Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 23 (1.12.1928)
- Article
- Wissenschaftliche Kurse der süddeutschen Rabbiner in Nürnberg vom 30. Oktober bis 1. November 1928
- Date
- 1928-12-01
- Page
- Seite 370 (sequence 2)
- Language
- German
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370 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 23 Das schönste Chanukkah« geschenk ist der Jahrgang 1929 der Zeitschrift für die jüdische Jugend „Das Zelt“. Unseren schön augestatteten Gutschein erhalten Sie mit dem November- und Dezemberheft zum Preise von nur RM. 4.80 in jeder jüdischen Buchhandlung oder gegen Voreinsendung vom Verlag B. Heller, München, Herzog-Max-Straße 4. dem Wunsche, daß die Erinnerung an die eigene Studienzeit mitschwinge in diesen Stunden, in denen die Rabbiner zu den Füßen ihrer Lehrer sitzen. Alsdann hielt Dozent Dr. Heinemann (Breslau) die erste Vorlesung über: „Die Wechselbeziehung zwischen Judentum und Hellenismus im jüdischen Denken." Die Synchese zweier von Haus aus grundverschiedener Kulturen scheint hoffnungslos. Man denkt an ein Wort, das beim Wiedereintritt der Juden in die Kultur die Prägung empfing: Studium der Thora durch Derech erez — durch Kultur. Wie kam es, daß bedeutende Juden in den verschiedenen Zeiten durch die Anleihe bei der griechischen Kultur in ihrem Glauben nicht erschüttert, sondem befestigt wurden: „Die Schönheit Jafets soll wohnen in den Zelten Sems." Niemals ist dargestellt worden, wie die hellenische Kraft auf das Judentum wirken konnte: Menschen, die glauben, weil sie hellenisch gebildet waren, bessere Juden und Griechen zu sein als die anderen Griechen und Juden. Das wird gezeigt an drei Beispielen: 1. Philo von Alexandrien verteidigt das Judentum gegen Polytheismus und Atheismus mit den wissenschaftlichen Mitteln, die er seinen Lehrern enllehnt und zu der Synthese von Hellenentum und Judentum verknüpft. Durch die Allegorie erschließt sich ihm die volle ethische Wirkung der Bibel. Er glaubt sich als Jude dem Hellenen Überlegen, besonders durch die sittliche Reinheit. Durch sein System, durch seine Forschung ergibt sich ihm ein Zusammenwachsen der beiden Kulturen, wenn die Lehre des Judentums sich mit den edelsten Formen des griechischen Geistes fruchtbar berührt. 2. Maimuni im Mittelalter. Die Auseinandersetzung der großen Weltreligionen über grundlegende Begriffe der religiösen Lehren — Welffchöpfung, Beziehung Gottes zur Einzelseele— bewegt sich aus dem Boden der griechischen Philosophie, die Antrieb zu vornehmer Erörterung und feinsinniger Würdigung bot bis in die Fragen der Echik hinein. Die Philosophie dient der Stütze des Judentums. Es ergibt sich, daß Maimuni ebensosehr auf den Nichtjuden mit Stolz herabsieht wie auf den Juden, der die wissenschaftliche Bildung wie die Gotteserkenntnis nicht hat. Man muß Jude sein, um Philosoph sein zu können und man muß Philosoph sein, um in vollem Maße ein Jude sein zu können. Die Philosophie läßt uns die Werte des Judentums klarer und herrlicher erkennen. 3. Hermann Cohen in der Neuzeit. Läßt sich das Judentum rechtfertigen aus seiner Idee? Das ist sein Ausganspunkt. Die prophetische Ethik stand ihm immer nahe. Das System der prophettschen Lehren ist das ursprüngliche, forffchrittliche, soziale System der Echik wegen seiner nahen Verwandtschaft mit dem Kantianismus. Durch den Kantischen Gottesbegriff verstehen wir den Einheits- Gottesbegriff des Judentums. Das Wesen des Judentums ist seine Philosophie. Sie lehrt uns das Judentum systematisch erkennen, geschichtlich verstehen und in der Zukunft dauernd erhalten. Nur das Judentum ist die Religion, die den Anforderungen dieses philo- L U I T P Q Hl [DlHlBl [E| T R I E B Caf€ Luitpold — Palmengarten Tabarm Luitpold neue Leitung: Hans Keckeisen Erstklassige Küche u. Wirtschaftsführung jeder Art zu mäßigen Preisen Täglich nachm, und abends Konzert, Sonn- und Feiertags nachmittags 4-Uhr-Tee TatariD täglich Künstlerprogramm mit Tanz Telephon 90 0 65, 927 99 fophischen Systems entspricht. Das Judentum macht sie zum Gemeingut Israels, zum Gemeingut der Menschheit. Die folgenden Vorlesungen greisen tief in die fachwissenschaftliche Forschung ein. Seminarrabbiner Dr. Neubauer (Würzburg) sprach über das Thema: „Aus den Theorien Maimunis und Nachmanis über Charakter und Bedeutung der talmudifchen Schrifterklärung." Die Frage des Verhältnisses der Halacha und ihrer exegetischen Begründung wird an der Stellungnahme Maimunis, der auch in seinen religionsgesetzlichen Werken die strenge Linie der Logik innehält, und an seinem wissenschaftlichen Antipoden Nachmani in eingehender Darstellung aufgezeigt. Professor Dr. Wutz (Eichstätt) behandelte: „Die Stellung der Septuaginta im Problem der Textkritik". Der Gelehrte gibt einen Ausschnitt aus der Erforschung der griechischen Bibelübersetzung und der Ergebnisse seiner Untersuchungen über das Verhältnis dieses Textes zum hebräischen Konsonantentext. Bei dem hohen Alter des griechischen Textes ist er ein ungemein wertvoller Zeuge für den hebräischen einzigartig erhaltenen Text, je mehr es gelingt, den griechischen Text von den aus inneren Gesetzen sich ergebenden Fehlern zu läutern. Damit würde die moderne Textkritik eine erhebliche Berichtigung und eine völlig veränderte Grundlage erhalten. Dr. med. Siegfried Steckelmacher (Nürnberg) sprach über „Psychologische Struktur religiösen Glaubens und Brauches". Die entwicklungsgeschichtliche Darstellung, die tief in die Seelenhaltung der Primitiven eindringt, beleuchtet den Weg, den Glaube und Brauch durch die Entwicklungsstufen der Religionsgeschichte genommen haben, bis sie in den Hochstand der Kulturreligionen einmünden und noch in bemerkenswerten Umwertungen nachklingen. Herr Ob erstudienrat Dr. Hans Blaufus (Nürnberg) führt an der Hand von Lichtbildern „Die Wiederentdeckung von Kaphtor" vor. Aus den an Hand von Ausgrabungen gewonnenen Gegenständen, der Entzifferung ihrer Bilder und ihrer Inschriften kommt er, unterstützt von zahlreichen Angaben der Bibel, zu dem Ergebnis, daß aus der Feststellung des Bestehens zweier Städte namens Kastor —> aus der Sinaihalbinsel und eine aus Kreta, die eine Weltstadt gewesen — auf den großen Einfluß zu schließen ist, der von den Semiten, besonders den Phöniziern an den Küstenländern des Mittelmeers in vorgriechischer Zeit spürbar gewesen. Mit der Darstellung der großen Entdeckungen des Oberstudienrates Dr. Blaufus erreichten die Kurse ihr Ende. An alle Vorlesungen schlossen sich kurze Diskussionen. Dr. Freudenthal konnte mit großer Genugtuung feststellen, wie tief die Vorlesungen in die gegenwärtigen Probleme der Wissenschaft die Hörer hineingeführt haben und wie nahe sich in ihnen allen Wissen, das immer aufs neue das Denken und Forschen aufruft, und Glauben berühren. Die Gemeinde Nürnberg hatte die Teilnehmer an den Kursen am 31. Oktober zu einem Festmahl eingeladen und durch eine Abordnung ihrer Verwaltung begrüßen lassen. Die Vertteter der süddeutschen Länder sprachen bei dieser Gelegenheit mit hoher Genugtuung! von den Eindücken, die sie hier empfangen hatten. Die Maimonides-Loge veranstaltete am Abend des 30. Oktober für die auswärtigen Brüder einen besonderen Festabend. Dr. Behrens (Fürth i. B.). Fürth. Am 18. November konnte Frau Friderike Behrens, die im Hause ihres Sohnes, des Disttikts-Rabbiners Dr. Behrens, lebt, in bemerkenswerter Rüstigkeit ihren 90. Geburtstag unter herzlicher Anteilnahme weiter Kreise aus Stadt und Land inmitten ihrer Familie festlich begehen. Fürth. Rücktritt des Herrn Direktor Dr. Deutsch. Nach vieljähriger erfolgreicher Tätigkeit auf gemeindlichem und sozialfürsorgerischem Gebiet tritt Herr D r. Deutsch alterswegen vom Amte zurück (siehe das Ausschreiben in dieser Nummer). Das Schicksal der Anstalt, die nun einen pädagogischen Leiter sucht, war entscheidend verknüpft mit der Person, die sie bisher geführt, und würde ohne deren verständnisvolle und hingebende Arbeit kaum über die Schwierigkeiten der Kriegs- und Nachkriegsjahre so glatt hinweggekommen sein. Weltanschaulich ganz auf der orthodoxen