Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 6 (1.4.1928)
- Article
- Inhalt
- Date
- 1928-04-01
- Page
- Seite 81 (sequence 1)
- Language
- German
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Kachrichtenblatt 6er Israelitischen Rultusgemeinöe in München unö ües ÄerbanöeS Vagerischer Israelitischer Gemeinden Va^erische Israelitische Gememüezeitung erscheint am 1. unö if. jeöen Monats. — Verlag: V. Heller, München, Herzog Marstraße4, Kernsprecher 93099, Postscheckkonto ttc.59&7 München. Schristleitung: Or. Lugen vchmiöt, Rechtsanwalt ln München, Karlstraße 6. Lezugsprels für nicht eingewiesene Bezieher: Mark 4-— für öas Jahr. Anzeigenpreis: Oie 4 gespaltene Millimeter-Zeile 40 Pfennige Kamilienanzeigen, Stellengesuche unü ähnliche Angebote if Pfennige 1?Z$ München, i. April Ar. 6 Inhalt: Vom Wesen des Alpinismus und von jüdischen Bergsteigern — Synagoge und Friedhof der Gemeinde Sulzbürg — Geschichtliches vom ehemaligen Markt Jchenhausen — Aus dem Verbände — Aus der Gemeinde — Bücherschau — Vereine — Personal!«. Vom Wesen des Alpinismus und von jüdischen vergsleigern Betrachtungen von Dr. Georg Franz Bergmann I. Berg und Gott So kündet das Wort: „Und der Ewige sprach zu Mose: „Sei bereit auf den Morgen. Steige am Morgen hinauf zum Berge Sinai und harre dort meiner auf dem Gipfel des Berges" (Exod. 34, 2). Und Mose tat also und empfing droben, wo er dem Herrn am nächsten war, die Befehle Gottes. Die Schöpfung chatte den Berg erschaffen. Und er ragte empor zu den Sternen und war höher als alles, was um ihn war. Deshalb wählte ihn das Naturvolk zur Stätte des Kultus für den herrschenden Gott. Wo immer Berge zum Himmel ragten, in Hellas, in Germanien, auf Japans Eiland wie aus den Steppen Boliviens, überall galten sie als der Wohnsitz der Götter." Die Höhe war das Symbol der Erhabenheit des Gottes. So ward in vormosaischer Zeit das Opfer dargebracht auf der Berge Gipfel. Heißt es doch in der Genesis 22, daß der Herr an Abraham den Ruf ergehen ließ, zu opfern am Berge Moria. Auch Zions Tempel ragte empor über die Zinnen der Stadt. Die Ureinwohner Palästinas aber huldigten weiter ihren Göttern auf den Bergen des Landes. Dieser Brauch war nicht auszurotten, und schon Ierobeam erbaute neben dem Tempel des Herrn wieder Altäre für die Abtrünnigen auf den Höhen der Berge (I. Kön. 12, 31). Zäh hielt das Volk fest an diesen alten Sitten und immer wieder melden die Bücher der Könige von dem Abfall des Volkes zu den Berggöttern des Landes. So opferten sie auf den Höhen, als Amazjahu König ward zu Juda und stellten Bilder auf auf den Gipfeln in Israel, als Hosea dort herrschte, „wie die Völker, die der Ewige ausgetrieben hatte vor ihnen" (II. Kön. 17, 11). Es nutzte nichts, daß Hiskia die Altäre zertrümmerte (II. Kön. 18, 4), schon sein Sohn Manaffe stellte sie wieder her, bis Iosia sie niederriß und die Götzendiener- Vertrieb. (II. Kön. 23, 13.) Die Propheten wußten wohl, daß sie dem alten Volksglauben a) Siehe Lehner, Die Eroberung der Alpen, Seite 7 ff.' entgegenkommen mußten. So maß sich Elija, der Sendbote des Herrn, am Berge Karmel mit den Dienern des Baal und stieg wie Mose hinauf zum Gipfel des Berges. (I. Kön. 18,42.) Erft die Vertreibung konnte den Höhenglauben vernichten. Zwar baute man den Tempel wieder auf, zwar errichtete noch im Jahre 414 vor Christi Geburt Manasse den samaritanischen Tempel auf dem Berge Gerisim, der Gipfelglaube aber war gebrochen, bis ihn die zweite Vertreibung ganz beseitigte. Flehte noch der Psalmist zum Herrn: „Siehe, ich erhebe meine Augen zu den Bergen, von denen mir Hilfe kommt!" (Ps. 121), so kündet der Prophet der Verbannung bereits die neue Lehre: „Also spricht der Herr: ,Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße. Wo ist das Haus, das ihr mir erbauen könnt und wo der Ort meiner Ruhestatt:" (Iesaia 66, 1). Nicht mehr an den Ort gebunden ist die Verehrung des Herrn, der Tempel Zions in der Höhe verschwunden. Das Haus Gottes steht nun inmitten der Stadt, umgeben vom Alltag. Es folgt den Verfolgten in die Enge des Ghettos, es bleibt ihre Zuflucht im Sturm der Jahrhunderte. Vergessen ist der Glaube an die Höhen Palästinas. Wo aber die Religion Christi einzog, wichen die alten Berggötter? In den heiligen Gipfelhainen Germaniens trat an die stelle von Freyas Tempel die Kapelle der reinen Magd. Frommer Glaube errichtete auf den schneebedeckten Hochgipfeln das Kreuz, an dem der große Bergprediger ausgelitten. Fast ein Jahrtausend lag die Furcht Gottes über dem Berge. Demütig zog der Pilger über die „bösen" Pässe. Furcht war das einzige, das ihn beseelte beim Anblick der mächtigen Eisriesen, der tiefen Spalten der Gletscher. Bis im achtzehnten Jahrhundert eine neue Zeit anbrach, die mit Rousseau und Goethe das Naturempfinden erwachen ließ und eine neue Bewegung hervorrief, den Alpinismus. b) Siehe Jos. Simler, Oe Alpibu5 commentarius, II. Auflage. Leyden 1633. pag. 178.