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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-12-01 · 23 (1.12.1928) · p. Seite 362

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
23 (1.12.1928)
Article
Zur Frage der Siedlungsbestrebungen
Date
1928-12-01
Page
Seite 362 (sequence 2)
Language
German
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362 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 23 regsamen Juden nicht befriedigen kann, muß als überwunden gelten. Heute muß auch auf der kleinsten bäuerlichen Stelle der wirtschaftliche und technische Fortschritt in der Organisation und in der Betriebsführung in Anwendung gebracht werden, wenn sie erfolgreich und rentabel gestaltet werden soll. Ebenso hat eS kein Mensch mehr nötig, auf dem flachen Lande zu „verbauern"! Radio, Theater, Kino, Telefon, moderne Transportmittel und gute Straßen ermöglichen es auch dem im entlegensten Dorfe Wohnenden, sich weiter zu bilden und ein geselliges. Leben zu führen. Jede moderne Siedlung ist Gruppensiedlung und schützt vor Vereinsamung und Absonderung. Voraussetzung einer erfolgreichen Siedlungstätigkeit ist das Vorhandensein beruflich qualifizierter Siedleranwärter. Schon bei der Auswahl deutscher Siedleranwärter ist es Pflicht jedes offiziellen und privaten Siedlungsunternehmens, diesen und seine Angehörigen auf ihre Siedlungseignung zu prüfen. Dies geschieht am besten in der Weise, daß man den zukünftigen Siedler mit seinen Angehörigen auf einem zu Siedlungszwecken bestimmten Gut als landwirtschaftlichen Arbeiter beschäftigt und so die Möglichkeit hat, ihn und seine Familie auf ihre berufliche Eignung und ihre wirtschaftlichen und menschlichen Qualitäten zu prüfen. Dies muß bei jüdischen Landwirten und Gärtnern um so mehr geschehen, als wir ja am Beginn bäuerlicher Neusiedlungen in Deutschland stehen. Es sind allerdings bereits in Deutschland eine große Anzahl junger, jüdischer Landwirte und Gärtner vorhanden. Sie haben ihre Lehrzeit auf Lehrgütern, wie Ahlem, Messingwerk u. a. m., absolviert, auf Großgütern und auf bäuerlichen Besitzungen gelernt und haben sich dann in mehrjähriger Praxis als Gehilfen, Gutsbeamte und Gärtner betätigt. Ebenso haben sich in Deutschland jüdische Mädchen in diesen Berufen ausbilden lassen und haben sich als Praktikantinnen bewährt. Wir haben es also nicht nötig, etwa mit Laien zu beginnen, sondern können aus diesem zum Teil prächtigen Menschenmaterial unsere ersten Siedlungsanwärter heranziehen. Für diese, die bereits mehrere Jahre praktisch gearbeitet und sich bewährt haben, besteht ja auch die Notwendigkeit, zu einer eigenen Vetriebsftätte zu gelangen. Denn trotz aller Fähigkeiten finden sie schwer passende Stellungen und noch schwerer Dauerstellungen und im Kampf um diese werden sie trotz aller Liebe zur Scholle leider oft genug müde und mürbe und so zum Verlassen des ihnen liebgewordenen Berufes gezwungen. Es darf vielleicht in diesem Zusammenhänge auf einige Betriebe hingewiesen werden, auf denen jüdische Landwirte und Gärtner zur Zufriedenheit der Besitzer und Gutöleiter arbeiten. Ein Betrieb in der Nähe von Cottbus wird von einem jüdischen Inspektor und seiner Frau bewirtschaftet. Zwei jüdische Praktikanten werden dauernd als landwirtschaftliche Arbeiter beschäftigt, ebenso zwei Lehrlinge, von denen einer vor kurzen» seine Lehrlingsprüfung vor einer Prüfungskommission der Landwirtschaftskammer mit gutem Zeugnis bestehen konnte. Außerdem arbeiten hier während der Sommermonate mehrere jüdische Praktikanten. Ein Gut, etwa 50 Kilometer von Berlin entfernt, wird ebenfalls von einem jüdischen Landwirt geleitet. Seine Frau besorgt die Haus-, Hof- und Viehwirtschaft. Hier sind ferner ein jüdischer Gärtnergehilfe, ein älterer Praktikant und zwei jüdische Lehrlinge beschäftigt. Mit der Intensivierung des Betriebes und der hier im Entstehen begriffenen Großgärtnerei sollen immer mehr jüdische Praktikanten und Lehrlinge Beschäftigung finden. Eine frühere Domäne in der Nähe von Oranienburg, die für Siedlungszwecke bestimmt ist und die noch mehrere Jahre als Großbetrieb bewirtschaftet wird, hat seit acht Jahren immer einen jüdischen Feldbeamten angeftellt, dessen Wirtschaftsfunktion größten Fleiß und starkes Verantwortungsgefühl verlangt. Auf einem 4000 Morgen großen Gute bei Trebbin beschäftigt der jüdische Besitzer seit etlichen Jahren einen jüdischen Beamten und mehrere jüdische Arbeiter, mit denen er sehr zufrieden ist. Für die hier angeführten Beispiele stehe ich mit den Adressen der Besitzer zur Verfügung und bin gern bereit, noch weitere Auskünfte zu erteilen und ernsthaft Interessierten auch die Möglichkeit zu geben, eine Besichtigung dieser Betriebe vorzunehmen. Die Lehrlinge und Praktikanten, die auf den obengenannten und anderen Gütern ihre Ausbildung erhalten, müssen auf ein Siedlungsgut kommen, um noch besonders für ihre spätere bäuerliche Betätigung vorgebildet zu werden, d. h. um siedlungsreif zu werden. Speziell gehört hierzu die handwerkliche Fertigkeit, die der zukünftige Bauer sich anzueignen hat und ähnliches mehr. Bei den Siedlungsbeftrebungen wird von Voraussetzungen ausgegangen, die das Leben und die tatsächlichen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in Deutschland diktieren. Es sollen nur solche Menschen zur Ansiedlung gelangen, die durch innere Berufung, physische Eignung.hierfür in Betracht kommen und vor allem auch beruflich tüchtig vorgebildet sind. Es ist dankenswert, daß der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten sich mit Liebe und Energie der Siedlungsbeftrebungen annimmt; er beginnt seine Arbeit mit den Tüchtigsten, um dann die Siedlung im breiten Rahmen durchführen zu helfen. Über das Siedlungsprodlem Referat von Rechtsanwalt Dr. Alfred Werner (München), gehalten auf der Tagung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden zu Bamberg, 18. Juni 1928. Wenn ich hier der freundlichen Einladung der Verbandsleitung folge, als Vorsitzender des Landesverbandes Bayern des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten über die Siedlungsfrage zu sprechen, so ist wohl die Vorfrage berechtigt: wie komme ich dazu, über diese Frage vor Ihnen zu sprechen und wie kommen Sie dazu, sich mit dieser Frage zu befassen? Diese Frage stellen heißt nicht die Zeit vergeuden: denn sie führt mitten in die Sache selbst hinein. Wenn ich frage, wie Sie als Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden dazu kommen, sich mit der Siedlungsfrage zu befassen, so kann die Antwort nur lauten: Sie tun es deshalb, weil es sich hier um eine Frage handelt, die die Zukunft des Judentums in Deutschland betrifft. Ich bin in diesen Tagen gelegentlich gefragt worden, ob ich der Frage nüchtern gegenüberstehe. Ich kann darauf antworten: ich stehe ihr absolut nüchtern gegenüber; denn meine Stellungnahme wird lediglich diktiert von den gegebenen Tatsachen. Ich gehe von der feststehenden Tatsache aus, daß das Judentum in Deutschland zweifellos zugrunde gehen muß, wenn die Frage der Berufsschichtung nicht einer befriedigenden Lösung entgegengeführt wird. Man könnte einwenden, es handle sich hier nur um Existenz der Juden heit, nicht um die des Juden t u m s. Allein Voraussetzung für die Existenz des Judentums, der jüdischen Ideen, ist die Existenz des jüdischen Menschen. Es bestehen aber eine Reihe von Tatsachen, welche zeigen, daß die Existenz des jüdischen Menschen in Deutschland bedroht ist. Sie ist nicht bedroht von den Angriffen von außen, die wir seit Jahrhunderten gewohnt sind, sondern von inneren Tasachen, die Ihnen bekannt sind und die allgemein bekannt sind. Wenn ich diese Tatsachen nenne, sage ich Ihnen also nichts Neues. Aber ich muß die Tatsachen ansühren, weil es notwendig ist, sie sich zu vergegenwärtigen. Sie müssen uns in Fleisch und Blut übergehen. Dann werden die notwendigen Ent-

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