Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 6 (1.4.1928)
- Article
- Der deutsche Jude und der Antisemitismus
- Date
- 1928-04-01
- Page
- Seite 93 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 93 chen. Ich erkannte verschiedene Quellen, bei manchen nur eine derselben, bei manchen mehrere im Zusammenwirken. Am höchsten konnte ich die achten, die aus innerer Überzeugung, aus Vaterlandsliebe, wie sie sie verstanden, handelten. Zu diesen zählte ich Männer wie Treitschke. Meine Bewunderung für ihn als Darsteller der deutschen Geschichte wird durch seine Einstellung zu der jüdischen Bevölkerung nicht beeinträchtigt. Liest man im 5. Bande seiner deutschen Geschichte seine Schilderung der Beratung des preußischen Judengesetzes im. vereinigten Landtage von 1847, so merkt man bald, wie sich zwei Strömungen in ihm selbst bekämpfen. Er 'empfindet die politische Gleichstellung als ein Gebot der Gerechtigkeit. Und doch überwiegt in ihm die Sorge um die für das Land und das überlieferte Preußentum gefürchteten unheilvollen Folgen. Ich glaube, daß man den vielgepriesenen und vielbefehdeten H. St. Chamberlain auch in diese Gruppe einreihen darf, wenngleich er nicht durch warme patriotische Gefühle wie Treitschke, sondern durch eine abstrakte Rasseidee bestimmt wird. Ich bin sicher, daß auch in unserer heutigen Jugend gar mancher aus sittlichen Motiven, aus einer irregehenden Liebe zu seinem unglücklichen Lande zum Hakenkreuz schwört. Diesen gegenüber und tief unter ihnen stehen die, bei denen der Antisemitismus aus Mißgunst und Neid entsteht. Er gilt nicht den Juden, sondern den Wettbewerbern. Wären diese nicht, so wäre die eigene Existenz leichter. Vor längerer Zeit war ich mit dem inzwischen verstorbenen Heidelberger Oberbürgermeister Dr. Wilkens in Heiligenberg am Bodensee zusammen. Einige Tage war auch ein jüngerer Amtsrichter dabei. Nach seiner Abreise sagte Wilkens zu mir: „Wissen Sie, daß dieser I. Antisemit ist?" „Nein, er sieht auch gar nicht so aus." „Ach", fuhr Wilkens fort, „darüber würde ich nicht reden, wenn seine Gründe nicht so abstoßend wären. Er wünscht die Ausschließung der Juden vom Richteramt, weil er dann weniger Vormänner im Aufrücken hat." Das ist typisch. Es zeigt sich in allen Verufsarten, wenn auch nicht überall so ausgeprägt. Die Hauptquelle des Antisemitismus scheint mir aber nicht in diesen beiden Momenten, sondern in einem Beharren auf überlieferter Einstellung zu liegen. Ich meine damit nicht eine durch die verschiedene Veranlagung geschaffene natürliche Kluft. An die glaube ich nicht. Aber kein Volk oder Volksteil gibt leicht eine überkommene Höherstellung über einen andern Teil auf. Es ist eine allerorts und jederzeit beobachtete menschliche Eigenschaft, sich durch Niedrigerstellen eines andern zu erheben. Kann er sich nicht aus eigener Kraft in die Höhe schwingen, so gewährt es ihm doch Genugtuung, den andern völlig oder wenigstens in bestimmten Punkten unter sich zu halten. Man hat oft den deutschen Juden als den Prügelknaben bezeichnet, der, wie auch jetzt wieder nach dem Kriege, für die Schuld anderer büßt. Das fließt aus dem allgemeinen Gefühl, daß immer noch der Jude unter den Germanen in der sozialen Bewertung steht. Aus diesem erklärte sich der Ausschluß des Juden vom Reserveoffizier. Konrad Haußmann fragte einmal, warum sich die Juden so eifrig um eine Sache bewerben, die doch der darauf verwandten Mühe nicht wert sei. Aber der Kampf galt nicht dieser Sache, sondern der darin liegenden Einschätzung und dem künstlichen Herabdrücken. Man hat zur Erklärung des Antisemitismus auch auf die Verbindung von Judentum und Kapital verwiesen. An sich bildet dies zweifellos objektiv keine Entstehungsursache. Es gibt eine größere Zahl Nichtjuden als Juden unter den Vertretern des Kapitalismus. Es gibt zahlreiche Feinde desselben unter den Juden. Man braucht sich nur das Verzeichnis der kommunistischen und sozialdemokratischen Abgeordneten anzusehen. Es kann also der Jude nicht schlechthin als Vertreter des Großkapitals erscheinen. Wohl aber wirkt auch hier noch die mittelalterliche Auffassung nach. Der Jude ist der Geldverleiher und Wucherer. Er war vom Zinsenverbot befreit. Dies Privilegium odiosum zog ihm den Haß - derer zu, die unter der Kapitalbildung litten und unter ihr zu Grundegingen. Das wirkt heute noch in der Volksauffassung weiter. Ein solches Gefühl, läßt sich nicht im Handumdrehen beseiigen. Es wird langer, langer Jahre bedürfen, bis es allmählich verschwindet. Aus dieser Grundlage erklärt sich auch, daß es zahlreiche Antisemiten gibt, die nie einen Juden sahen und nie die Probe des Zusammenlebens mit ihnen machten. Der soziale Antisemitismus tritt stärker und häßlicher bei Frauen als bei Männern auf. Diese werden durch den geschäftlichen oder beruflich notwendigen Verkehr mehr zur Verständigung geführt. Auch da, wo der eine oder andere das Unberechtigte des Antisemitismus einsieht, wagt er nicht, gegen den Strom zu schwimmen. Die Suggestivgewalt der überkommenen Auffassung ist stärker als der eigene Verstand. Gerade, weil ich hierin die tiefste Quelle sehe, glaube ich, daß auch der Antisemismus keine! Ewigkeitsdauer hat. Es wird eine Zeit kommen, in der er wie manch anderer Völkerwahn überwunden wird. Nur darf man nicht meinen, daß die Zeit allein die ausgleichende Kraft besitzt. Es ist Aufgabe der jüdischen Bevölkerung, an der eigenen Anpassung zu arbeiten. Je mehr sich diese geltend macht, desto leichter wird sich die Assimilierung vollziehen. Es ist nutzlos, darüber zu streiten, ob sich manche Eigenschaft der Juden nicht als wertvoll und der Erhaltung bedürfend herausstellt. Wer soll darüber urteilen? Nur der Erfolg könnte es, und den kann man nicht abwarten. Der deutsche Jude muß sich bewußt sein, daß er in der geistigen Luft und der moralischen Atmosphäre seiner Heimat aufwächst, lebt und wirkt. Nur wenn er ihr gerecht wird, darf er erwarten, daß allmählich die Gegensätze schwinden. Meine jüngeren jüdischen Kollegen ermahne ich, doppelt sorgsam in der Ausübung ihrer Praxis zu sein. Dadurch wirken sie nicht nur für sich, sondern für alle Stammesgenossen. Ein Fehltritt schadet wieder allen. Er wird sofort verallgemeinert. Ich verlange von ihnen auch eine kluge Zurückhaltung. Sie mag manchmal nicht leicht sein. Die oft nicht unbegründete Meinung von der eigenen Tüchtigkeit reizt vielfach zu einem allzu starken Heraustreten. Das „Abwarten, bis Ihr gerufen werdet" verlangt viel Selbstdisziplin. Und doch ist sie nötig. Ich habe mich mein Leben lang bemüht, nach diesen Maximen zu handeln. Als Kurlbaum den Vorsitz im Deutschen Anwaltsverein niederlegen wollte (von ihm und seiner Wirksamkeit erzähle ich später), schlug auch er mir vor, nach Leipzig überzusiedeln und sein Nachfolger zu werden. Ich lehnte aus mehreren Gründen ab. Darunter auch, daß ich als Jude vermeiden wolle, an der Spitze der Anwaltschaft zu stehen. Ich glaubte, daß dies im Interesse der Gesamtheit besser sei. Und Kurlbaum, gerade weil er selbst vorurteilsfrei denkt, gab mir recht. In der gleichen Weise handelte ich später im Reichswirtschaftsrat. Die Zeit, in der man mich brauchte, kam doch. Daher darf ich auch den andern den gleichen Weg anraten... Vereine Jüdischer Gesangverein. München Unser erster gemütlicher Abend stand unter einem guten Stern. Wir konnten uns eines regen Besuches erfreuen und gewannen Mitglieder aus Kreisen, die uns bisher ferne standen. Durch die sprudelnde, übermütige Laune unseres 2. stellvertretenden Vorsitzenden kam man gleich in die richtige, frohe Purimstimmung und alle Darbietungen, sowohl musikalischer als deklamatorischer Art und sogar der Solotanz, alle behielten die humorvolle Note bei. Waren es diesmal unsere bewährten künstlerischen Kräfte, die zum Gelingen dieses Abends beitrugen, so wollen wir an den nächsten Abenden neben diesen, auch unseren jugendlichen Mitgliedern Gelegenheit geben, sich an die Öffentlichkeit zu wagen und all die Damen, die sich als Solosängerinnen betätigen wollen, finden dann Gelegenheit, sich vor einem größeren und doch intimeren Kreis hören zu lassen. Ihnen sei aber gesagt, daß auch das Singen im Chor Treffsicherheit und Taktfestigkeit bedeutend hebt. Sehr oft sagt man uns: „ich möchte so gerne kommen, aber ich habe das Singen verlernt"; solche können ganz ruhig und unbemerkt in der Menge, im Chor singen, ihre Stimme schulen, sie werden gar bald mutig mit den andern sich hervorwagen. Gesang ist nebenbei bemerkt auch die beste Atemgymnastik und stärkt die Lungen. In Nr. 5 der „Bayer. Jsr. Gemeindeztg." vom 15. März, äußert Philippsthal den Wunsch nach Geselligkeit als Gegenpol gegen die über- Miinchner Neueste Nachrichten Verbreitetste Tageszeitung Süddeutschlands Einzelnummer 15 Vf. Bezugspreis wöchentl. 80 pf., monatl. RM. 3.35 b. freier Zustellung Münchner Telegramm-Zeitung Das Nachmtttagsblatt m.Montag-Morgen- Ausgabe. Einzelnummer 10 Vf. Bezugspreis RM. 1.50 monatlich. Bestellungen nehmen entgegen: Sämtl. Vostanstalten, die Filialen und Trägerinnen des Verlags: Knorr & Hirth G.m.b.H., München, Sendlingerstr. 80 . Vrobenummern auf Wunsch kostenlos