler Verflechtungen noch immer Nationen existieren, die ihren Staatsangehörigen einen Teil der staatsbürgerlichen Rechte vorenthalten. Lin neuer Moses Der mit dem Bauernfeldpreis der Stadt Wien auszeichnete jüdische Malerdichter Uriel Birnbaum wird in den ersten Tagen des März im Rahmen der Lehrkurse der Israelitischen Kultusgemeinde München eine Vorlesung aus eigenen Werken halten. Nachfolgender Aufsatz bespricht die letzte Publikation Uriel Birnbaums. Im hiesigen Verlag von Georg Müller ist vor einiger Zeit im Rahmen einer religionsphilosophischen Bücherreihe „Religio" auch ein „Moses" erschienen. Als Verfasser zeichnet Uriel Birnbaum. Bekommt man das schmucke, bescheidene Büchlein zu Gesicht, so wird man wohl schwerlich eine Vorstellung von der Bedeutung, vom reichen Inhalt und von der möglichen Wirkungskraft dieses, auf knapp hundert Seiten sich erstreckenden Essais erhalten. Wer aber mit dem Namen Uriel Birnbaum vertraut ist, wer von den bisherigen Schöpfungen dieses außerordentlichen Mannes Kenntnis hat, der wird auf dies Buch schon als auf ein Werk Birnbaums gespannt sein. Denn mag man auch der Ansicht sein, daß die Gestalt Mosis allgemein bekannt sei, daß ein Essai über Moses einem, der die biblische Geschichte kennt, nichts wesentlich Neues zu bringen vermöchte, man wird dennoch neugierig sein, wie diese gewaltigste Gestalt der Weltgeschichte sich in der Auffassung eines so genialen Künstlers und Viel-mehr-als-Künstlers, wie Birnbaum, widerspiegelt. Hat man aber dies Buch in die Hand genommen, um sich dem anfänglich beabsichtigten, kontemplativen Reiz der Widerspiegelung einer historischen Gestalt in der Auffassung einer bekannten künstlerischen Persönlichkeit zu überlassen, dann wird man gar bald eines aderen belehrt. Denn Birnbaum gibt mehr, viel mehr, als man nach dem engen Rahmen der Ausgabe hätte vermuten können. Cs handelt sich aber hierbei keineswegs etwa um eine besondere Originalität seiner Konzeption, um irgendeine aparte Nuance im vertrauten Bild oder gar um eine funkelnagelneue „wissenschaftliche" Entdeckung, wie sie den Stolz eines Universitätsdozenten auszumachen pflegt. Im Gegenteil. Die klare, schlichte, an der Hand des Bibeltextes durchgefuhrte Analyse der Persönlichkeit Mosis erweckt im Leser sehr bald die zwingende Vorstellung, hier der einzig einleuchtenden, sich wie selbstverständlich ergebenden Auffassung der geschilderten Persönlichkeit zu begegnen. Und doch ist das, was Birnbaum sagt, neu. Es ist die Wahrheit, aber die vergessene, im Wust der Jahrtausende verschüttete Wahrheit, die er mit einfachen Worten, aber mit der vehementen Wirkung, die oft gerade in der Einfachheit liegen kann, zu neuem Leben erweckt. Schon die Anordnung des Büches ist meisterhaft. In den einleitenden Seiten orientiert uns der Autor zuerst über das Fundament, das er seiner Abhandlung zugrunde legt. Er bezeichnet, entgegen der gangbaren demokratischen Denkweise, das Individuum als den Träger jedweder Entwicklung, ohne sich dabei auf die, bei solchen Gelegenheiten übliche, metaphysische Begründung hierfür einzulassen. Die Empirie, die tatsächlichen Erfahrungen der Geschichte erweisen die Einzeft>ersönlichkeiten als die Bildner der-Weltgeschichte. Mit dem ihm eigenen Temperament, das aus der Intensität seiner tiefen und durchgebildeten Überzeugung erwächst, wendet er sich darnach gegen wissenschaftliche Arroganz in Dingen des Glaubens und erweist die Paradoxie solchen Gehabens. Mit wuchtigen Schlägen fertigt er die Bibelkritik ab, als ein lügenhaftes Ergebnis einer gewissen Bibelforschung, wendet sich gegen die Konjekturalphilologie und verweist die Anmaßung der Ausgrabungswissenschaft in die gebührenden Schranken, um die Bibel ein für alle Male als einwandfreie Quelle der Geschichtsforschung festzusetzen. Den Höhepunkt dieser Ausführungen bildet die Kontroverse gegen die seinerzeit populär gewordene Behauptung, daß das Sinai-Gesetz nichts anderes sei als eine Kopie des früher entstandenen Kodex Hammurabis, indem gerade die sittliche Begründung des jüdischen Gesetzes, die jenem Kodex fehlt, eben den fundamentalen und einzigartigen Unterschied zwischen diesen Gesetzen bilde. Nach einer außerordentlich interessanten und plastischen Schilderung der allgemeinen Weltlage zu Mosis Zeiten, die das profunde historische Wissen des Autors erweisen (ohne daß letzterer sich jedoch in historischem Kleinkram verliert) führt er uns schließlich an die Gestalt Mosis selbst. Er folgt hierbei — wie schon erwähnt — in der Hauptsache der Bibelquelle, zieht aber auch den Midrasch zu Hilfe, um uns die zu gestaltende Persönlichkeit nahe zu bringen. In erster Linie aber ist es fein erstaunliches Einfühlungsvermögen, seine großartige „rückwärts gerichtete" Phantasie, die es ihm ermöglicht, uns Moses in einer Weise bildhaft zu machen, daß wir ihn leibhaftig und wie unter uns seiend empfinden und daß die von jenem einzigartigen Menschen vor Jahrtausenden ausgegangene welchistorische Bewegung uns machtvoll ergreift und mit der Wucht und Stoßkraft aktuellsten Geschehens erfüllt. Nach echt jüdischer Auffassung sieht er in Moses zwar nur einen Menschen, aber einen gottbegnadeten, großen, den größten Menschen der Welt. Er vermeidet es daher keineswegs, uns auch die

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