Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 23 (1.12.1928)
- Article
- Religiöse Feier in der Hauptsynagoge
- Date
- 1928-12-01
- Page
- Seite 372 (sequence 2)
- Language
- German
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372 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 23 Außenstehenden geläufigen Sprache, des Hebräischen, einen fremdartigen, geheimnisvollen Eindruck. Leute, die lange Jahre unter dem Einfluß einer Hetze gestanden haben, deren Unwissenheit nur durch ihre Anmaßung übertroffen wird, werden leicht geneigt sein, hier geheimnisvolle, das Licht der Öffentlichkeit scheuende Lehren zu vermuten. In solchen Feiern'aber, die mit Recht der vollen Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, erfahren Außenstehende, viele wohl zum erstenmal, was die Gedanken der jüdischen Religion sind und daß diese vor aller Öffentlichkeit bestehen können. Die Feier wurde eingerahmt durch den Vortrag des Psalm 42, Komposition von F. Mendelssohn: „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu Dir". Den Chor stellte der Jüdische Gesangverein, das Sopransolo fang Frau Sonja Ziegler, das Violinsolo spielte Herr Benno Sarsky, den Orgelpart hatte Herr Prof. Sagerer übernommen. Die musikalische Leitung lag in den Händen von Kapellmeister Ziegler. Den Mittelpunkt der Feier bildete ein Vorttag von Rabbiner Dr. Baerwald über das Buch vom Menschenleid (Hiob). Der Redner ging aus von der Erzählung des Buches Hiob, von dem Gespräch zwischen Gott und Satan, in dem Satan den Bestand der Frömmigkeit Hiobs im Unglück bezweifelt. Hiob wird nun von einem Unglücksschlag nach dem anderen gettoffen. Wir sehen ihn als Blld alles Jammers und Elends, ihn, der früher menschliches Glück im Übermaße genossen hat. Der Talmud sagt, einen Hiob habe es nicht gegeben, das Buch Hiobs sei nur ein Gleichnis, es sei von keinem Geringeren geschrieben, als von unserem großen Lehrer Moses. Im Buche Hiob erhebt sich die große Frage nach der Beziehung zwischen Frömmigkeit und menschlichem Glück. Hiob verzweifelt an der Ausgabe, hier einen sinnvollen Zusammenhang herzustellen und erhebt seine Anklage gegen Gott. Hiobs Freunde gehen von der Voraussetzung aus, daß es den frommen Menschen gut und den bösen Menschen schlecht gehen müsse und sie schließen also, wer leidet wie Hiob leidet, der kann in Wahrheit kein frommer Mann sein, sonst würde ihn kein solches Unheil gettoffen haben. Hiob dagegen sagt, sein Unglück sei unverdient, also sei Gott ungerecht. Gott ruft er an zum Zeugen seiner Unschuld gegen die Freunde, die chn nicht verstehen, die sein Unglück falsch deuten. Die Vorwürfe seiner Freunde tteiben chn geradezu zu Gott. Gott soll für ihn Zeugnis ablegen. Ein vierter Freund Elihu erklärt, das Leid diene zur Läuterung, es diene zur Mahnung, zur inneren Einkehr. Auch Elihu weist auf die Gerechttgkeit Gottes hin, aber ttefer, eingehender, begründeter. Hiob sei wohl auch ein sündiger Mensch, aber nicht wie die Freunde meinen, die ihn gemeiner Sünde zeihen. Elihu sieht in dem Leiden eine Mahnung und ein Zeichen, daß Hiob sich läutern soll. Mit ''JJßnrh&L Hgr y (perusastBssse 'TTbStSSk Aass - Schneiderei — Aodisches ßelwerl^. dieser Rede Elihus wird die Rede Gottes vorbereitet, der allerdings nicht auf die Anklage Hiobs Rede und Antwort steht, vielmehr nichts von dem sagt, was man auf die Fragen Hiobs eigentlich erwarten sollte. Gott spricht davon, wie er über alle Natur waltet. Alles ist für Gott da, alles zu'seiner Ehre, zu seiner Verherrlichung. In der Schöpfung ist vieles unerklärlich, das nur Gott in seiner Weisheit und Allmacht zu lösen vermag. So wird auch das Leid einen Sinn haben, ob wir nun diesen Sinn erkennen oder nicht. Nun fragt Hiob nicht mehr nach dem Sinn des Leides, jetzt hat er erkannt, daß er kein Recht mehr habe zu fragen, er hat sich erlöst von dieser Frage. Nicht Glück oder Unglück des Menschen, sondern Gottes Ehre und Herrlichkeit ist Sinn und Zweck alles Geschehens, also auch allen Leides. So lautet die Antwort, die Hiob in sich aufnimmt. Alles Leid kommt von Gott, alles Leid, richtig verstanden, führt zu Gott zurück. S. Generalversammlung der Ortsgruppe München des Eentralvereins Am 15. November 1928, abends 9.15 Uhr, fand im Museumssaal die diesjährige Generalversammlung der Ortsgruppe München des Eentralvereins statt. Der Vorsitzende, Herr Sanitätsrat Dr. Baron, eröffnete die Sitzung und hieß die Erschienenen willkommen. In schlichten Worten gedachte er sodann des verstorbenen Herrn Oberlehrers Simon Dingfelder, der ein hervorragendes Mitglied des Centtalvereins gewesen sei und besonders in der Jugendarbeit Großes geleistet habe. Die Erschienenen erhoben sich zu Ehren des Verstorbenen von ihren Plätzen. Anschließend gab der Vorsitzende bekannt, daß er sein im Programm angekündigtes Referat nicht halten werde und erteilte das Wort dem Syndikus des Landesverbandes des Eentralvereins, Herrn Dr. Freund, zum Tätigkeitsbericht. Der Redner konnte sich mit Rücksicht'auf die Fülle des Stoffes nur kurz fassen und gab nur Stichproben aus der Arbeit des Eentralvereins, die geeignet sind, die Gesamtsituation schlaglichtartig zu beleuchten. Wenn man die politische Lage des Judentums betrachtet, müsse man ausgehen zunächst von der Stärke der rechtsgerichteten Organisationen. Die vereinigten vaterländischen Verbände hätten stark an Macht verloren. Die Jugend, die studentische Jugend vor allem, fehle immer mehr. Sie könne keine Begeisterung aufbringen für die Monarchie. Das lasse aber nicht den Schluß zu, daß diese Jugend nicht zur Judenfrage Stellung nähme. Sie erfahre sehr viel und nichts Erfreuliches über die sogenannte Judenfrage durch die judenfeindliche Presse, lasse sich durch diese verhetzen und propagiere deren Gedankengänge weiter. Diese studentische Jugend habe an der Gefallenenfeier am letzten Sonntag nicht teilgenommen, weil sie nicht mit Juden zusammen auftteten wollte und erklärte, auf die Einladung des Kriegerbundes, der sich anerkennenswerterweife sehr loyal verhielt, daß sie nicht an der Feier teilnähme, wenn auch jüdische Korporationen teilnehmen würden. Von dieser Jugend sei wenig zu erwarten, wenn sie einmal in die Ämter und Stellungen komme, die heute doch noch zum guten Teil von ruhigen beherrschten Leuten besetzt sind. Das lasse für die Zukunft einen stärkeren Pessimismus aufkommen. Immer wieder müsse man erkennen, daß in nichtjüdischen Kreisen ein Unvermögen besteht, sich in jüdische Dinge einzuleben. In gebildeten kacholischen Kreisen, die dem Judentum bisher nicht feindlich gegenübergestanden waren, sei eine kleine Schwenkung zu bemerken. Trotzdem könne man nicht sagen, daß der Antisemitismus in katholischen Kreisen gewachsen sei. Kardinal Dr. Faulhaber habe sich in einem Brief an Herrn Rabbiner Dr. Baerwald entschieden für das Judentum erklärt. Ähnlich habe das Ordinariat Bamberg einer untergeordneten kirchlichen Behörde gegenüber für unsere Sache Stellung genommen. Die Hauptarbeit des Eentralvereins müsse die Alarmierung der deutschen Spießbürger sein. Die große Masse des deutschen Volkes sei politisch unreif und darum sei die nationalsozialistische Propaganda besonders gefährlich. In Obersranken habe ein vollkommener geschäftlicher und gesellschaftlicher Boykott gegen die Juden eingesetzt. In Koburg sei die herzogliche Familie eine Haupfftütze der judenseindlichen Bewegung. Eine breite Wirkung der Arbeit des Centtalvereins sei nur dann möglich, wenn jeder einzelne mitarbeite und Vorurteile und Unwissenheit in seinem Bekanntenkreise bekämpfe. Eine wirksame Unterstützung seien die aufklärenden Schriften, die in Zehntausenden von Exemplaren an Angehörige aller Parteien versandt wür- Über die Rechtsschutzarbeit des Eentralvereins berichtete Justtz-