Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 17 (13.9.1928)
- Article
- Natur und Kindermund
- Date
- 1928-09-13
- Page
- Seite 278 (sequence 2)
- Language
- German
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278 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung -.Hi. 17 und der Körper, wiewohl auch sie Untrügliches zu lehren vermag, ist die Betrachtung des Geistes. Wohin führt uns wohl nunmehr der Dichter? Er bietet uns ein Schauspiel, das das Entzücken jeder jungen Mutter ist, das jeder Mutter bei ihrem Kinde sich darbietet. Der lallende Kindermund lehrt uns das Dasein Gottes. In dem Lallen des Kindermundes kündet sich der erwachende Geist an. Wenn es aber einen Geist im Menschen gibt, dann muß es auch einen All-Geist geben, aus dem der Geist des Kindes, der Geist des Menschen erfließet. Wir verstehen jetzt den Dichter, wenn er sagt: „Aus dem Mund der lallenden Kinder und der Säuglinge Haft Du Dir eine Macht begründet, um zum Schweigen zu bringen den Feind und den rachsüchtigen Gegner." Wer sind denn diese Feinde und erpichten, leidenschaftlichen Gegner Gottes? Es sind die Materialisten, die jeden Geist leugnen, es sind die Monisten, die einzig und allein den Stoff und die Materie als selbständige Substanz gegeben gelten lasten und alle geistigen Äußerungen nur als zufällige Begleiterscheinungen der Materie erklären. Der beste Beweis für das Dasein Gottes ist der lallende Kindermund, die beste Widerlegung des Atheismus, in welcher Form er immer auftreten mag, ist das das Mutterherz entzückende erste Stammeln des Kindes, das sich zur Sprache entwickelt, die ihrerseits die Äußerung des menschlichen Geistes ist und den es in selbständiger Wesenheit nur geben kann, wenn es einen All- Geist, wenn es einen Gott gibt. Wir sagten es schon, man könnte meinen, der Psalmist wollte das Dasein Gottes beweisen und wir müßten zugestehen, daß seine Beweise keine schlechten sind. Aber das will er gar nicht. Gott ist für ihn unbezweifelbare Tatsache. Er will auf etwas anderes hinaus. Er will uns die Empfindungen schildern, die Rückwirkung, die diese doppelte Betrachtung auf die menschliche Seele, vor allem aus das empfängliche Gemüt ausübt. „Wenn ich emporblicke zum Himmel, dem Werke Deiner Hände, zum Mond und den Sternen, die Du feftgeftellt hast, was ist dann der Mensch, daß Du seiner gedenkest, der Adam-Sohn, daß Du auf ihn achtest?" Wir fühlen uns niedergebeugt, ja niedergeschmettert, wenn wir die ungeheuren Masten der Himmelskörper betrachten, denen gegenüber in der Tat der Staubgeborene sich wie ein winziges Stäublein Vorkommen muß. Ach, Schwäche, Niedergedrücktheit, Ohnmachtsgefühl bis zum Vergehen müssen sich bei solcher Betrachtung in der menschlichen Seele einftellen. Wäre Materie und Stoff die alleinige Wirklichkeit und die alleinige Anschauungsform der Welt, wir wären wahrlich wenig, gar nichts. Wir müßten vor Scham vergehen, wir hätten, um mit dem Dichter Die Neichsardeitsgemeinschait „Biszum Inkrafttreten der Verfassung eines Reichsverbandes vereinigen sich die jüdischen Landesverbände des Deutschen Reiches zu einer Arbeitsgemeinschaft. Ihr obliegt die Erledigung dringender gemeinschaftlicher Aufgaben der deutschen Juden gegenüber Reich und Öffentlichkeit." So lauten die einleitenden Sätze des Entwurfs der Verfassung einer Arbeitsgemeinschaft der jüdischen Landesverbände des Deutschen Reiches, die bekanntlich vom Verbände Bayerischer Israelitischer Gemeinden als erstem der deutschen Landesverbände auf feiner Bamberger Tagung in diesem Jahre angenommen wurde. Inzwischen ist diese zu reden, das durchbohrende Gefühl unseres Nichts. Es wäre besser, wir würden den Himmel nicht betrachten. Da geht es aber wie ein Besinnen über den Psalmiften und er wendet sich wieder dem lallenden Kindermund zu und er erkennt, daß Gott durch die Sprache, durch den Geist, der die Sprache formt, dem Menschen den größten Vorzug verliehen hat, daß er ihn wirklich nur wenig am göttlichen Wesen fehlen ließ. „Wahrlich, Du setzest ihn zum Herrscher ein über Deiner Hände Werk, alles hast Du ihm zu Füßen gelegt, Schafe und Rinder alle, auch das Getier des Feldes, die Vögel des Himmels und die Fische des Meeres, die da durchziehen die Pfade der Meere." Und wir können die Worte des Psalmiften erweiternd hinzufügen, der aus Gott geflossene Menschengeist ist Herr der Natur, er dringt mit seinem Geist hinauf in den Himmel und wagt sich hinein in die Sphären der Sonnensysteme und der Fixsterne, er durchforscht durch die Spektral-Analyse ihre Stoffe, die er nie zu Gesicht bekommen, er wagt den Flug in die Höhe der Luft, er mißt Sonne und Mond und Sterne und stellt fest ihre Entfernung und ihr Gewicht. Kann es uns Wunder nehmen, daß bei solcher Betrachtung des lallenden Kindermundes die menschliche Seele ein unendliches Selbftbewußtsein empfindet, daß sie sich emporgehoben fühlt und in der Feststellung ihrer Verwandtschaft mit dem Geiste Gottes Stolz und Genugtuung empfindet? Und ist es nicht augenscheinlich, daß solches Selbstgefühl in Gefahr ist, zu überschlagen? Ist es nicht klar, daß zwei derartig sich ausschließende Empfindungen, wie Schwäche und Selbftbewußtsein nicht ohne Schädigung des Menschen nebeneinander in der Seele bestehen können? Das weiß der Dichter und darum reguliert er die Schwäche, wie den Stolz und zeigt uns, wie durch ihre Zurückführung auf Gott und ihre Beziehung zu Gott die herrlichsten Tugenden sich ergeben, Gottesfurcht und Demut. Du brauchst dich nicht zu schwach zu fühlen und du darfst dich im Bewußtsein deiner göttlichen Auszeichnung nicht überheben! Sei gottesfürchtig und demutsvoll! „Ewiger, unser Gott, wie machtvoll ist doch Dein Namen über die ganze Erde hin." Mit diesem Satz beginnt und mit diesem Satz schließt der Psalmift. Er will Schwäche und Stolz in gleicher Weise besiegen durch Gottesfurcht und Demut. Gerade am Abend des Neujahrsbeginnes, da die Seele bei einem Rückblick auf die in Selbstliebe übersteigerten Leistungen und persönlichen Erfolge einen Anflug von Stolz empfinden könnte, da der Mensch niedergedrückt und mutlos der nach dem Willen Gottes verhüllten Zukunft gegenüberfteht, die er nicht zu deuten, ja nicht einmal zu erkennen vermag, dürfte sich die Parole des 8. Psalms empfehlen, daß wir Stolz und Schwäche in gleicher Weise durch Gottesfurcht und Demut zu überwinden trachten sollen. tritt in die praktische Arbeit ein Arbeitsgemeinschaft, die sich durch den Beitritt sämtlicher Landesverbände seitdem konstituiert hat, rascher, als mancher es erwartete, in die praktische Arbeit eingetreten. Am 2. September 1928 haben zu Berlin zum erstenmal in den neuen Räumen des Preußenverbandes in der Kantftraße die Vertreter der sämtlichen jüdischen Landesverbände Deutschlands getagt, um in sachlicher Arbeit ihre gemeinsamen Aufgaben zu fördern. Als Vertreter der einzelnen Landesverbände waren erschienen: für Preußen Kammergerichtsrat Wolfs, Rabbiner Dr. Leo Baeck, Professor Dr. Elbogen, Professor Türk, Mittel-