Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 8 (1.5.1928)
- Article
- Wittelshofen
- Date
- 1928-05-01
- Page
- Seite 124 (sequence 1)
- Language
- German
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124 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 8 Hörer einen starken Eindruck machte. Es wäre zu wünschen, wenn derartige Belehrungs- und Erbauungsstunden den kleinen lehrerlosen Gemeinden von Zeit zu Zeit zuteil würden, damit das religiöse Leben auch in diesen Gemeinden wacherhalten wird. Alönchsrokh. Ihren 80. Geburtstag feierte vor wenigen Tagen in seltener körperlicher und geistiger Frische Frau Jette Levite (Mönchsroth). Wir wünschen der heute noch rüstig tätigen Frau, die ein Leben in Gottesfurcht und Frömmigkeit führt, einen recht langen und glücklichen Lebensabend. Aus der Gemeinde Bayerische Tonkünsiler-Woche Im Rahmen der «Bayerischen Tonkünstler-Woche" gelangen am Dienstag, dem 8. Mai, im Museum, abends halb 8 Uhr, Vier Gesänge für Bariton von Heinrich Schalit unter Mitwirkung von Kammersänger Erik Wildhagen und des Komponisten zur Aufführung. Hierbei wird ein hymnischer Gesang „Der Wahre" (Dichtung von Jehuda Haleni, deutsch von Franz Rosenzweig) erstmalig zu Gehör gebracht. In Anbetracht des jüdischen Inhalts dieser Lieder möchten wir auf diese Veranstaltung des Münchener Tonkünstleroereins ganz besonders Hinweisen und sie unseren musikliebenden Kreisen zu regem Besuche empfehlen. vücberschau Zur Frage unserer Jugendliteratur. Von Studienassessor Dr. Erich Klibansky (Breslau). Als ich vor mehreren Jahren der Jugendfchriften-Kommiffion der Großloge U. O. B. B. die Schaffung einer „Jüdischen Jugendbücherei" vorschlug, wies ich bereits daraufhin, daß ihr Aufgabenkreis gar nicht umfassend genug abgerenzt werden könnte. Wem nur irgendwie Gelegenheit geboten ist, mit der Jugend unmittelbar Fühlung zu nehmen — sei es durch die Jugendbewegung, fei es durch die Schule —, der weiß bald von ihrer Sehnsucht nach dem guten jüdischen Buch, das sowohl ihrer jüdischen Wesensart als auch ihrer Jugendlichkeit entspricht; ein Wunsch, der nicht etwa erst von heute ist, der vielmehr seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts immer wieder auftaucht. Die vorliegenden Versuche, diesem Wollen zu entsprechen, sind aber fast ausnahmslos nur Versuche geblieben. Sie haben nicht auf die Dauer den Weg zum Herzen unserer Kinder und reifenden Jugend zu finden vermocht. Für denjenigen, dem das Material bekannt und sogar in der Behandlung mit Jugendlichen vertraut geworden ist, scheinen die Gründe hierfür recht klar und eindeutig hervorzutreten. Mit ganz seltenen Ausnahmen (z. B. die bekannten ausgezeichneten Zusammenstellungen von Gut und Rothschild) handelt es sich da nämlich entweder um die unzähligen Ghettogeschichten oder — bei Münchner Neueste Nachrichten Verbreitetste Tageszeitung Süddeutschlands Einzelnummer 15 Bf. Bezugspreis wöchentl. 80 Bf., monatl. RM. 3.35 b. freier Zustellung Münchner Telegramm Zeitung Das Nachmittagsblatt m.Montag-Morgen- Ausgabe. Einzelnummer 10 Bf. Bezugspreis RM. 1.50 monatlich. Bestellungen nehmen entgegen: Sämtl.Bostanstalten, die Filialen und Trägerinnen des Verlags: Knorr & Hirth G.m.b.H., München, Sendlingerstr. 80 Probenummern auf Wunsch kostenlos der an sich so notwendigen Literatur für unsere Kleinen — um gutgemeinte, aber leider „ungedurfte" Andeutungen von Märchen. Ghetto: d. h. Leid, Martyrium, verhaltener Stolz sind aber nicht mehr die alleinigen Momente für die Mentalität der Jugend unserer Tage. Warum nicht? — Weil diese Jugend ja aufwächst inmitten der andern, ohne Ghettomauern, ohne „Judenfleck,,, ohne „Judensteuer". Sie ist orientiert an Scheffels Ekkehard, an einem Gorch Fock oder einem Walter Flex, an Will Vesper oder Wilhelm Bölsche. Dort empfindet sie den verschwenderischen Reichtum in der jugendlichen Welt ihrer christlichen Kameraden und empfindet gleichzeitig bitter die Unzulänglichkeit ihrer speziell jüdischen Lektüre, sowohl — wie oben angedeutet — was den Inhalt betrifft, als auch nach Form und Darstellungskunst. Es wäre jedoch unrichtig und undankbar zugleich, wollte man hier den Anschein erwecken, als seien jene Bücher gänzlich unzeitgemäß und es deshalb wünschenswert, wenn sie vom Büchermarkt verschwänden. Dagegen spricht immer noch ganz entschieden und beredt die Beobachtung der unwiderstehlichen Anziehungskraft, die sie auch heute auf Kinder von etwa elf bis dreizehn Jahren auszuüben vermögen. Aber dann hört es ganz plötzlich auf. Der Obertertianer beansprucht auch Berücksichtigung noch anderer Gebiete des Denkens, Fühlens und Wollens. Hinzu kommt die wachsende Kritik an der künstlerischen Form seiner Lektüre. Hier aber versagen jene Ghettogeschichten völlig. Das keimhafte Mitfühlen des Elfjährigen am stillen Heldentum seiner Ahnen ist überwunden. Das Interesse des Vierzehnjährigen ist universell gerichtet. Er braucht Geschichte, möglichst spannende Geschichte, nicht mehr „Geschichten". Er fordert gewählten Ausdruck und moderne Darstellung. Und das kleine Kind: gewöhnt an Andersens unvergeßliche Monderzählungen oder Leanders „Träumereien" fühlt schon ganz deutlich die tiefe Kluft, selbst wenn es nur als Festvorbereitung die hierfür vorhandenen „Märchen", oft von dilettierender Laienhand verfaßt, anhören muß. Diese skizzenhaften Andeutungen mögen genügen, um die Grundlagen anzudeuten, deren unsere jüdische Jugendliteratur von heute bedarf. Unsere Forderung muß lauten: Orientierung an den besten Schöpfungen der allgemeinen Jugendliteratur; Erschließung des gesamten wahrhaft jüdischen Kulturkreises in Vergangenheit und Gegenwart für unsere Jugend in einwandfreier Form. Der Verfasser gibt zusammen mit Studienrat Dr. Galliner die im Verlage von I. Kauffmann, Frankfurt a. M., erscheinende „Jüdische Jugendbücherei" unter Mitwirkung der Jugendschriften-Kommission der Großloge U. O. B. B. heraus. Bisher sind erschienen: A. Galliner: Max Liebermann; Freudenberger: Im Kampfe um die Menschenrechte; Mar Brod: RLubeni in Portugal. Im Druck befindet sich: Emil Bernhard Cohn: Legende vom Rabbi Akiba. Die Schristleitung. Georg Hermann, Tränen um Modesta Zamboni. Roman. Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart. In Ganzleinen RM. 6.90. Als ich Georg Hermann bei Biffi in Mailand zufällig und flüchtig kennen lernte, schien er in einem Gespräch über sein Schaffen das Erzählerische als sein besonderes Charakteristikum zu empfinden. In der Tat ist der Erzähler ein Schriftsteller besonderer Art. Man wird es heute selten finden, daß ein Roman so ausgeht: „Vielleicht aber, und das ist das merkwürdige daran,'hat sich diese ganze Geschichte gar nicht so zugetragen, wie sie hier erzählt wurde, wenigstens nicht in der Welt der Tatsachen." Es ist dies eine leichtere, beweglichere, wenn auch artistischere Art, einen Roman zu schreiben, die jedenfalls den Vorzug besitzt, ein komisch schwerfälliges Pathos zu vermeiden, das der Dutzendliteratur ständig eignet. Dies bedeutet nicht, daß hinter dem Buch kein Erleben steht. Diese italienische Frau, um die das Buch geht, ist wie aus einem Guß, ist mit den leuchtendsten Farben des Südens gemalt. Hinter dieser Frau steht die Schönheit Italiens, steht die Sehnsucht nach einem schöneren, reicheren, unbefangeneren Leben, als es vielleicht der Norden zu bieten vermag, jene Sehnsucht, die den deutschen Kunsthistoriker dieser Erzählung, Weib und Kind zu Hause