Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 23 (1.12.1928)
- Article
- Wohin?
- Date
- 1928-12-01
- Page
- Seite 366 (sequence 2)
- Language
- German
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366 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 23 kümmerung zum Lumpenproletariat — wenn wir ebensoviele Hochstapler, Diebe, Mörder stellen würden, wie jedes andere normale, gesunde Volk? Ist es nicht ein bezwingendes Zeichen ungeheuerer, übermenschlicher Kräfte, wenn wir sehen, daß unsere Verelendeten und Verelendenden stark und rein bleiben — in einem solchen Leben, vor einer solchen Zukunft stark und rein bleiben? Sollten wir mit diesen Kräften nicht „arbeiten" können und Werte schaffen, wie jedes andere gesunde Volk? Sollen wir nie Handwerker, Techniker, Erfinder hervorbringen können? Der Geist des Handels und Geschäftemachens, den man uns heute als ursprüngliche jüdische Eigenschaft zuschreibt, den viele von uns selbst für unseren Geist halten, er gehörte nie zum inneren Bestand des jüdischen Wesens, erst im Laufe von zweitausend Jahren hat man uns diesen fremden Geist aufgezwungen. Im Gegenteil, wir waren ein Volk von Ackerbauern und Handwerkern, und unsere handelstüchtigen Nachbarvölker, die Babylonier, Assyrer, Edomiten und Phönizier, versahen sogar unseren Handel. Die Bibel ist voll vor landwirtschaftlichen Beziehungen, und mit der späteren Entwicklung und Differenzierung trat das Handwerk bei den Juden so sehr in den Vordergrund, daß sogar viele Tanaiten und Amoräer — Schöpfer des Talmuds — Handwerker waren. Es fei nur auf einen ausdrücklichen Rat des Talmuds hingewiesen: Jedermann lehre seinem Sohne ein Handwerk! Ebenso wie wir aber im Galuth, in den Ghettos mit dem gelben Fleck gebrandmarkt wurden, wurden wir aus den meisten Berufen ausgeschlossen; Land durften wir nicht besitzen, und in den Zünften der Handwerksmeister wurden wir nicht ausgenommen, zum Erlernen eines Handwerks wurden wir nicht zugelassen. Das einzige, was man uns belassen hat, war der im Mittelalter verpönte „Handel". Jahrhunderte hindurch haben unsere Vorfahren diesen einzigen, aufgezwungenen Beruf betreiben müssen, um überhaupt leben zu können. Und welch herrliche „Händler" und „Krämer" waren sie! Wie meisterhaft haben sie sich unter diesem Mimikri versteckt, gehandelt mit allem, um — um im stillen Kämmerlein das echische Eigenleben leben zu können, um die Schätze der Überlieferung „bereichern", diese Schätze ihren Kindern als ewiges Erbe zu übergeben. Diese Schätze, aus denen wir noch heute unseren wahren Reichtum schöpfen. Daß wir uns in diesen Jahrhunderten zum Handel überzüchtet haben, ist einer der gefährlichsten, unheilvollsten Jrrtümer. Wir haben den Handel erlernt, der unserem Wesen ursprünglich fremd war, wir haben ihn erlernen müssen. Und daß wir später, beim Auftreten des Bürgertums in der damit zusammenhängenden Differenzierung des Wirtschaftslebens bei dem Handel geblieben sind, war wieder nur der Zwang der biologischen Anpassung auf der Linie des kleinsten Widerstandes. (Und damals hatte dieses Verharren beim Handel einen für Generationen gültigen wirtschaftlichen Sinn, während es heute ein Selbstmord ist.) Aber waren wir denn damals bessere „Kaufleute" als die Hanseaten, als die Fuggers? Sind wir denn heute bessere Kausleute als die Stinnes und Thyssen? Als die englischen und amerikanischen Multimilliardäre? Daß unser ursprüngliches schöpferisches Wesen nicht verloren ging, beweisen Namen wie Mmconi, der Erfinder des Radios und Schwarz, der Erfinder des Zeppelin-Luftschiffes. Die Linie der natürlichen Weiterentwicklung des Judentums liegt also nicht in der Richtung des Handels, sondern vielmehr in der Richtung des Ackerbaus und des Handwerks und —- im Einklang mit der allgemeinen Entwicklung der Technik — in Richtung der schöpferischen technischen und industriellen Erfindung. Hausfrauen nehmt zur Bewältigung Eurer großen Wäsche die Wäscherei der Münchner Hausfrau Landwehrstr. 57/59 Tel. 596858 in Änspruch. Sie bietet Euch alle Vorteile. Besichtigung des gesamten Betriebes gerne gestattet. Der erste Weg wird augenblicklich vom Reichsbund jüdischer Frontsoldaten mit seiner Siedlungsaktion beschritten. Der zweite Weg steht jedem einzelnen offen und frei und an ihm liegt es, ihn zu gehen. Mehr noch: wir werden wirtschaftlich gezwungen diesen Weg zu gehen, denn aus den Handel verdrängt man uns und die andern Berufe (wie Beamte usw.) sind uns mehr oder weniger verschlossen oder sind überfüllt, wie z. B. der Lieblingstraum vieler Eltern: der Rechtsanwalt, der Arzt usw. Anderseits ist das Handwerk heute der wirtschaftlich verlockendste, der am wenigsten betroffene Beruf, der dem Bescheidenen eine sichere und ruhige Existenz bietet und dem besonders Begabten und Hochstrebenden ungeahnte Möglichkeiten eröffnet. Aber woher sollen wir die Millionen nehmen, um großzügige Vermittlungsarbeit zu organisieren, um den Tausenden das Handwerk zu lehren, um Werkstätten und Arbeitsschulen zu bauen? Nichts von alle dem. Wir brauchen keine großzügige Vermittlung, weil der organische Wirtschaftskörper der beste Vermittler ist. In Stadt und Städtchen find die Handwerker da und der Vater kann seinen Sohn selbst zu ihm hinbringen; wir brauchen keine Unsummen für Werkstätten und Arbeitsschulen. Überall sind die Werkstätten und die Meister da, mitten in ihrer Arbeit, und sie werden den intelligenten jüdischen Jüngling gerne in die Lehre nehmen. Weder die Allgemeinheit, noch der einzelne muß belastet werden. Was not tut, ist, daß der Vater sein Kind hinbringt, daß das Kind auch hingeht. Und dazu müssen beide erzogen werden. Was not tut, ist, beide gründlich aufzuklären. Die Tat werden sie schon selbst durchführen. Eine große Aufklärungsarbeit muß einsetzen, in Druckschriften und Broschüren, in Zeitungsartikeln, in systematischen Vorträgen. In Wort und Schrift und Bild muß man den jüdischen Eltern und und den jüdischen Kindern die derzeitigen wirtschaftlichen Vorteile des Handwerks zeigen. Man muß bei ihnen die alten gegen das Handwerk bestehenden Vorurteile beseitigen und auf die wirtschaftliche Gefahr Hinweisen, die heute durch die Überfüllung des Kaufmannsberufes bereits besteht und die in Zukunft nur! größer werden kann. Auf die stumme Frage Tausender: „Wohin?" muß bis in das letzte jüdische Haus die Antwort dringen: „Zum Handwerk!" Juden in Argentinien Von Dr. Monheimer (München) Argentinien, das große südamerikanische Zukunftsland, weist unter feiner Einwohnerzahl einen großen Prozentsatz von Juden auf. Insbesondere ist es die Hauptstadt Buenos Aires, die hier in erster Linie genannt werden muß. Sind doch dort von den im ganzen im Land lebenden 200 000 Juden fast die Hälfte, nämlich 90 000. So rasch wie in den letzten Jahren aber wird die Zahl der Juden in Buenos Aires nicht anwachsen. Denn die Regierung hat jetzt, um eine zu starke Übersetzung der Hauptstadt teilweise mit unerwünschten Elementen zu verhindern, ein Einwanderungsverbot für aus Polen kommende Juden erlassen, außer unter der Voraus-