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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-08-15 · 15 (15.8.1928) · p. Seite 248

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
15 (15.8.1928)
Article
Aus Wassermanns "Maurizius"
Date
1928-08-15
Page
Seite 248 (sequence 2)
Language
German
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248 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 15 machen, es führt unabänderlich zur Selbftzerstörung, nämlich Nämlich einer, der sich selber zugrunde richtet; das ist ein Verwenn es, wie in seinem Fall, die Zerstörung des anderen Teiles brecher; der Mensch, der sich selber zugrunde richtet, der rft ein bedingt." Verbrecher." .. (Maurizius und der Gefängniswärter): „Da sagte er auf „Allein hat der Mensch keine Seele, das dürfen Sre nur einmal feierlich: dafür kann ich Ihnen was verraten: ich ruhig glauben. Allein hat er infolgedeffen auch keinen (Sott weiß jetzt, was ein Verbrecher ist. Nämlich? frag' ich gespannt. Moderne SvnagogenmustK Es ist eine unbestreitbare Tatsache, daß auch die Komponisten synagogaler Kunstmusik in ihrer Kompositionstechnik, in ihren Gedanken beeinflußt werden von der in der allgemeinen musikalischen Entwicklung jeweils herrschenden Richtung. Wie Sulzer unter dem Einfluß der klassizistischen Musikepoche stand, so ist bei Lewandowski der Einfluß der romantischen Musikepoche unverkennbar. Sie schufen in den überlieferten Formen und Regeln synagogale Gesangswerke mit der Absicht, aus die betende Gemeinde durch die Kunst ästhetisch und ethisch einzuwirken, durch religiöses, edles Pathos gebeugte Gemüter aufzurichten, sie von der Unrast des Alltags hinweg zu innerer Einkehr und Sammlung, zu frommer Andacht zu führen. Das Gotteshaus war von jeher und soll es immer bleiben ein Beh tesilloh, ein Bethaus. Die neue Zeit aber mit ihren mannigfachen grundstürzsnden Umwälzungen fordert auch auf dem Gebiete der Musik völlig neue Ausdrucksmittel. Was bisher in der Kompositionstechnik als unantastbar galt, wird rücksichtslos beiseite geschoben mit dem Schlagwort: Alles ist erlaubt, wenn es einem wahren Empfinden entspringt. Diese Kunstanschauung, einem musikalischen Anarchismus entstammend, charakterisiert treffend Guido Adler mir den Worten: „ ... Die verstandesmäßige Verarbeitung des Materials scheint die freie Erfindung in den Hintergrund zu drängen, das Artistische wird in Einzelfällen als Selbstzweck angesehen. Die Melodik wird ein Tummelplatz bizarrer Einfälle und entfernt sich durch überhäuften Gebrauch alterierter, übermäßiger und vermindeter, weiter Intervalle von ihren natürlichen Bedingungen, von der Muttererde." Eine so geartete Musik sollte, wie von . der Kirche, so auch von der Synagoge serngehalten werden. Mit ihren Irrungen und Wirrungen, mit ihren fortwährend wechselnden Modulationen, mit ihren dauernden Vorhalten, ihrer übertriebenen Chromatik und Enharmonik muß sie nervenaufpeitschend, beunruhigend wirken, also das gerade Gegenteil von dem erreichen, was nach obigen Ausführungen die Synagogenmusik bezwecken soll. Damit sei durchaus nicht das Wort geredet einem starren, jeden Fortschritt ablehnenden Festhalten an überlieferten Ausdrucksmitteln. Auch die Synagogenmusik verwende in maßvoller Weise die Errungenschaften einer fortschreitenden Entwicklung, die Erweiterungen auf harmonischem und rhythmischem Gebiete, vergesse aber darüber niemals ihre Zweckbestimmung und den Grad der Aufnahmsfähigkeit der in der Synagoge versammelten Beter. Rach diesen Bemerkungen allgemeiner Natur, wende ich mich zur Besprechung des jüngst erschienenen Synagogengesangswerkes: Romemoß el. Jüdische gottesdienstliche Gesänge von Leon K o r n i tz e r, Oberkantor am Israelitischen Tempel in Hamburg. Verlag I. Kauffmann, Frankfurt am Main. In diesem Werke erscheint Kornitzer sozusagen mit einem Januskopf. Zwei Gesichter blicken, zwei Seelen wirken sich aus nach entgegengesetzten Richtungen. Dort, wo der Autor der modernen und modernsten Kunstrichtung huldigt, trennen sich unsere Wege. Dorthin kann und will ich ihm, bei meiner konservativen Einstellung der Synagogenmusik gegenüber, nicht folgen. Als Beispiele seien unter anderem genannt der Chorsatz Likraß schabboß aus dem sonst gut durchgesührten lechoh dodi 1a; hißorari und boi wescholom aus lecho dodi 1c, in denen eine gewisse Originalität zu erreichen gesucht wird durch übertriebene Chromatik, durch übermäßige Dreiklänge und unerwartete Ausweichungen auf Kosten ungezwungener Natürlichkeit und fließender Sangbarkeit. Unter den acht verschiedenwertigen Keduschoß enthalten Nummer 5, 6 und 7 teilweise harmonische Exzesse, die in der Begleitung durch ihre Schwerflüsfigteit mehr als übermalendes, denn als untermalendes Element wirken, zum Nachteil der Singstimme und der Möglichkeit, in den Herzen der Beter eine andachtsvolle Stimmung hervorzurufen und festzuhalten. An dem gleichen Mangel krankt auch Nummer 41, "Was ist der Mensch auf Erden?" So sehr ich die Entwicklung zu solch einem zügellosen Synagogenmufitstil ablehnen mutz, so anerkennend begrütze ich den weitaus größeren Teil von Romemoß el, in dem Freund Kornitzer den erfahrenen, warm und tief empfindenden Chasan zu Worre kommen läßt. Hier schöpft er aus dem unversiegbaren Born des alten traditionellen Synagogengesanges, hier spricht er die gepflegte Sprache, die ungezwungen, weihevolle Stimmung verbreitend, aus juoijcyem Herzen quillt. Aus dem 17 Nummern enthaltenden Freitag-Abend-Gottesdienst greife ich als besonders charakteristische Proben heraus den Adonoj moloch mit seiner motivischen, Savbatftimmung atmenden Bearbeitung, den gefälligen ersren Weschomru, die eindrucksvolle Fixierung des aeolischen Wajechullu mit dem ihm vorangehenden Ritornell, einer Perle chasonischen Stiles, voll tiefer Empfindung bei anspruchsloser Einfachheit. Auch im Mögen owoß benützt er, allerdings sehr frei, eine traditionelle Weise, die mit viel Geschmack oerarveitet wird. Gegen den Schluß hin halte ich die Sequenzen, die wiederum Textwiederholungen im Gefolge haben, für überflüssig. Im zweiten Teil: drei Feste, sei aus Nummer 10, das Aus- und Einheven der Thora, mit besonderem Nachdruck hingewiesen. Hymnischer Schwung, eingängige Melodik und Harmonik, mehrfache Verwendung gleicher Motive gestalten diese wohlgelungene Komposition zu einem abgerundeten Ganzen, das sich bei ent- Iprechender Ausführung sicher bald viele Freunde erwerben wird. Der dritte Teil: Hohe Feiertage, beginnt mit einem deutschen Chorliede, Jahresende betitelt. In diesem zeigt Kornitzer, daß man, wie er dies zumeist in seinen anderen Kompositionen tut, nicht 5, 6 oder gar 7b vorzeichnen müsse, um Wirkungen zu erzielen. Mit Verwendung jüdischer Motive stellt er hier in den ersten zwanzig Takten aus C-ckur den Typus eines entwicklungsfähigen jüdischen Chorals auf, gegen dessen Verwendbarkeit in der Synagoge selbst bisherige Gegner dieses aus der protestantischen Kirche übernommenen Gattung kaum etwas einzuwenden haben dürften. Kewakkoraß Nummer 16 und Emeh Nummer 18 lassen tief bedauern, daß der Autor gerade in diesem Teile nur zu oft kleine Bruchstücke aus dem gewaltigen Weltgerichtsgemälde bietet. Der fragmentarische Eindruck, der auch im Neilah mit seinen stilgemähen Pismonbearbeitungen in Erscheinung tritt, hätte sich bei Kornitzers zweifelloser Begabung für geschmackvolle Fixierung und Bearbeitung von Chasonus leicht vermeiden lassen. Die Quintengänge in Nummer 24ck scheinen mir an dieser Stelle weniger am Platze zu sein als in dem originellen Waani ßefilloßi Nummer 11, wo sie die trostlose Leere charakteristisch zum Ausdruck bringen. Unter den Trauungsgesängen ragt besonders hervor durch seine moderne, impressionistische Ausschöpsung des Textgehalts das Trauungslied Nummer 36: Ruth spricht, das auch als Duett für Sopran und Tenor bearbeitet ist. Den Schluß des 111 Seiten umfassenden Bandes bilden Gesänge für Trauerfeiern, unter denen Nummer 40: Erhebe, Seele, derne Schwingen, in Anlehnung an ein Wagnermotiv aus Tristan, durch Tiefe der Empfindung, durch ungemein charakteristische Harmoni-

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