Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 23 (1.12.1928)
- Article
- Generalversammlung der Ortsgruppe München des Centralvereins
- Date
- 1928-12-01
- Page
- Seite 373 (sequence 2)
- Language
- German
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Rr. 23 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 373 Wallach-Kostüme fertig und nach Maß / Wallach, München an der Hauptpost mm rat Levinger. Ein starkes Hemmnis, das der Arbeit des Centralvereins im letzten Jahre entgegengetreten ist, sei die Amnestie gewesen, die zum Teil Gerichtsverfahren jäh abgeschnitten hat, zu deren Vorbereitung oft jahrelange Arbeit erforderlich war. In Buchen seien neun und im übrigen Reich 30 Prozesse dadurch abgeschnitten worden. Der Redner berichtete dann Einzelheiten über verschiedene Prozesse. Eine weitere besondere Schwierigkeit sei die Tatsache, daß sich völkische Blätter mit Vorliebe Abgeordnete als verantwortliche Redakteure verschreiben, die sich der Strafverfolgung infolge ihrer Immunität entziehen. So habe z. B. der völkische Beobachter schon am Tage, als das amtliche Ergebnis der letzten Wahlen bekannt wurde, einen Abgeordneten zu seinem verantwortlichen Redakteur gemacht. Nach einer kurzen Pause ergriff wiederum Herr Dr. Freund das Wort zu einem Referat über „Das jüdische Schicksal". Zunächst besprach der Redner die Rassenfrage und ging dann auf den modernen Begriff der Nation ein, der eine gewisse Einheit im Volke fordere, nicht eine rassische, sondern vor allem eine Gleichförmigkeit der inneren und äußeren Artung. Volksgemeinschaft sei danach nicht nur eine gewisse Sprachgemeinschaft und Kulturgemeinschaft, auch die Willensgemeinschaft genüge nicht, um den Begriff auszuschöpfen. Man müsse feststellen, daß bei dieser Art von Definition der jüdische Volksteil eine Ausnahme darstelle, denn das jüdische Volkselement habe ein besonderes Schicksal, das dieses anders habe sich entwickeln lassen, als die übrigen Volksteile. Dieses Sonderschicksal habe zur Folge gehabt, daß sich ein Sondercharakter herausbildete. Es sei zu hoffen und zu wünschen, daß die Emanzipation weiter fortschreite und die soziale Sonderstellung der Juden aufhöre. Ein gewisser Optimismus sei trotz allem berechtigt, wenn wir zusammenstehen und bewußt daran Mitarbeiten, daß die Dinge in unserem Leben sich ändern. Die Ausführungen des Redners wurden mit großem Beifall ausgenommen. Es erfolgte dann' der Bericht der Kassenrevision, der Kassier wurde entlastet, ebenso der Ausschuß. Zugewählt in den erweiterten Ausschuß wurden: Frau Dr. Baerwald, Haydnstraße 10; Frau Dr. Blumenstein, Galeriestraße 20; Frau Recha Stark, Rauchftraße 12; Frau Dr. Weiß, Paul-Heyse-Straße 35; Herr Fritz Kaufmann, Mozartstraße 12; Herr Emil Pelz, Frundsberger Straße 8; Herr Studienrat Schaalmann, Tengstrahe 37. Hierauf verabschiedete sich Herr Sanitätsrat Dr. Baron als Vorsitzender der Ortsgruppe München. Derneue Vorsitzende ist Rechtsanwalt Dr. Alfred Werner. Rabbiner Dr. Bäerwald dankte Herrn Sanitätsrat Dr. Baron, der weiterhin Vorstand des Landesverbandes bleibt, für seine ersprießliche Arbeit. F. O. Lehrkurse Vortrag: Dr. Karl Schwarz Im Rahmen der Lehrkurse der Kultusgemeinde hielt am 21. November 1928, abends im Lesftngfaal, Herr Dr. Karl Schwarz, Kustos der Berliner Kultusgemeinde, einen Lichtbildervortrag über: „Die vier großen jüdischen Impressionisten Pissaro, Israels, Liebermann, Ury." Überaus zahlreicher Besuch bewies das starke Interesse der Gemeinde an den Lehrkursen und speziell an diesem Vortrag. Anfangs gab der Redner in großen Umrissen einen kurzen Überblick über die Entwicklung der Kunst im 19. Jahrhundert. Die französische Revolution hatte das Ende des Rokoko gebracht. Man suchte nun neue Wege in der Kunst. Nach einer kurzen Zeit des Klassizismus, der niemand befriedigte, folgte eine romantische Epoche. Die Juden, die regen Anteil an diesen Dingen nahmen, seit die Ghettomauern gefallen waren, ließen sich in dieser Zeit vielfach zur Taufe verleiten und suchten ihr Heil in der alleinseligmachenden Kirche. (Nazarener, Düsseldorfer Schule.) Aber alle diese Versuche zu Beginn des Jahrhunderts, eine neue Kunst zu schaffen, schlugen fehl. Was damals entstand, ist lebensfremd, ist tot. Da wurde von Paris aus die Kunst in neue Bahnen gelenkt. Unter dem Einflüsse Emile Zolas bildete sich ein kleiner Kreis von Künstlern, der sich von dem großen Leben zurückzog, um anzusangen an kleinen Orten die Natur und die Gegenstände so darzustellen, wie sie sie erlebten — die Impressionisten. Und nun traten plötzlich die Juden, die bisher nicht in der Lage waren, Eigenes zu bringen, in den Vordergrund künstlerischen Schaffens. Die psychologische Erklärung dieses Vorganges würde Bände füllen. Die Mentalität des Juden steht noch unter dem Einflüsse des Nomadenlebens seiner Urvorderen. Der erste jüdische Maler war Moritz Oppenheim. Seine Bilder sind heute noch in vielen jüdischen Familien zu finden. Man glaubte früher in den Bildern dieses Künstlers, echtes jüdisches Leben zu erkennen, während sie auch nur Genremalereien waren. Der Redner versuchte dann darzutun, wie die großen jüdischen Impressionisten Pissaro, Israels, Liebermann, Ury eine Einheit bilden, trotz ihrer vielen Verschiedenheiten. Er zeigte an Hand vieler Lichtbilder, was gleich und was verschieden ist an der Kunst dieser vier. Camille Pissaro, der Veteran des französischen Impressionismus, der Sohn portugiesischer Juden, war Kaufmann bis zu seinem 29. Lebensjahre. Erst so spät wandte er sich der Malerei zu. Er will nur die Einfachheit der Natur zeigen; Landschaften sind seine Hauptwerke, besonders beachtenswert das Leuchten des Lichtes auf seinen Bildern. Israels war schon 40 Jahre alt, als er, der bisher Rabbiner war, zum Maler wurde. Bei ihm ist der Einfluß seines Judeseins sehr stark zu verspüren. Er war zeitlebens überzeugter Jude, schrieb hebräisch fließender als die Sprache seines Heimatlandes, Holländisch, oder Deutsch. Liebermann stellt einen förmlichen Kontrast zu Israels dar. Seine Kunst ist auf Verstand aufgebaut. Sein großes Verdienst ist mm HAX NEUMAYER Kraftfahrzeuge, Kaulbachstraße 82/86 (Nähe Siegestor) Telephon 33 8 23—24 OPEL / STUDEBAKER Vertretung / SpeziabReparaturwerkstatte / Günstige Ratenzahlungen