Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 12 (1.7.1928)
- Article
- Inhalt
- Date
- 1928-07-01
- Page
- Seite 193 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2727810-2727850-2727862--03398-2733598- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Rachrichtenblatt üer Israelitischen Kultusgememöen in München unü Augsburg unü öes Verbanües Hagerischer Israelitischer Gemeinöen Dagerische Israelitische Gemeinöezeitung Erscheint am f. unü ff. jeüen Monats. — Verlag: L. heller, München, tzerzog-Mar-Straße 4/ Zernruf 95099/ Postscheckkonto München Nr. 5987. Schristleltung: Dr. Lugen Schmiüt, Rechtsanwalt in München, Karlstraße 6. vezugSprets für nicht eingewiesene Sezieher: Reichsmark 4.S0 für üas Jahr. Anzeigenpreis: Die 4 gespaltene Millimeter-Zeile 40 Reichspfennig Zamiltenanzeigen, Stellengesuche unü ähnliche Angebote ff ReichSpfennig 1?&8 München, i. Juli Är. tz Inhalt: Die Tagung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden zu Bamberg — Die Gläubigkeit des jüdischen Menschen — Die Tagung und ihre Ergebnisse — Protokoll der Verhandlungen der sechsten Tagung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden zu Bamberg — Lehrerzeitung — Versammlung der Vertreter der israelitischen Gemeindezeitungen Deutschlands in Köln — Aufruf — Aus dem Verbände — Bücherschau — Vereine — Aus der Gemeinde München — Perfonalia. vie Tagung des Verbandes vaverifcher IsraeMifcher Semeinden zu vamberg 17. und 18.1»ni 1928 vie 6'Subigkeit des jüdischen Menschen Vortrag von Bezirksrabbiner Dr. R ü l f (Bamberg) gehalten anläßlich der Eröffnung der Bamberger Tagung Bei den alljährlichen Tagungen des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden pflegen die Verhandlungen mit einer kurzen Stunde der Weihe eingeleitet zu werden. Auch die heutige Tagung soll diesen feierlichen Auftakt erhalten. Bevor ihre Arbeit zum Wohle der Iudenheit beginnt, wollen wir uns in einem Augenblicke des ehrfürchtigen Besinnens der ewigen Werte unseres Judentums bewußt werden. Wir könnten bei dieser Betrachtung die grundlegenden Ideen unserer Religion entwickeln, die Jahrtausende alten Wahrheiten, die das Judentum der Welt geschenkt hat, und auf die wir Juden stolz sind: die Ideen über Gott, den Mitmenschen, die Menschheit, den MeffianismuS. Aber wir wollen diese Ideen bereits als Grundlage und Voraussetzung nehmen und über ihre Wirksamkeit in unserem Innern Nachdenken, d. h. wir wollen fragen, wie sich die Seele des jüdischen Menschen zur Gläubigkeit erhebt. Dabei scheiden wir nicht zwischen Gegenwart und Vergangenheit, sondern nehmen den jüdischen Menschen im überzeitlichen Sinne. Denn jede heute lebende jüdische Seele hat einst am Berge Sinai die Offenbarung empfangen. Und was wir Heutigen glauben und fühlen und ersehnen, ist nur der tausendfach variierte Ausdruck dessen, was in der jüdischen Seele von Geschlecht zu Geschlecht geglüht hat. Die erste Stufe der Gläubigkeit des jüdischen Menschen ist die Stufe der Bereitschaft. Sie ist nur eine Vorstufe, aber sie darf nicht fehlen, wenn nicht weiterhin alle Frömmigkeit unecht und sentimental werden soll. Einmal muß der Mensch von der göttlichen Wahrheit erfaßt sein, einmal muß er ja gesagt haben zu der Forderung des Gottesgebotes. Erst dann kann er — vielleicht — zu einem Diener Gottes im höheren Sinne heranreifen. So wird es uns von Abraham erzählt, der zum Vater der religiösen Menschheit erkoren wurde, weil er in der schwersten Prüfung bewährt, zum schwersten Opfer entschlossen, das große Wort der Bereitschaft sprach: „Hier bin ich!" So wurde Iesaia zum Propheten berufen, als er auf die Frage Gottes: „Wen soll ich senden und wer will für uns gehen?" die Antwort gab: „Hier bin ich, sende mich!" Dieser Entschluß zur Bereitschaft des Dienstes und des Opfers für Gott muß einmal in der Seele des jüdischen Menschen aufgeflammt sein, wenn er an dem eigentlich Prophetischen unseres Glaubens Anteil haben will. Es ist der Entschluß zur Hingabe an das, was höher ist als wir selbst, so wie er einst schlicht und stolz aus dem Munde Iofuas erklang: „Ich und mein Haus, wir wollen dem Ewigen dienen!" Es ist der Entschluß des Kämpfers, dem göttlichen Befehle zu folgen, dem Befehl zum Kampfe des Geistes, wie er einst an den jungen Ieremia erging: „Du aber gürte Deine Lenden und mache Dich auf und rede zu ihnen alles, was ich Dir gebiete; und zage nicht vor ihnen!" Schon hier, auf der ersten Stufe des Gotterlebens tritt uns das zwiefache Kennzeichen jüdischer Gläubigkeit entgegen: das unmittelbare Erfaßtsein der Seele durch ihren Gott ohne das