Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 21 (1.11.1928)
- Article
- Lehrkurse der israel. Kultusgemeinde München
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 334 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2727810-2727850-2727871-2734204--03816-2734264- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
334 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 21 fwer'?ch< ^erein|bQ/j '^onwen^ lnsWan4 Günstige Verzinsung von Bareinlagen, auch kleinster Beträge und die vielen anderen Namen denken. Daß dieses Thema eine seinem Gegenstand würdige Behandlung finden wird, kann bei einem Mann als selbstverständlich gelten, der sich durch feinste Analysen dichterischer Schöpfungen in der wissenschaftlichen Welt einen Ruf erworben hat. In feinem grundlegenden Werke „Deutsche Klassik und Romantik" hat Strich folgendes geäußert: „Was endlich die analytische Methode betrifft, welche die Dichtungen in ihre Formelemente zerlegt, um diese Elemente einzeln miteinander zu vergleichen, so möchte diese Methode keineswegs das Erlebnis von der unbedingten Einheit eines Kunstwerkes zerstören. Im Gegenteil, sie gerade zeigt, wie eben alles, auch das kleinste Element, aus einem einzigen Zentrum fließt. Wie in jeder Einzelheit die ganze Seele liegt." Nicht minderem Interesse dürfte ein Vortrag von Kustos Dr. Karl Schwarz (Berlin) begegnen, der über „Die vier großen jüdischen Impressionisten Pissaro, Israels, Liebermann, Ury spricht. . Es soll ferner eine von vornherein für einen kleineren Kreis stärker Interessierter vorgesehene Arbeitsgemeinschaft tätig werden, deren Leitung der aus früheren Lehrkursen bereits bestbekannte Dr. Willy Meyer (Nürnberg) übernommen hat. Thema dieser Arbeitsgemeinschaft ist „Spinoza". Es sind zwei Abende vorgesehen. Erster Abend: Lebensgeschichte; zweiter Abend: Gottesbegriff. Spinoza! Vielleicht gibt es kein erschütternderes und zugleich erhebenderes Beispiel menschlicher Geistesgröße als die Gestalt Spinozas, allen äußeren Würden aus dem Wege gehend, allen Anfeindungen trotzend, von mühseliger Handarbeit seinen Lebensunterhalt verdienend, mit allen Kräften ewigen Wahrheiten nachftrebend. Für die Einzelheiten verweisen wir auf das genaue Programm unter dem lokalen Teil „Aus der Gemeinde München" und auf den dieser Nummer beiliegenden Prospekt. Wir sind überzeugt, daß die Mitglieder der. Gemeinde München von den ihnen gebotenen Möglichkeiten im weitesten Umfang Gebrauch machen werden. 5lus dem Kelche Versündigung an der deutschen Kultur Segen^§riedhofschSndungen und rohe Gewalt Berlin, 19. Oktober. (ITA.) Für Donnerstag, den 18. Oktober, -abends, hatte der Central-Verein deusscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in den Sitzungssaal des ehemaligen preußischen Herrenhauses zu einer Kundgebung geladen, deren Motto lautete: „Versündigung an der deutschen Kultur. Gegen Friedhofsschändungey und rohe Gewalt." Der Einladung hatten viele Hunderte jüdische und nichtjüdische Persönlichkeiten Berlins Folge geleistet; Saal und Galerien waren dicht gefüllt. Der erste Vorsitzende des Central-Vereins, Herr Justizrat Dr. Julius Vrodnitz, begrüßte namens des Central-Vereins die Vertreter der Reichs- und der Staatsbehörden, sowie den Präsidenten der Berliner Jüdischen Gemeindeland gab einen Rückblick auf die überhandnehmenden Schändungen jüdischer Friedhöfe, Devastierungen von Synagogen und rohen Angriffen gegen, jüdische Bürger. Es handle sich um eine der fürchterlichsten psychischen Seuchen. Seit November 1923 kamen in Deutschland nicht weniger als 62 Fälle von Schändung jüdischer Friedhöfe vor. Die Täter sind selbst Unglückliche, Verhetzte, Puppen in der Hand der Hetzer und Verführer. Möge der heutige Appell an das Gewissen des deutschen Volkes dazu beitragen, daß die vergiftete Atmosphäre gereinigt werde. Rabbiner Dr. Levi (Mainz) schilderte das Martyrium der Judenschaft im Rheinland, das unter dem Terror eines rohen Hakenkreuzlertums steht. Solange die fremde Besatzung im Lande war, hatten sich diese Elemente feige verkrochen; unter der deutschen Verwaltung aber wagen es die Hitlerleute unter Kundgebung einer „Siegfriedgesinnung", die rheinische Judenschaft zu bedrohen, die nachweisbar seit Jahrtausenden auf dieser Scholle lebt und an allen Lasten, Leiden und Freuden des deutschen Volkes bis zu hundert Prozent teilgenommen hat. Macht nicht die Jugend krank, rief der Redner aus, die unsere Erlösung sein soll. Geheimrat Professor Dr. Blumenthal (Berlin) sprach von den großen deutschen Kulturtaten, wie die Dr. Eckeners, die den Ruhm Deutschlands in alle Welt tragen. Taten, die durch Akte der Roheit und der Entmenschtheit verdunkelt werden könnten. Leider sind die Gerichte, die über Anschläge gegen Juden und jüdische Heiligtümer zu urteilen haben, gegen die Täter außerordentlich milde. Wo wir als Juden angegriffen werden, finden wir nicht unstr Recht. Und dennoch: legen wir nicht die Hände in den Schoß, verzweifeln wir nicht am deutschen Vaterlande. Wir sind Deutsche und wollen es bleiben. Inzwischen war der Reichsjustizminister Dr. Koch im Saale erschienen. Der Vorsitzende Dr. Vrodnitz richtete an ihn unter starkem Beifall der Versammlung herzliche Worte der Begrüßung. Der Reichsminister bestieg die Tribüne und gab im Namen der deutschen Reichsregierung folgende Erklärung ab: Hochverehrte Landsleute! Die Reichsregierung, in deren Namen ich spreche, ist mit Ihnen einig in der Entrüstung über die Vorfälle, die hier vorgetragen wurden, und im Schmerze, daß Deutsche Deutschen Derartiges haben antun können. Wir alle, die wir hier versammelt sind, wissen, daß deutsch ist: wer nach Sprache, Sitte, Kultur und Schicksalsgemeinschaft dem deutschen Vaterlande angehört; wir find uns einig in der Verurteilung der Ausschreitungen, die deutsche Staatsbürger gegen deutsche Staatsbürger und deren Gotteshäuser begehen. Wenn sich aber Haß und Irrwahn sogar gegen Tote kehrt, so geht das weit über allen Antisemitismus hinaus. Das ist nicht mehr ein Gegensatz zwischen Deutschen jüdischer Konfession und Antisemiten, sondern ein Gegensatz zwischen Mensch und Unmensch. Seien Sie überzeugt, daß die Reichsregierung gegenüber solchen Ausschreitungen ihre Pflicht tun wird als Hüterin der Ordnung und des Friedens und im Interesse des deutschen Ansehens im Auslande, weil sie sich selbst in ihrem Rechtsgefühl durch diese Ausschreitungen auf das Tiefste und Schmerzlichste beleidigt