Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 19 (2.10.1928)
- Article
- Protest Walter v. Molos gegen die Friedhofschändungen in Deutschland
- Date
- 1928-10-02
- Page
- Seite 306 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2727810-2727850-2727869--03697-2734066- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
306 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 18 Das tägliche Brot müssen Ihre Kinder haben — sie brauchen aber auch geistige Nahrung. Und die soll doch wenigstens zum Teil jüdisch sein. Bestellen Sie noch heute das „Zelt“ bei der Post, damit bereits das erste Heft des neuen Quartals richtig geliefert wird. Protest Walter v. (Dolos gegen die Sriedhofschandungen in Deutschland Berlin, 19. September. (ITA.) Der angesehene Schriftsteller Walter o. Molo veröffentlicht einen Artikel, worin er an alle anständig Denkenden appelliert, gegen die Verwilderung der Friedhosschändungen zusammenzustehen. Er führt aus: „Spricht ein Jude gegen solch irrsinnige Trottelei, so ist er „Partei", sagt der hysterisch-robuste und „christliche" Zeitgenosse. Darum trete ich vor, weil ich nicht Partei bin und sage, im Bewußtsein, daß es eine Schande ist, solches in Deutschland sagen zu müssen: Es ist das undeutscheste, unchristlichste, roheste, gemeinste, feigste Mithelfen bei dem Handeln, eine Verkommenheit, deren wir uns nicht nur zu schämen, gegen die jeder, ohne jeglichen Unterschied, mit gewaltigster Verachtung vorzugehen verpflichtet ist. Das ist keine kleine Sache, das ist keine Konfessions- oder Glaubenssache, das hat mit Politik nichts, aber schon gar nichts, mit gar nichts anderem zu tun, als damit, daß sich in diesem Handeln Eigenschaften zeigen, zu denen verurteilende Worte, wie bübisch, bestialisch, viehisch nicht hinreichen; hier stockt wirklich das menschliche Wort, das der Anfang und das Ende ist — das ist das Ende, jeglichen auch nur hauchartigen Tier- oder Menschseins. Das ist das Ende, die Verdammung, der umgestürzte Gipfelpunkt der Vermaledeiung. Ich bitte alle großen Zeitungen, alle Lehrer, alle Geistlichen, jeden, der irgend sich auch nur einer Spur Mitverantwortung der Gesamtheit gegenüber bewußt ist, sich aus der stumpfen Gleichgültigkeit des Zusehens bewußt zu werden, daß sich in diesen systematisch betriebenen nächtlichen Friedhofschändungen eine Verwilderung zeigt, gegen die jedes Verbrechen anderer Art gering erscheint. Sind die Gräberbesudler, die Grabsteinzertrümmerer Kinder oder Halbreife, wie in den meisten Fällen, dann tragen in noch höherem Maße die Schuld die „Erwachsenen", für die es erst recht kein Wort gibt, das verdammend genug wäre, für solche, die jugendliche Seelen derart durch Verhetzung 'in den letzten Gestank und Schlamm der Selbstentmenschung, und dadurch Selbstverdammung, hinabschleudern. Sprecht jedes, das diese Zeilen liest, zu allen, über die Friedhofschänder, es darf^ein Aber oder Doch heimlicher oder offener Art geben! Macht euch und jedem klar, daß Tollwütige durch unsere Nächte streifen, die für jede Seele größte Gefahr bedeuten, vernichtet die tollwütigen Seelen der Schänder durch einen Sturmwind einiger Verachtung." Gefängnisstrafe für antisemitische Beleidigung Redakteur Esser, der Münchener völkische Agitator, wurde zu 14 Tagen Gefängnis verurteilt. Er hatte als Abgeordneter des oberbayerischen Kreistages bei der Verpflichtung des vor kurzem verstorbenen jüdischen Mitglieds, Rechtsanwalt Albert N u ß - bäum, den Zuruf gemacht: „Judeneidl" Für diese unerhörte Beschimpfung wurde Esser zu der obengenannten Strafe verurteilt. Berichtigung Herr Hirsch Oppenheimer (Laudenbach) schreibt uns: Zu meinen Ausführungen des Bamberger Versammlungsberichts Seite 283 der Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung sei es mir gestattet, eine Berichtigung anzumelden: Ich habe nicht von größeren Beträgen für die Nebenämter gesprochen, ich habe auch nicht diese Beträge als Zuschlag zur Pension verlangt, ich habe vielmehr ausgeführt, daß die größere Arbeitslast eine frühere Arbeitsunfähigkeit veranlassen kann und deshalb angeregt, es möchten die Beträge für die Nebenämter als versorgungsberechtigt erklärt werden. Dieser Dersorgungsanspruch aus den Nebenämtern sollte als Zuschlag zur gesetzlichen Pension gezahlt werden. 5lus dem Verbände Neumarkt (Oberpfalz). Der Sabbat vor m war für unsere Gemeinde ein herrlicher Festtag; denn an ihm wurde unsere während des Sommers renovierte Synagoge ihrer Bestimmung wieder übergeben. Der rastlosen Tätigkeit unseres Vorstandes Herrn Adolf Baruch im Verein mit unserem für das Gemeindewohl unermüdlich besorgten und jederzeit opferfreudigen Ratsmitglied Herrn Kommerzienrat Dreichlinger ist es gelungen, unser Gotteshaus unter der sachkundigen Leitung des Herrn Architekten Albert Meyer aus Nürnberg durch hiesige Meister als hehres Schmuckkästchen erstehen zu lassen. In hervorragender Weise ist die Ausstattung der Ostseite gelungen, die eine vollständige Neugestaltung erfahren hat. Über der in Rot gehaltenen von goldkannelierten Säulen flankierten heiligen Lade treten aus einem strahlendurchschimmerten Gewölke zwei Gesetzestafeln mit den 10 Geboten hervor. Zwei geschmackvoll ausgesührte bunte Fenster mit dem Davidstern in der oberen Rundung erfüllen in vornehmer Schlichtheit rechts und links den Raum bis zu den Emporen, die wie das Gestühl und die Wandtäfelung mit ihren vergoldeten Fassungen in leichtem Beige gehalten sind. Wände und Decke sind gelb getönt und durch ein elfenbeinfarbenes Hohlkehlenband verbunden, das die Akustik in ganz ausfallender Weise verbesserte. Auch der Fußboden ist mit einer Steinholzmasse neu belegt. Das ganze wirkt durch seine Ruhe und Stilreinheit äußerst stimmungsvoll. Ein solches Werk erfordert natürlich nicht unbedeutende Mittel und wenn auch durch Zeichnung von Anteilscheinen wie durch freiwillige Gaben seitens jetziger oder ehemaliger Gemeindeangehöriger ganz ansehnliche Beträge aufgebracht und durch Stiftungen gar manche Ausgabe übernommen wurde, so wäre es unsrer verhältnismäßig kleinen Gemeinde ohne das Wohlwollen und die finanzielle Unterstützung des Verbandes kaum möglich gewesen, es aus eigener Kraft zu schaffen. Es war darum für uns doppelt erfreulich ehrenvoll, daß der hochverehrliche Verbands-Präsident, Herr Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer, uns durch seine persönliche Teilnahme an unsrer Weihefeier auszeichnete, zu der auch Herr rechtskundiger Bürgermeister ■ Weidner erschienen war. — Der eigentliche Festakt fand in Verbindung mit dem Freitag-Abendgottesdienst statt. Es war ein erhebender Augenblick, als nach dem Mah taubu die Thorarollen im Feierkleide unter dem Gemeindechorgesang Wajehi binzana eingeholt und in den Araun hakandosch verbracht wurden. Hierauf hielt Herr Bezirksrabbiner Dr. Weinberg eine tiefempfundene Weiherede. Herr Kultusvorstand Baruch begrüßte die Gäste und Gemeindeangehörigen und dankte in herzlichen Worten allen, die durch Rat und Tat sich verdient gemacht. Nun nahm Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer das Wort und legte in bekannt eindrucksvoller Weife die Bedeutung des Verbandes für die bayerische Judenheit und besonders für die Kleingemeinden dar und schloß mit der Mahnung, sich der Pflichten als Glieder der Glaubensgemeinschaft wie als Staatsbürger in gleichem Maße bewußt zu bleiben. Nach dem Solovortrag des 100. Psalms durch den Kantor nahm der Abendgottesdienst seinen üblichen Verlauf. Am Abend lud Herr Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer die Vorstände und Beamten mit ihren Frauen zu einer gemütlichen Unterhaltung in die Wohnung des Herrn Kommerzienrats Dreichlingen ein. Am Samstag nachmittag fand sich dann die Gemeinde zu Ehre ihres geschätzten Gastes im Kainzschen Garten zusammen und nur zu rasch verflossen die Stunden unter den anregenden Ausführungen und Mitteilungen des Herrn Präsidenten. Möge das schöne Gotteshaus ein Segensquell für unsere Gemeinde sowie für alle diejenigen werden, die sich während des Jahres als Gäste unseres Luftkurortes, der „Perle der Oberpfalz" in ihm einfinden und sich erfüllen des Psalmisten Wort: boruch habo beschein haschem, berachunchem mihös haschem! Nußbaum. München: Für eine Familienforschung wird um gütige Nachricht gebeten, in welcher Gemeinde Moses, Moritz oder Mathias Ncustätter, geboren 1812 in der Au bei München, das Amt eines Schammes versah und was sonst über dessen näheren Lebensverhältnisse bekannt ist. Gefl. Mitteilungen an Dr. Theodor Wilmersdoerffer, Friedrich-Herschel-Straße 9.