Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 6 (1.4.1928)
- Article
- Fürth
- Date
- 1928-04-01
- Page
- Seite 91 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 91 tums. Aus dem geschichtlichen Gang der Ereignisse, die vor hundert Jahren zur politischen Emanzipation führten, hervorgegangen, hat es an die Gedanken und an die weitblickenden, umfassenden Ziele der Propheten angeknüpft, die bei aller Achtung des geschichtlich Gewordenen darauf gedrungen haben,, die Ewigkeitswerte von allem Zeitbedingten zu scheiden. Diesen Weg mußte mit Notwendigkeit der religiöse Liberalismus gehen, wenn er nach prophetischem, nach dem der Geschichte innewohnenden Geist das Judentum erhalten und durch die Stürme der Zeit retten wollte. Es ist sein Verdienst, daß er immer das Gebot der Stunde erkannt und dem lebendigen Pulsschlag des Lebens gedient hat. Die Entwicklung des liberalen Gedankens ist beweiskräftig genug. Keine religiöse Richtung hat sich seiner Einwirkung entziehen können. Die Unterschiede haben sich in wenigen Generationen vermindert. Alle Reform ist in Wirklichkeit nicht so sehr Abschaffung und Beseitigung erstarrter Formen, sondern mit der Belebung der Form Erneuerung, Vertiefung des Gehalts, Kräftigung des religiösen Geistes, der aus den vornehmsten Quellen schöpft, nach namhaften Vorbildern seinen Weg bestimmt. Gotteskenntnis, Gottesliebe, Gottesnähe stehen ihm an erster Stelle, entscheiden das Verhältnis zur Umwelt, umgrenzen die Assimilation, die wohl die Form beeinflussen mag, im Bezirk des geisUgen Lebens aber nur unter dem Zeichen der Ewigkeitswerte, nicht aber des Zeitbedingten Aufnahme finden kann. Damit mündet der religiöse Liberalismus in den Strom der mestianischen Hoffnungen, die seinen universalistischen Anschauungen ganz besonders naheliegen, dadurch kommt er zur Ablehnung der nationalen Weltauffastung des Zionismus und zu einer Befruchtung des religiösen Lebens unserer Zeit, die der anders gearteten Orthodoxie fern liegt. Indem der Liberalismus diesen Weg einschlägt, folgt er seinen großen Führern Abraham Geiger, Baeck und Hermann Coden und dient dem Judentum in wahrhaft religiösem Geiste. Mit einem Aufruf zur -Arbeit an diesem Werk, das unserer Gemeinschaftsarbeit ganz neue Ziele und weitausgreifenden Gehalt aufweist, schloß der auf bemerkenswertem Niveau gehaltene Vortrag, der starken Beifall fand. Rabbiner Dr. Behrens würdigte diese Tatsache in seinem Schlußworte, indem er für den religiösen Liberalismus völlige Gleichberechtigung im jüdischen Gemeinschaftsleben forderte. 6us der Semeinde Bildungsabende der München-Loge Der dritte Kunst- und Bildungsabend der München-Loge fand am 14. März im Mathildensaal statt. Musikalisch umrahmt von der Schubert-Phantasie op. 78, deren Schönheit Herr Dr. I. Waldner vollendet zu Gehör brachte, stand diesmal im Mittelpunkt des Abends Frau Else Goldner mit Rezitationen. Über die Verfasser der vorgetragenen Dichtungen sprach Dr. Ludwig Freund einleitende Worte, in welchen er vor allem Heine und Buber ausführlicher behandelte, elfteren vor allem als Märtyrer der Zerrissenheit seiner Zeit, letzteren als den Mittler zwischen West und Ost, den prophetischen Mystiker und Eroberer von geistigen Schätzen aus aller Herren Länder. Er schilderte auch kurz die Bedeutung von Werfel, Beer-Hofmann und Moritz Heimann. Er schloß mit dem Hinweis darauf, daß auch da, wo vom Judentum weder im Stoff noch Einstellung die Rede sein kann, ja, wo sogar ein bewußtes Abwenden zeitweilig vorliegt, unbeschadet der Verwachsenheit mit dem Abendland hinter allem doch letzten Endes jüdisches Fühlen und Denken, jüdisches Echos als Wurzel erkennbar wird. Frau Goldner hatte ein interessantes Programm zusammengestellt, das ihr auch Gelegenheit gab, ihr feinsinniges Einsühlen und ihr verständnisvolles Versenken in die verschiedensten Seelenbezirke kund zu tun. Bemerkenswert-vor allem war, wie die Künstlerin sowohl die besinnliche Süße des „Schlaflied für Mirjam" von Beer-Hofmann, als auch die ethische Leidenschaft Werfels „Gebet um Reinheit" und die revolutionäre Leidenschaft in Heines „Weber" vorzüglich zum Ausdruck brachte und nicht minder glücklich den satirischen Ton für Heines „Der tugendhafte Hund" traf. Ganz besonders wirksam erwies sich die vortreffliche Vorlesung der Josefsgeschichte aus der Bibelübersetzung Buber-Rosenzweig. Der Zweck der Kunst- und Bildungsabende, den weitesten Kreisen Kunstgenuß und Belehrung zu vermitteln, findet immer größeren Anklang. Man erinnert sich mit Freuden auch an die vorhergehenden Abende mit ihren fesselnden und belehrenden Vorträgen und vorzüglichen musikalischen und gesanglichen Darbietungen; man denkt auch gerne an die jedesmalige, gemütlich-gesellige Teepause, für deren Gelingen der Schwesternvereinigung der München-Loge der Dank gebührt, die für beste Regelung sorgte, während die Töchter anmutig servierten. Der lebhafte Zuspruch, den diese Veranstaltungen finden, beweist, daß damit eine Bereicherung des jüdischen Gemeinschaftslebens erzielt wurde. Die Kunst 2Nax Liebermanns Der Winterzyklus der Lehrkurse endete mit zwei Vorträgen des Wiener Universitätsprofessors Dr. Max Eisler über „Die Kunst Max Liebermanns". Am ersten Abend gab der Redner eine Einführung in die Kunstbetrachtung überhaupt. Der zweite Abend war dem Werke Max Liebermanns gewidmet. An der Hand einer großen Reihe von Lichtbildern verstand es der Redner, soweit dies innerhalb der Schwarzweißgrenzen eines Lichtbildes möglich ist, ein sehr eindrucksvolles Bild von Liebermanns Kunst zu geben. Sympathisch berührte die Objektivität des Urteils des Vortragenden, der sich von naheliegender Einseitigkeit frei zu halten wußte und es verstand, getreu dem großen Realisten, dessen Werke er darstellte, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. S. Filialgottesdienst. Im „Israelitischen Jugendheim" (Israelitische Jugendhilfe e. V.), Antonienstraße 7, findet jewells an den Freitagabenden und den Vorabenden der Festtage zu gleicher Zeit wie in der Hauptsynagoge Gottesdienst statt. Auf diese Einrichtung werden Interessenten, die ihren Wohnsitz in Schwabing haben, besonders hingewiesen. Schulentlassungsfeier 1928 Am Schlüsse des lausenden Schuljahres 1927/28 trat die Israelitische Kultusgemeinde München zum ersten Male mit einer Einführung hervor, die wohl verdient, zu einer ständigen Einrichtung ausgebaut zu werden: Mit der Abhaltung einer Entlassungsfeier für die Schüler und Schülerinnen, welche in diesen Tagen, ihre Schulzeit beendet haben. Der Einladung der Gemeinde zu dieser Feier, die Sonntag, den 25. März, vormittags 11 Uhr im Sitzungssaals der Verwaltung stattfand, waren zahlreiche Absolventen und Absolventinnen mit ihren Angehörigen gefolgt, so daß der Raum bis auf den letzten Platz gefüllt war. Die Feier wurde mit dem stimmungsvollen Vortrag des 23. Psalms durch Herrn Kantor Lach mann eingeleitet. In der darauffolgenden Ansprache an die Abiturienten wies Herr Rabbiner Dr. Baerwald im Namen der Religionslehrer der Gemeinde zunächst auf die Bedeutung des Schulaustritts hin, der in vielen Herzen wohl den Traum der langersehnten Freiheit zu verwirklichen scheine; das Leben werde aber bald die Erkenntnis reifen lasten, daß die wirkliche Freiheit nicht in ungezügelter Hemmungslosigkeit, sondern in der Gebundenheit der Pflichterfüllung bestehe. Das Wort: „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir", gelte in seiner ganzen Auswirkung vor allem für den Religionsunterricht, der mit seinen Lehren den mannigfachen Verführungen des Lebens gegenüber einem festen Damm bilde und gegen die Zweifel des grübelnden Verstandes widerstandsfähig mache. Die Tatsache, daß der Religionsunterricht gerade in dem Alter zu Ende gehe, indem die Versuchung in ihrer verschiedensten Form auf den jungen 'Menschen einstürme, sei gut; denn die Lehren der Religion müssen im ehrlichen Ringen erprobt und durch Kamps zu eigen gemacht werden. Auch stehen die Religionslehrer den jungen Menschen in ihren Gewissensnöten jederzeit mit ihrem Rat zur Seite; Verwendet die Telegramm-lkM^ormulsre des Israelitischen ssrauen-Vereins [t V.j von 1830!