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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-05-15 · 9 (15.5.1928) · p. Seite 137

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
9 (15.5.1928)
Article
Kundgebung des Keren Hajessod
Date
1928-05-15
Page
Seite 137 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 9 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 137 stimmten Richtung allein zufallen. Die Juden hätten der Welt viel an Mehrung des Wissens gebracht, aber häufig nicht als Juden. Hier fei es notwendig, einen Mittelpunkt zu schaffen. Diesen könne Palästina und nur Palästina geben. Es sei nicht notwendig, hierzu einen Staat zu schaffen. Tatsächlich liege es so, daß es unmöglich ist, einen solchen Staat zu schaffen. Palästina sei, an sich klein und auch nur zu einem geringen Teil kulturfähig. Palästina habe Raum für eine landwirtschaftliche Bevölkerung von 5—600 000 Menschen. Dies entspreche einer Gesamtbevölkerung von 1,5 Millionen, und zwar Araber, Juden und Christen. Der Anteil der jüdischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung sei knapp unter einem Fünftel. Wenn er sich auf ein Viertel steigere, werde man mit einer jüdischen landwirtschaftlichen Bevölkerung von 150 000 Köpfen rechnen können und mit einer gesamten jüdischen Bevölkerung von etwa 400 000; damit sei zum mindesten die Entwicklung des nächsten Jahrzehntes erschöpft, also offenbar zu wenig für einen jüdischen Staat, aber viel für die Entwicklung eines jüdischen Lebens, viel für uns selbst. Wir bräuchten keine Bedenken zu tragen, uns für Palästina einzusetzen, da selbst, wenn man das Maximum für Palästina annehme, in Palästina wohl nie mehr als eine Million Juden günstigstenfalls leben werden. In der Welt gebe es 13—15 Millionen Juden, Palästina könne also nur einem geringen Bruchteil Heimat werden. Wir blieben deutsch, auch wenn wir für Palästina arbeiteten. Es sei nicht ängstlich auf die Meinung anderer Rücksicht zu nehmen. „Der eine fragt, was kommt danach, der andere, was ist recht und dadurch unterscheidet sich der Freie von dem Knecht!" Anschließend sprach Martin B u b e r : Es gibt ein Land, das war einmal aller Juden Land. Wenn ich gefragt werde, ob es wieder einmal aller Juden Land sein wird, so antworte ich nicht mit Ja, ich wage auch nicht mit Nein zu antworten. Denn die Möglichkeiten einer Steigerung der Technik, insbesondere der landwirtschaftlichen Technik, lassen sich nicht absehen. Ich kann auch nicht sagen, ob es einmal aller Juden Land werden soll. Aber dieses Land war einmal aller Juden Werk. Dieses Werk ist nicht in ferne Zeiten gerückt, sondern steht in der Gegenwart vor uns. In jedes Juden Seele ruht der Glaube an den Sinn der Geschichte, der Glaube, daß die Geschichte nicht ein Spiel sinnloser Zufälle, nicht ein Ergebnis menschlicher Zwecksetzungen, auch nicht ein unabänderlicher Ablauf von Ereignissen sei. Der Glaube des Judentums ist der Glaube an ein Zwiegespräch zwischen Göttlichem und Menschlichem. Dinge, die sich ereignen, sind Worte, die an die Menschen gerichtet sind. Taten, die getan werden, sind die Antworten auf diese Worte. Im Midrasch wird erzählt, wie zwei Gelehrte, die außerhalb des Landes reisen wollten, unter dem Eindruck des Wortes: Ihr sollt (werdet) im Lande wohnen, wieder zurückkehrten. Denn dieses Gebot überwiege alle anderen Gebote. — Ich habe oft darüber nachgedacht, wie dies Gebot alle anderen überwiegen könne, aber als ich in Palästina war, verstand ich es sogleich. Ich verstand den unvergleichlichen Zusammenhang zwischen Land und Volk Israel in einem namenlosen Werk. Mein herrschendes Gefühl, Tag um Tag, Jahr um Jahr war, es ist ein Einziges, ausgespannt von Licht zu Finsternis: Israel. Dieses gleichbleibende Gefühl der Einzigkeit und der Eindruck des Landes, dies gehört zusammen. Das Gefühl der Einzigkeit Israels, das Ergebnis meiner Tätigkeit im Judentum, und der Eindruck des Landes, der meine Augen traf. Ich habe noch nirgends gefunden, daß man in einem Lande die Spuren der Schöpferhand so fühlt. Man spürt, daß dieses Land sich an etwas Einziges, das in ihm begab, erinnert und daß es auf etwas Einziges, das sich in ihm begeben soll, wartet. Dies, was für das Land gilt, gilt auch für jeden Juden. So ist es auch mit dem Volk, es erinnerte sich an das Land, und es wartete auf das Land. Es ist nichts mehr nötig, als die Selbstbesinnung. Auch nur dieses Volk kann aus diesem Land machen, wozu dieses Land bestimmt ist und nur dieses Land kann aus diesem Volk machen, wozu dieses Volk bestimmt ist. Palästina war eingefügt zwischen Euphrat- und Nilkultur, Babylons und Ägyptens. Babylon glaubte an die Macht der Sterne und an die Möglichkeit ihrer Beeinflussung. Ägypten war im Gegensatz zu dieser Raumkultur eine Zeitkultur, gerichtet auf den sichersten Zeitpunkt, den Tod. Babylon und Ägypten glauben an geheimes Wissen und geheime Macht. Zwischen diesen beiden Kulturen liegt Palästina, in dem der Name Gottes nicht nur an-, sondern auch ausgerufen wurde. * Die Botschaft Israels sagt gegen Gnosis und Magie, gegen den Glauben, man könnte sich aus irgendeine Weise des Geheimnisses bemächtigen: der Mensch lebt im Angesicht des Geheimnisses, dies ist im Angesicht Gottes und dies ist nicht etwas, dessen man sich bemächtigen kann. Dieser Gott ist das Geheimnis des Daseins. Diese Botschaft, die den ungeheueren Bau von Gnosis und Magie einstürzt, schließt zugleich auch ein, daß Gott will, daß dieser Mensch, den Gott eingesetzt hat, mitwirke, daß aus dieser Schöpfung das Licht Gottes werde. Palästina ist das Land, dessen Eigner Gott ist und das er dem Volk nur zu Lehen gegeben hat. Immer wieder standen in diesem Lande die Propheten auf, das Gesetz an diesem Lande zu erfüllen. Die Botschaft ist verknüpft mit diesem Lande. Nicht nur aus diesem Lande wächst die Botschaft, sondern das Land ist überall in dieser Botschaft enchalten. Wo gesegnet wird von Gott aus, wird gesegnet mit diesem Lande, wo geflucht wird, geflucht mit der Verbannung aus diesem Lande. Wenn es heißt, daß Zion ein Gebetshaus für alle Völker werden soll, so ist dies kein Sinnbild, sondern der wirkliche Berg Zion. Die messianische Leidenschaft in ihren großen Ausbrüchen in der Geschichte meint immer wieder und als Erstes: Zurück! — Das Große der Emanzipation scheint mir, daß sie wieder gemeinsame Arbeit am Judenwerk ermöglicht hat. Es steht schwer um das Werk, es steht hart und bitter um das Werk. Das Werk entsteht, weil Menschen so arbeiten, wie Menschen eigentlich nicht arbeiten, wohnen, wie sie nicht wohnen, leben, wie sie nicht leben dürften. So steht es um das Werk. Nicht die großen Kämpfe, in die man mit heroischer Gebärde eintritt, sondern die anonymen, die rühmlosen Kämpfe werden dort gekämpft. Dies ist das Heldentum dieser Tage. So sieht heute das wahre Heldentum aus. Der Sinn aller Kolonisation der neueren Zeit ist Expansion, bis auf diese eine, die — verheimlichen wir das nicht — eine Minderheit von Juden macht, weil sie entdeckt, daß heute die Botschaft wieder ausgenommen werden soll und wird. Dies Werk wird mit dürftigsten finanziellen Mitteln - gefördert. Dies Werk jedoch ist das einzige Zeichen, daß die Botschaft wieder ausgenommen werden kann und soll. Die Sprache der Botschaft lebt heute im Lande Palästina. ^Jfoifirwiar>s(t*assQ i- Gffltüjyefyen Aeit ütiet 50 £faivtci cBiwicttud- London

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