Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 3 (1.2.1929)
- Article
- Inhalt
- Date
- 1929-02-01
- Page
- 33 (sequence 1)
- Language
- German
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Nachrichtenblatt der Israelitischen Kultusgemeinden in München und Augsburg und des Verbandes Hagerischer Israelitischer Gemeinden Vagerische Israelitische Gememöezettung erscheint am 1. und *5. jeden Monats. — Verlag: V. Heller, München, Herzog-Mar-Straste 4, Kernruf 93099/ Postscheckkonto München Nr. 39Q7. Schristleitung: Or. Lugen Schmidt, Rechtsanwalt ln München, Karlstraste 6. Lezugöpreis für nicht eingewiesene Bezieher: Reichsmark 4.80 für das Fahr. Anzeigenpreis: Oie 4 gespaltene Millimeter-Feile 40 Reichspfennlg Kamilienanzeigen, Stellengesuche und ähnliche Angebote 15 Reichspfennlg 19z? München/1. Kebruar Kr. 5 Inhalt: Zu Lessings Geburtstag —\ 2tu5 dem Reiche — Aus dem Verbände — Aus der Gemeinde München — Israelitische Lehrerbildungsanstalt Würzburg — Bücherschau — Vereine — Geschäftsnachrichten — Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachungen des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden: Bekanntmachung über Ersatzwahl für den religiösen Hauptausschuß orthodoxer Richtung — Bekanntmachungen der Israelitischen Kultusgemeinde München: Bekanntmachung über Kultusumlagen 1929 — Bekanntmachungen der Israelitischen Kultusgemeinde Augsburg: Haushaltplan der Israelitischen Kultusgemeinde Augsburg für das Jahr 1929 — Perfonalia Zu Lessings Seburtstag Von F r i tz S t r i ch Rede, gehalten zur Lessingfeier am Staatstheater in Berlin am 22. Februar 1929 Anläßlich der 200. Wiederkehr von Lessings Geburtstag war in jüdischen Leitungen allenthalben über Lessings Verhältnis zum Judentum gehandelt. Besonders hat Ernst Simon darüber in der „Jüdischen Rundschau" Beachtenswertes gesagt. In nachfolgendem Aussatz wird Lessings Schaffen von einem umfassenderen Standpunkte aus gewürdigt. Um nichts weniger jedoch, glauben wir, — nicht zuletzt dank der Persönlichkeit des Sprechers — wird die Bedeutung Lessings für den deutschen Juden sich hier abheben. Wenn wir uns heut zur Feier Gotthold Ephraim Lessings zusammenfinden, so wird wohl die Frage erlaubt, ja geboten sein, ob wir denn überhaupt ein Recht zu dieser Feier haben. Denn Recht gehört dazu und will erworben sein. Hat sich das deutsche Volk dieses Recht erworben, seinen Lessing zu feiern? Hat es Lesfing bei seinem heldischen Aufbau einer neuen Geisteswelt geholfen? Er wirkte in Einsamkeit, von geistiger und materieller Not gequält, und niemand stand ihm bei in seinem Kampf gegen die Götze und Klötze, all jene seiner so unwürdigen, aber mächtigen Gegner. Die Sendung lag ganz allein auf ihm. Seine hohe Idee, ein deutsches Nationaltheater zu gründen, scheiterte am Widerstande des deutschen Publikums. Kein Mäeen reichte ihm die Hand. Der große König von Preußen ging achtlos an ihm vorüber. Gleichgültigkeit, Engherzigkeit, Selbstsucht und Stumpfsinn rings um ihn. Zu Tod gehetzt sank er zu früst dahin, ehe er noch sein letztes Wort gesprochen hatte. Im Widerstand des Einen gegen Alle vollzog sich der Befreiungskampf des deutschen Geistes. Gewiß, seine Wirkung ging tief. Aber welcher Art war diese Wirkung, nachdem die große Zeit der Klassik und Romantik, die er heraufgeführt hatte, versunken war? Täuschen wir uns doch nicht: Man machte einen Schulmeister aus ihm, der mit seinem Laokoon und der Hamburger Dramaturgie, mit seinen Regeln für bildende und dichtende Kunst, die Genien einschnürte, mit dem Gespenst deö Aristoteles erschreckte, und nur der Mittelmäßigkeit und Plattheit Krücken reichte, aus ihm, der seinerzeit doch als der Befreier des deutschen Genius kam. Er wird bis heute als der Kronzeuge gegen die französische Dichtkunst aufgerufen, was uns eine edle und große Welt der Kunst verschließt, er, der doch nur tat, was in seinem historischen Augenblick notwendig war, wenn überhaupt der deutsche Geist zur Bewußtheit seiner selbst und seiner Sendung kommen sollte, die ja aber doch eine allmenschliche Sendung ist. Er, der Allerschütterer, Allerneuerer und Allbeginner, Lichtbringer, Raumschaffer: er wurde zum Hemmschuh am Wagen des vorwärtsftürmenden Lebens. Was aber würde Lessing zu unserer Zeit wohl sagen? Der Dichter, der mit seinem Nathan das Hohe Lied der Duldsamkeit gesungen hat, der Freund von MoseS Mendelssohn, zu der unseligen Verhetzung zwischen Rassen und Religionen heute. Der Dichter der Minna von Barnhelm, die den Sieg des Friedensgeifteö über den des Siebenjährigen Krieges feiert, zu unserer, auch nach dem großen Kriege friedenlosen Zeit? Was dieser Wahrheitssucher, der sich von keinem Schlagwort, keiner rhetorischen Pathetik und keiner überkommenen Ideologie verblenden ließ, zu dem umnebelten und wortverwirrten Geiste unserer Tage! Nein, wir haben nicht das Recht ihn zu feiern, sondern die Feier wandle sich in einen Ruf nach ihm. Denn, was der alte Goethe schon empfand: ein Lessing tut uns bitter not, und den tiefsten Riß unserer Tage: Lessingscher Geist könnte ihn heilen. Wo aber liegt der Riß? Da regen sich auf der einen Seite die dunklen, dumpfen, unbewußten Kräfte des Blutes, erklären sich allein für souverän und schöpferisch und sagen dem wachen, Hellen und modernen Geiste Kampf an, der die Vernünstigung der Welt erstrebt. Moderne Zivilisation, so schreien sie, ist Untergang und Ende. Aber wir warteten vergeblich auf