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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-12-01 · 23 (1.12.1928) · p. Seite 361

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
23 (1.12.1928)
Article
Inhalt
Date
1928-12-01
Page
Seite 361 (sequence 1)
Language
German
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Nachrlchtenblatt üer Israelitischen Rultusgemeinöen in München unü Augsburg unü ües Verbanües Hagerischer Israelitischer Gemeinüen Vagerische IsraelAfche Gememöezeitung erscheint am 1. unü,5. )eüen Monats. — Verlag: V. Heller, München, Herzog-Mar-Vtraste 4, Fernruf 93099/ Postscheckkonto München Hc. 5987. Schrlstleitung: Vr. Lugen Bchmlöt, Rechtsanwalt ln München, Karlstraße 6. Bezugspreis für nicht elugewiesene Bezieher: Reichsmark 4.60 für üas Jahr. Anzeigenpreis: Die 4 gespaltene Millimeter-Zeile 40 ReichSpfeonig Familienanzeigen, Stellengesuche unü ähnliche Angebote 15 ReichSpfeonig 1?Z8 München/1. Dezember Nr. LZ Inhalt: Die jüdische Siedlungsaktion in Deutschland: Zur Frage der Siedlungsbestrebungen — Über das Siedlungsproblem — Wohin? — Juden in Argentinien — Haben die Juden in Bayern ein Heimatrecht? — Aus dem Verbände —■ Aus der Gemeinde München — Aus der Gemeinde Augsburg — Vereine — Amtlicher An- Zeiger: Bekanntmachungen der Israelitischen Kultusgemeinde München — Bekanntmachung über das Ergebnis der Wahlen zur Gemeindevertretung 1929 — Bekanntmachung über Verlegung von Geschäftsräumen des Wohlfahrtsamtes — Bekanntmachungen der Israelitischen Kultusgemeinde Augsburg: Berichtigung — Personalia Sondernummer: ßfe jüdische Siedlungsaktion in veulschland Anläßlich der Gründungsversammlung des »Reichsbundes für jüdische Siedlung in Deutschland" vom 24. November 1928 im Herrenhaus zu Berlin Zur §rage der Siedlungsbeslrebungen Von Güterdirektor S. Dyk, Berlin Es dürfte heute wohl unbestritten sein, daß die Juden sich, zur Landwirtschaft und zum Gartenbau ebenso eignen, wie zu irgendwelchen anderen Berufen. Ihre alte Befähigung als Bauern, Weingärtner und Viehzüchter haben sie niemals eingebüßt, und unter den denkbar schwierigsten Verhältnissen, wie in Argentinien, Palästina und neuerdings auch in Rußland bewähren sie sich in der Maffenkolonifation. Sind für diese Länder Motive, wie größte wirtschaftliche Notlage, oder starker nationaler Idealismus Beweggründe des Erfolges, und für die Verhältnisse in Deutschland scheinbar nicht maßgebend, so beweisen sie doch für jeden Fall, daß unter bestimmten Bedingungen diese Eignung bei den Juden vorhanden ist. Welche Voraussetzungen sind nun zur Zeit in Deutschland gegeben, um die Annahme berechtigt erscheinen zu lassen, daß auch hier jüdische Menschen in Verbindung mit der Scholle gebracht, sich als Bauern und Gärtner bewähren werden? Auch in Deutschland sind es in erster Reihe ideelle Motive, welche besonders die Jugend, und bestimmt nicht die schlechteste, zum landwirtschaftlichen Berufe drängt; das Streben, dem Großftadtpflaster zu entrinnen, wieder Zusammenhang mit dem Boden und der Natur zu gewinnen und sich Io physisch und psychisch auf andere Art auszuleben, als die moderne Stadt mit ihrem ewigen Haften und Jagen nach Erwerb und Vergnügen, ihrer Unruhe und ihrem ewigen Auf und Ab jedem es aufzwingt. Diesem Streben der Jugend schließen sich aus Gründen der vernunftmäßigen Überlegung und aus gefühlsmäßigen Gründen die Erwachsenen und Erfahrenen unter uns an; und zwar aus dem Motiv, unsere Volksgruppe nicht körperlich und seelisch degenerieren zu lassen, betrachten sie als wichtigstes Mittel außer Sport und handwerklicher Arbeit in der Stadt die berufliche Betätigung auf der Scholle. Neben diesen Gründen sind es solche rein praktischer Erwägungen, die Veranlassung geben, die Siedlungsbeftrebungen von Juden in Deutschland zu fördern und in steigendem Maße zu verwirklichen. Die ökonomische Lage der berufstätigen Juden in den Städten ist zur Zeit, wie allgemein bekannt, eine recht schwierige. Die moderne Entwicklung zum Warenhaus, Konzern und zur Trustbildung schaltet allmählich den Kleingewerbetreibenden und Kleinhändler als selbständigen Wirtschaftssektor aus und trifft damit besonders die Juden. Der immer mehr aggressiv werdende wirtschaftliche Antisemitismus verdrängt in steigendem Maße die jüdischen Angestellten und läßt jüdische Bewerber leider zu oft gar nicht mehr zur Anstellung zu. In den Provinzen mit stark agrarischem Einschlag vernichtet die Bildung der Genossenschaften den selbständigen jüdischen Kaufmann und Händler. Auch der jüdische Handwerker hat unter diesen Entwicklungstendenzen zu leiden. In dieser wirtschaftlichen Situation, die sich immer mehr zu ungunften der Juden verschlechtert, werden die Juden allmählich proletarisiert. Dem gegenüber ist der selbständige Stand des auf eigener Scholle wirtschaftenden Bauern und Gärtners vielleicht die einzige Rettung. Dagegen spricht nicht die derzeit ungünstige Lage der Landwirtschaft in Deutschland, die eine vorübergehende sein muß, wenn nicht die ganze Wirtschaft zusammenbrechen soll. Ebenso geben politische Motive begründeten Anlaß, jüdische Siedlungen in Deutschland durchzuführen. Es kann nicht eine ganze Volksgruppe freiwillig oder gezwungen sich einem Produktionszweige, das ist der Landwirtschaft, entziehen oder sich aus dieser verdrängen lassen, wenn sie im staatsbürgerlichen Sinne für sich die gleichen Rechte und Pflichten in Anspruch nehmen Der Einwand, daß die bäuerliche Betätigung den intellektuell

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