Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-11-15 · 22 (15.11.1928) · p. Seite 346

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
22 (15.11.1928)
Article
Althebräische Lyrik
Date
1928-11-15
Page
Seite 346 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2727810-2727850-2727872-2734298--03876-2734371
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

346 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 22 O ich friere so und bin doch Deines Hauches Sohn! Ewiger, in Deinen Sonnen, ich erkenne Dich: Sieh', aus Palmen senkt sich Deiner Heerschar Iubelton, - Lind die Fäulnis meines Leibes deckend, über mich. Gott Iaakobs, Du ersiehst in meinem Traum, Die Versöhnung Deiner Stirne sprengt das Erdenlos! Und ein Schwarm von Deinen Engeln fliegt durch Stern und Raum, Und auf Flügeln tragen sie mich still in Deinen Schoß. Legende um Rebekka Ich neige Dir mein Ohr, Was hast Du mit mir vor, Daß ich soll Mutter sein? So spät trag' ich die Frucht In meines Leibes Bucht. Soll das zum Guten sein? O Herr, der alles heilt, Die Frucht da ist geteilt, Die Teile sind im Streit, Und Aufruhr ist in mir, Ein Kampf voll Haß und Gier. Was traf mich dieses Leid? Und Gost verkündet ihr: Zwei Völker sind in dir, Ein zwiegesinnt' Geschlecht. Zwei Söhne trägst du aus, Die Wiege ist dein Haus, Sei stumm und sei gerecht! Da harrte Isaks Weib Geduldig, bis ihr Leib Von seiner Last befreit. Und so es Ernte war, Zwei Knaben sie gebar, Zwei Völker für die Zeit. vie jüdischen Dichter in der modernen deutschen Literatur Bericht über den Vortrag von Universitätsprofessor Dr. Strich, gehalten im Rahmen der „Lehrkurse der Israelitischen Kultusgemeinde München". Durch den Antisemitismus der Nachkriegsjahre wurden alle erschüttert. Manche zweifelten, ob sie nicht ein Fremdkörper im Organismus des deutschen Volkes seien, andere wollten nur um so tiefer in die deutsche Volksgemeinschaft hineinwachsen, andere leugneten irgendwelche Unterschiede, andere besannen sich auf ihr Judentum. Ich selbst habe früher die deutschen Dichter jüdischer Abstammung behandelt wie andere deutsche Dichter. Heute erscheint mir dies problematisch. Ich frage mich, ob der jüdische Dichter ein deutscher Dichter wie jeder andere sein kann. Die dringendere Frage ist aber die Frage nach dem „Soll". Soll der jüdische Dichter neben seiner deutschen Ausgabe noch eine jüdische Sendung anerkennen? Nicht in Frage steht die dichterische Genialität des Juden. Die Geschichte hat es bewiesen. Für Goethe bedeutete das „Hohe Lied" die Krone lyrischer Dichtung. Es ist auch keine Frage, ob jüdische Gedichte in deutscher Sprache möglich sind. Ein einziges Gedicht von Heine gibt davon Zeugnis. Werfel und Hofmannsthal beweisen es. Auch die Frage nach einer jüdischen Sendung des Dichters ist für mich heute keine Frage mehr. Ein Volk, welches als nationale Urkunde das alte Testament besitzt hat eine Sendung. Diese Welt ist nicht zu denken ohne dieses Testament. Es ist die Grundlage aller Kultur geworden. Die Frage ist vielmehr, ob sich der jüdische Dichter seiner jüdischen Sendung bewußt geblieben ist, ob er im Ansturm der vielen von außen kommenden Eindrücke ein inneres Zentrum, einen festen ruhenden Punkt in sich selbst besaß. Die Situation des jüdischen Dichters war schwer, war unvergleichlich tragisch. Ein Volk, das kein Volk mehr ist, ohne eigene Sprache, ohne eigene Landschaft! Ist der Dichter nicht schicksalhaft an eine Sprache gebunden, zwingt eine Sprache den Geist nicht in ihre Bahnen, formt und bildet, wurzelt die Dichtung nicht in einer Landschaft? Jakob Wassermann hat in seinem Bekenntnis „Mein Weg als Deutscher und Jude" erklärt, er fühle sich nicht mehr als Jude. Die deutsche Sprache, in der er aufwuchs, die deutsche Landschaft, in der er weile, die deutsche Kultur hätten ihn zu einem Deutschen gemacht. Östliches Blut sei kein Schicksal, das nicht durch solche Mächte zu brechen sei'. Seine Verzweiflung geht dahin, daß er trotz allem als Fremdling angesehen wird. Nirgends ist die gegenseitige Befruchtung der Geister inniger und leichter vor sich gegangen, als zwischen Deutschen und Juden. Nirgends hat der Jude einen so schaffenden Anteil an der Kultur nehmen können, als in Deutschland. Die neuhochdeutsche Sprache entstand bekanntlich aus der Bibelübersetzung Luthers und es ist gar nicht auszudenken, wie die Gedankenwelt der Bibel auf die Form der deutschen Sprache eingewirkt hat. Die Hymnen Klopstocks und Hölderlins erklangen psalmifch. Lessing hat dem Juden Nathan dem Weisen sein Humanitätsideal in den Mund gelegt, Spinoza steht über Goethes sittlicher Bildung als Leisttern. In Goethes „Faust" ist nicht nur das Vorspiel, die Wette zwischen Gott und Teufel, aus dem Buche Hiob hervorgegangen, es hat auch ein bekannter Germanist nachgewiesen, das dem Dichter des Faust die Gestalt des Moses vorgeschwebt hat. Mit der Gestalt Moses beschäftigt, hat Goethe erst den lange vernachlässigten Faust wieder ausgenommen. Umgekehrt hat das Judentum von keinem Volke mehr empfangen als von dem deutschen. Ein Luther hat die Bibel übersetzt, die deutsche Philosophie, insbesondere der Idealismus Kants kam dem jüdischen Geiste so nahe, daß der erste, der ihn verstand, ein Jude war und der letzte, der sich voll zu Kant bekannte, ein Jude war, Hermann Cohen. Offenbar muß hier eine innere Beziehung obwalten. Wilhelm Schäfer hat in seiner Rede über die Judenfrage gesagt: der ewige Jude könnte ebensogut der ewige Deutsche sein. Beide Völker, das jüdische wie das deutsche, betrachten die Welt nicht als gegeben, sondern als aufgegeben: sie wollen die Welt gestalten, verwandeln, die Tat ist alles, beide sind sehnsüchtig, niemals gegenwartserfüllt. Der künstlerische Ausdruck beider Völker ist nicht die Plastik, sondern die Musik, nicht Raumerfüllung, sondern Zeiterfüllung. Ein großer Unterschied besteht trotz allem, sonst gäbe es keine Judenfrage. Der Deutsche fragt nicht weiter nach dem Grunde des Ethos, es ist Gebot der sittlichen Vernunft, der Jude aber will nur t>. HAUS MÜNCHEN KARLSPLATZ 5 DER QU AL11ÄTS STOF FE \ X X NÜRNBERG J LUITPOLDSTRASSE 11 J '77T N. STARK & Cit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.