Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 8 (1.5.1928)
- Article
- Der Zusammenbruch der Wissenschaft
- Date
- 1928-05-01
- Page
- Seite 120 (sequence 2)
- Language
- German
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120 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 8 lich beizubehalten. Die Katastrophe ist unvermeidlich. Auf allen Geistesgebieten sind neue und unerwartete Erkenntnisse mit den traditionellen Systemen nicht mehr in Einklang zu bringen. Das Gebäude der Wissenschaft bebt. Und die Krise der Wissenschaft zieht die Krise der Gesamtkultur, der Politik, der Wirtschaft, der Religion, der Kunst, der Moral nach sich. Und dazwischen (Seite 122) kommt nun die klassische Bemerkung, die Dingler in diesem Zusammenhang im Hinblick auf bestimmte, uns hier interessierende Bestrebungen macht: „Es hat Leute gegeben (besonders solche, die nicht der Fachwissenschaft angehörten), die dieses Vorgehen sozusagen moralisch nahmen, ja, die so weit gingen, daß sie die jüdische Masse dafür verantwortlich machen wollten, die mit ihrer gewohnten Tatkraft und ihrem Fleiß und Scharfsinn naturgemäß auch in diesen Arbeiten (gemeint sind die Versuche, Neues anstelle des verbrauchten „guten Alten" zu setzen. Der Referent.) ein tüchtiges Teil mitgeleiftet hat. Nichts kann besser zeigen, als die von mir in diesem Buche durchgeführte Untersuchung, daß beides völlig falsch ist. Nicht auf Grund eines moralischen Niederganges, nicht aus irgendeiner besonderen Bosheit haben die Forschenden aller Art (von mir gesperrt, der Referent) solche Wege eingeschlagen. Sondern, und das hat meine Darstellung wohl gezeigt, sie standen unter einem höheren Gesetze notwendiger Entwicklung. Auch die neuen Versuche der Menschheit, letzte objektive Wahrheit aus den Dingen zu entnehmen,.sind zusammengebrochen, ebenso zusammengebrochen wie die griechische Philosophie. Das ist der Sinn dessen, was wir gesehen haben." Dingler gründet nun die Wahrheit und die Wissenschaft auf den Willen. Damit schafft er bewußt einen neuen Voluntarismus. Nicht die Theorie, nicht die Evidenz, nicht die Mathematik oder ähnliches sind die Fundamente, die letzten Stützen der Wissenschaft und des Philosophierens, sondern der freie individuelle Wille. Ich entscheide mich für das Weltbild, das ich w i l l. Und ich will ein eindeutiges Weltbild. Eindeutigkeit verlangt Einfachftheit der Einsichten und Gesetze. Ich scheide alle diejenigen Theorien aus meinem Weltbilde aus, die es unnötig komplizieren. Das ist — mit wenigen und einfachen Worten gesagt — Dinglers Gedankengang (über den erkenntnistheoretische Kritik natürlich manches sagen könnte). Als Vorbild solcher eindeutiger und in ihrer Einfachheit höchst realistischer Weltanschauung erscheint Dingler die Moralphilosophie Platons und — — die klassische israelitische Religionsauffassung. Schon früher hat Dingler eine Schrift verfaßt „Die Kultur der Juden. Eine Versöhnung zwischen Religion und Wissenschaft" (Leipzig 1919), in welcher er die Klarheit und Lebensnähe der jüdischen Religionsauffassung preist. In dem Kapitel „Gott" des neuen Buches faßt er (Seite 393 — 395) seine Gedanken der Verehrung vor dem jüdischen Gottes- und Moralbegriff nochmals in einigen markanten Sätzen zusammen. Den frommen Juden wird es seltsam anmuten, seine religiöse Stimmung in dieser Weise philosophisch unterbaut zu finden. Wer aber weiß, wie dem echten Philosophen Religion nur ein Wert ist, wenn er sie irgendwie seinem philosophischen System eingliedern oder angliedern kann, der freut sich der Anerkennung und Wertschätzung, die, in gewisser Verwandtschaft zu den religionsphilosophischen Ideen Hermann Cohens, dem Judentum abermals in dem Gedankensystem eines — nichtjüdischen — Philosophen und Wissenschaftlers von Rang zuteil wird. (Mit Erlaubnis des C.-V.-Dienstes.) Dr. Priesen, der Studiendirektor des Frankfurter Philanfhropins, schreibt über die neue Zeitschrift für die jüdische Jugend DAS ZELT in einem Brief vom 15. März 1928 .. . J „... spreche ich Ihnen meine volle Zustimmung zu Ihrem Unternehmen aus. Das Programm ist mir sympathisch und auf Grund der mir vorgelegfen Hefte kann ich die Zeitschrift „Das Zelt" der Jugend vorbehaltlos empfehlen." Und wie urteilt die Jugend selbst! (nur eine Stimme anstatt vieler) R. St., Bad Nauheim, in einem Brief an die D Redaktion des „Zelt" vom 22. März 1928 D „Sobald eine Zeitung erscheint, stürze ich mich mit aller Gier darauf, darum wird die Freude mit ihr immer gröher." Am 10. Mai erscheint das nächste Heft, das neben vielen anderen interessanten Beiträgen wiederum ein Preisrätsel enthalten wird! Zögern Sie nicht länger und bestellen Sie sofort bei der Post „Das Zelt".