Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 7 (15.4.1928)
- Article
- Zur Einführung der Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung in Augsburg
- Date
- 1928-04-15
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
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Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 7 S6 dem Beifall der Gutgesinnten in unserer Umwelt, über diese Leistung dürfen wir uns herzlich freuen. Aber die soziale Bedeutung des Verbands erkennt doch wohl ein Jeder? Mitnichten! Im Durchschnitt weiß man nur,- wieviel der Verband jeden „kostet", und nur den Wenigsten ist bekannt, was der Verband gerade auf sozialem Gebiete schon geleistet hat, und in immer wachsendem Maße noch leistet. Gewiß waren eS die Nöten der Zeit, die das Solidaritätsgefühl unter den bayerischen Gemeinden so stark geweckt haben, daß die großen für die kleinen sorgten. Aber es war doch ein Großes und ein Neues, daß der Verband das Gebot der Stunde zu einer ständigen Errichtung in der bayerischen Judenheit machte und es laut kündete: „Für sich leben ist natürlich, für andere leben ist erst sittlich. Solche Sittlichkeit zu bewähren, dürfen wir auch in ruhigen besseren Zeiten nicht aufhören." So ist es gekommen, daß heute wohl drei Fünftel des gesamten, für die Erhaltung der Kleingemeinden und ihrer Beamten nötigen Aufwands von ein paar Großgemeinden bestritten werden. Man vermag sich darum heute die bayerische Judenheit ohne den Verband kaum mehr vorzustellen, der, wie er schon in den Zeiten der Inflation die gefährdete Lage der Beamten rettete, jetzt in der Zeit noch lange nicht überwundener wirtschaftlichen Krisen Beamte und Gemeinden über Wasser hält. Ein ganzes System altjüdischer und neuzeitlicher Wohlfahrtseinrichtungen hat der Verband aus sich heraus geschaffen, und ist noch immer an der Arbeft, es auszugeftalten. Dabei wird die Pflege religiöser, wissenschaftlicher und künstlerischer Belange nicht vernachlässigt und in weitherzigster Weise auf die gesamte deutsche Judenheit ausgedehnt. Fast jede Nummer der „Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" legt davon Zeugnis ab. Darum — wir wiederholen es — begrüßen wir es dankbar, daß unser Gemeindemoniteur fortan in keinem Hause unserer Gemeinde fehlen wird und wir hoffen, daß dadurch das Verständnis für die Unentbehrlichkeit des Verbandes und das Interesse an seinem Gedeihen in unserm Kreise wachsen werde. Und wir fügen nur noch den Wunsch an, daß von maßgebender Seite dafür Sorge getragen werden möge, die „Bayerische Israelitische Gemeindezeitung" jedem bayerischen Glaubensgenossen zugänglich zu machen. Dr. G. vie „historische Kommission" des Verbandes vayerischer Israelitischer Seineinden Von Dr. Raphael Straus Die feit kurzem bestehende „Historische Kommission" hat ihre Tätigkeit mit einigen wichtigen Arbeiten begonnen. Über diese soll, soweit sie für die größere Öffentlichkeit Interesse haben, im folgenden berichtet werden. Die Kommission sieht einerseits ihre Aufgabe darin, bereits begonnene wissenschaftliche Arbeiten zu unterstützen, anderseits neue anzuregen und zu ermöglichen. Im Verfolg des ersteren Aufgabenkreises hat sie soeben die Weinbergschen Arbeiten zur Geschichte derJudeninder Oberpfalz erscheinen lassen. Herr Bezirksrabbiner Dr. Weinberg in Neumarkt hat zwei Bände dieser seiner Arbeit schon vor etwa 20 Jahren unter großen persönlichen Opfern veröffentlicht, und man darf es als ein Zeichen der Zeit begrüßen, daß heute für solche Zwecke öffentliche Mittel zur Verfügung stehen. Die beiden neuen Bände („S u l z b ü r g" und „S u l z b a ch und Floß", zu beziehen durch die Ewer-Buchhandlung in München) erweisen die aus den früheren Bänden bekannte Gründlichkeit und Selbständigkeit des Urteils. Diese Arbeiten sind deshalb besonders wertvoll, weil die oberpfälzischen Juden eine längere Geschichte haben als die Juden der anderen Teile Bayerns, ja sogar als die der meisten deutschen Juden überhaupt. Die ersten Nachrichten über sie stammen, wie bei den meisten deutschen Juden aus dem 13. Jahrhundert, ihre Geschichte erfährt aber nicht die Unterbrechung, die fast überall sonst im 15. Jahrhundert die Judenaustreibungen und das Ansiedlungsverbot für Juden im Gefolge hatten. Während fast alle großen jüdischen Gemeinden in Bayern — Regensburg, Augsburg, Nürnberg, Landshut, München, Passau —, in Franken und am Rhein im 16. —18. Jahrhundert gar nicht mehr oder höchst reduziert und illegal bestanden, hat die politische Zersplitterung der Oberpfalz es ermöglicht, daß die Juden, die von der einen Herrschaft vertrieben wurden, bei der benachbarten Unterkunft fanden. Deshalb ist besonders für diesen Zeitraum die Geschichte der oberpfälzischen Juden lehrreich. Wenn sie nicht wäre, blieben die jüdischen Geschichtsblätter für jene Zeit fast unbeschrieben. Sie ermöglicht einen Rückschluß auch auf die Gebiete, in denen Juden damals nicht mehr ansässig waren. Es ist kein Zweifel, daß die „drangvoll fürchterliche Enge", die die Lage der oberpfälzischen Juden seitdem 16.Jahrhundert mehr und mehr kennzeichnete, entstanden ist durch die Zusammendrängung auf engem Raum, die sich als Folge ihrer Ausweisung aus dem größten Teil Bayerns ergab. Für die Juden wurde damit die Wirkung der Zeitverhältnisse unerträglich verschärft. Die sozialen Bewegungen des 15. Jahrhunderts, die Entdeckung Amerikas, der Dreißigjährige Krieg hatten den Lebensraum nicht nur der jüdischen, sondern auch der christlichen Bürger aufs äußerste verengert, und so war es eine fast zwangsläufige Entwicklung, daß mit den Passiven, die die politische Gesamtbilanz hinterließ, das Konto der Juden stärker belastet wurde als das der christlichen Mitbürger. Wie sich diese Entwicklungen bei den Juden der Oberpfalz, d. h. ziemlich den einzigen, die es damals in Bayern gab, ausgewirkt haben, darüber geben die Weinbergschen Arbeiten alle nur wünschenswerten Nachweisungen. Wer auch nur gelegentlich selbst historisch gearbeitet hat, der weiß, daß solche Nachweisungen einem häufig irgendwo begegnen, ohne daß doch Zeit und Umstände gestatten, ihnen nachzugehen. Dadurch bleibt häufig wertvolles Material unveröffentlicht, und daher unfruchtbar. Die einzige „Monatsschrift für Wissenschaft des Judentums", die das ganze Gebiet des Judentums umfaßt — also außer der Geschichte noch die Bibel- und Talmudwissenschaft, die Sprach- und Religionswissenschaft - kann diesem Mangel nicht abhelfen, und es hat in außerjüdischen Kreisen viefach Kopfschütteln erregt, daß das „Volk des Buches" der „Zeitschrift für Kirchengeschichte" und ähnlichen periodischen Unternehmungen nur so wenig zur Seite zu stellen hat. Die früheren Versuche der Philippsohn und Geiger hatten zu keinem dauernden Ergebnis geführt. Die „Historische Kommission" erachtet es unter diesen.Um-