Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 6 (1.4.1928)
- Article
- Schulentlassungsfeier 1928
- Date
- 1928-04-01
- Page
- Seite 92 (sequence 2)
- Language
- German
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92 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 6 der beste Wegweiser im Kampfe um unser Judesein ist das Wissen um unser Judentum. Redner ermahnt daher die Jugend, dieses Wissen durch Lektüre zu erweitern und weist in diesem Zusammenhang auf die umfangreiche Gemeindebibliothek hin, die er zu fleißigem Gebrauch empfiehlt. Mt Absicht habe man auch den Sitzungssaal der Gemeindeverwaltung als Ort für diese Feier gewählt; der junge Mensch solle bei seinem ersten Schritt in die Freiheit auf die Gemeinde aufmerksam gemacht und damit auf die Verpflichtung zur Gemeinschaft hingelenkt werden, der unsere besten Kräfte entströmen. Mit dem Hinweis auf das Prophetenwort, Befriedigung in der Gotte-Erkenntnis zu suchen und der Mahnung, der Lehren des Religionsunterrichts stets eingedenk zu sein, schloß der Redner seine eindrucksvolle Ansprache. Nachdem die Schülerin der 8. Klasse der Stieler-Schule, Franziska Berliner, Sturms „Abschiedsworte" vorgetragen, ergriff der Abiturient der 9. Klaffe des Max-Gymnasiums, Herr Karl Neumeyer, Sohn des Herrn Oberlandesgerichtsrats Dr. Neumeyer, das Wort zu seiner Abschiedsrede: Am Ende eines Wegabschnittes, wie ihn der Austritt aus der Schule vorstelle, sei eine Rück- und Vorschau wohl am Platze; verschiedenartige Gefühle erfüllen das junge Herz; in den Jubel über die Erlösung vom Schulzwang mischt sich das Bewußtsein, daß Eltern und Lehrer uns zu dem erzogen, was wir jetzt sind; deshalb gelte es, diesen den Dank für ihre Erziehungsarbeit auszusprechen, vor allem den Religionslehrern, die nicht nur Erzieher, sondern auch Berater gewesen seien. In das Gefühl der Freude klinge aber auch die Stimme des Ernstes hinein: Das Bewußtsein der Verantwortlichkeit für das eigene Tun und Lassen, das fortan gelte gegenüber der Unbesorgtheit und Unbekümmertheit der vergangenen Schulzeit. Mit diesem Bewußtsein ist das der Bedeutung der Jugend für das Judentum enge verknüpft und mit dem Treugelöbnis gewissenhafter Pflichterfüllung gegenüber dem Vaterland und der Religion beendet der Vertreter der Jugend seine beifällig aufgenommenen Ausführungen. Der nächste Redner, Herr Justizrat Dr. E. Straus, spricht im Namen des Vorstands der Kultusgemeinde und als Vater zweier Absolventinnen. Er knüpft an die Bemerkung seines Vorredners an, daß die Jugend der Träger des Judentums sei; gerade aus dieser Überlegung heraus sei die heutige Veranstaltung entstanden. Redner nimmt Veranlassung die Jugend auf die Bedeutung der Gemeinde als Äußerung jüdischem Lebens aufmerksam zu machen und aus die in unserem Schrifttum wiederholt ausgesprochene Mahnung, sich nicht von der Gemeinde zu trennen. Gerade in heutiger Zeit, wo das Leben des Juden vielfach in einer feindlich gesinnten Umgebung sich vollziehe, könne nur in der Gemeinschaft die Quelle der Kraft nud der von jüdischem Bewußtsein erfüllten Betätigung liegen. Das bedinge absolut keinen Abschluß von der Umwelt; wir sind in dieselbe hineingestellt und sollen mit ganzem Können an der Kultur des deutschen Volkes teilnehmen. Hierzu muß sich aber ein gründliches Wissen um das Judentum gesellen, zu dem im Religionsunterricht bereits die Grundlage gelegt und zu dessen Bereicherung auch die Kultusgemeinde durch ihre Einrichtungen wie Bibliothek, Lehrkurse, Unterstützung jeglicher Jugendbewegung gerne die Hand reiche. Mit dem Wissen solle die Tat Hand in Hand gehen; so werden aus den jungen Menschen vollwertige Mitglieder der Gemeinde, geeignet und berufen, dereinst das Erbe der Väter zu übernehmen. Herr Justizrat Dr. Straus weist sodann auf die an die Schüler und Schülerinnen zu verteilende Gabe der Gemeinde, eine gekürzte Ausgabe der vom Verband der deutschen Juden herausgegebenen „Lehren des Judentums" hin, die den Empfängern mit dem gleichfalls als Geschenk verabreichten Kunstkalender Anregung zu eingehendem Studium geben mögen. Er spricht dann den Religionslehrern seinen Dank für ihre mühevolle Arbeit aus, die oft unter so schwierigen Umständen erfolge und nimmt mit der Mahnung Gottfried Kellers „Freundschaft in der Freiheit" zu erhalten und zu betätigen von der Jugend Abschied. Das stimmungsvoll von Frau Sonja Z i e g - l e r unter Begleitung ihres Gatten, des Herrn Kapellmeisters Ziegler, vorgetragene Mendelfohnsche Lied „Laßt uns singen von der Gnade des Herrn" beschließt die eindrucksvolle Feier. Dr. Kl. vücberfchau Der deutsche Jude und der Antisemitismus Vor kurzem erschien im Neue Brücke-Verlag (Düsseldorf) in der Reihe der Lebenserinnerungen von führenden Männern aus allen Berufskreifen das Buch: Lebenserinnerungen eines Rechtsanwalts von Dr. Max Hachenburg. — Nachstehend bringen wir einen Abschnitt aus diesem Buche, der die Stellungnahme Hachenburgs zum Antisemitismus wiedergibt. Ohne in allen Punkten mit dem Verfasser einig gehen zu können, glauben wir, daß die Ausführungen eines Mannes wie Hachenburg, des berühmten Anwalts, Kommentators und Mitglied des Reichswirtfchaftsrates, auf jeden Fall Interesse für sich beanspruchen dürfen. Im Frühjahr 1897 erschien Düringer bei mir. Durch meine Vorträge zum BGB., die damals noch stattfanden, angeregt, schlug er mir die gemeinsame Abfassung eines Kommentars zum Handelsgesetzbuch vor. Über diesen und seine Schicksale werde ich später unter dem Kapitel von den literarischen Arbeiten berichten. Aus diesem Zusammenarbeiten entspann sich die Freundschaft unter reisen Männern. Sie entsteht nicht so leicht wie in der Jugend. Sie führte nicht zu äußerlichen Intimitäten. So blieb es bei uns stets bei der Sie-Anrede, nur daß wir uns beim Nachnamen ohne Beisatz anredeten. Als Briefüberschrift hatte sich „Lieber Freund" eingebürgert. Aber gerade solche Zusammenschlüsse bei Männern Ende der Dreißig und Anfang Vierzig — Düringer war fünf Jahre älter — haben dauernden Bestand. Als Düringer 1919 Mitglied der Deutschnationalen Partei in der Nationalversammlung wurde, war sein erstes, mir zu schreiben, daß doch hierdurch unsere Freundschaft keine Trübung erhalten dürfe. Ich konnte ihn sofort darüber beruhigen. Es hat sich wohl auch sonst mancher darüber gewundert, wie wir zusammen paßten, der konservativ gerichtete, innerlich gläubige Richter und der fortschrittlich eingestellte, freidenkende Rechtsanwalt. Es muh doch wohl auch daneben einige gemeinsame Anziehungspunkte gegeben haben, über Religion sprachen wir nie. Als sich mein Sohn mit einer Protestantin verlobt hatte und ich es Düringer erzählte, fragte er beinahe ängstlich: „Sie werden doch nicht so rückständig sein, daran Anstoß zu nehmen?" Darin drückte sich die Erwartung der Toleranz aus. Nichts war ihm schlimmer als der Argwohn des Antisemitismus, der sich mit der Zugehörigkeit zur Deutschnationalen Partei leicht verband. In ihr bilde er, wie er mehrfach erzählte, mit Posadowski und Delbrück den philosemitischen Flügel. Er nahm Delbrücks Ansicht auf, daß der Antisemitismus der Partei ein Fehler sei. Die Juden besäßen zwei Momente, die sie zur konservativen Anschauung besonders geeignet erscheinen ließen, Intelligenz und Besitz. Ich bemerkte hierauf, daß sie auch andere Eigenschaften zeigten, die sie ins demokratische und sozialdemokratische Lager sührten, darunter eine starke Empfindung gegen Ungerechtigkeit. Während der bayrischen Räteherrschaft bedauerte Düringer, daß Namen wie Levi und Levine, Eisner und Landauer an der Spitze genannt würden. Das gäbe dem Antisemitismus wieder Nahrung. Düringer kannte auch meine eigene Auffassung über die antisemitische Bewegung. Ich suchte sie zu verstehen. Mir ist der deutsche Antisemitismus ein geschichtlicher Vorgang. Die, welche in seine Zeit fallen, traf er schwer. Er stellt aber doch nur ein Stück aus der Entwicklung des jüdischen Volkssplitters zu einem unlösbaren Bestandteile Deutschlands dar. Jede Angleichung eines ursprünglichen Fremdkörpers vollzieht sich langsam und unter Kämpfen und Krämpfen. Wäre diese Erkenntnis nicht, so wüßte ich nicht, wie ein in deutscher Sprache und Kultur ausgewachsener Jude das Dasein ertragen könnte. Nicht, daß ich persönlich unter Judenhaß zu leiden gehabt hätte. Im Gegenteil, ich selbst habe den Antisemitismus am eigenen Leibe nie gespürt. Dies mag ich zum erheblichen Teile meiner früher geschilderten Zurückhaltung danken. So gab ich keinen Anlaß zur Zurückweisung. Aber, daß trotzdem die gepredigte Lehre, die ich las, und die gesellschaftliche Boykottierung, die ich sah, schmerzhaft berührt, kann ich nicht leugnen. Ich versuchte die Ursachen des Antisemitismus mir klar zu ma- SCHRAMM