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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-03-15 · 5 (15.3.1928) · p. Seite 76

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
5 (15.3.1928)
Article
Hermann Cohens "Schriften zur Philosophie und Zeitgeschichte" [Rezension]
Date
1928-03-15
Page
Seite 76 (sequence 1)
Language
German
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76 Bayerische Israelitische Gemeindezettung Nr. 5 Hermann Cohens „Schriften zur Philosophie und Zeitgeschichte" Unter diesem Titel erscheint soeben eine zweibändige Sammlung aus dem Schatze Cohenschen Denkens. Herausgeber sind, im Aufträge der Hermann Cohen-Stiftung der Akademie für die Wissenschaft des Judentums Professor Albert Görland und Professor Ernst Cassirer. Die „Schriften" bilden eine schöne leichter zu lesende Ergänzung zu den mitunter intensivere Beschäftigung fordernden Bücher Cohenscher Systematik. Die vier Teile: Systematisches, Politisches und Zeitgeschichtliches, Persönliches Rezensionen, enthalten neben manchem bereits verstreut Gedrucktem auch viel Ungedrucktes und Verschollenes. So die längst ergriffene und viel gesuchte Abhandlung: Das Prinzip der Infinitesimal-Methode und seine Geschichte. Der Akademie- Verlag, Berlin W 35, Lützowstraße 16, hat das zweibändige Werk gediegen ausgestattet. „Kol Schemuel." Synagogengesänge für Kantor und gemischten Chor, mit und ohne Begleitung der Orgel, von S. Lampel, Oberkantor der isr. Religionsgemeinde Leipzig. Kommissionsverlag von M. W. Kaufmann, Leipzig. Diese Neuerscheinung ist als eine fortschrittlich gerichtete Weiterentwicklung der Synagogenmusik zu begrüßen und zu bewerten. In 57 mehr oder weniger umfangreichen Nummern aus der Sabbat- und Festtagsliturgie verrät der Autor sein reifes Können, seine reiche Phantasie, vor allem aber sein sicheres Stilgefühl. Dieses tritt bedeutsam in Erscheinung insbesondere bei den zahlreichen traditionellen Rezitationen, deren harmonische Untermalung durch die Orgel dem Stilcharakter trefflich angepaßt ist. Aber auch das frei erfundene Rezitativ und die Kantilene sind aus- '-jJßfjaxirwictnsfttMsse i- «J"ßinäte J'Cet'umitfeiduntj L^afnt Acit ulet 50 clalviÄi (Ifleinjetttetun^ JcA TÖeftlai - iumdan ^eqenuldet 0eSaa. Spattan^ gezeichnet durch sinngemäße, grammatikalisch korrekte Deklamation, durch fließende, sangbare Melodik, die zumeist durchflutet ist von einem edlen, religiösen Pathos. Noch deutlicher tritt die fortschrittliche Tendenz zutage, und zwar ebenso in einer farbenreichen Harmonik wie durch straffe Rhythmik, in den zu größerem Teile homophon gearbeiteten Chören. In ihnen wird auch der Polyphonie Reverenz erwiesen durch Imitationen und durch eine große Fuge Nr. 31, die jedoch, ungeachtet der in ihr enthaltenen Durchfuhrungskünste, einen teilweise akademisch trockenen Eindruck hervorruft. Besonders hervorzuheben ist, daß unseres Autors entwickelter Formsinn, sein ästhetisches und jüdisches Empfinden ihn schützen vor Anwendung harmonischer Verstiegenheiten oder gar vor chaotischer Atonalität. Trotz modulatorischer Kühnheiten, trotz mitunter unvermittelt wechselnder, aber immer schlagkräftiger Harmonien, bleiben nähere oder enferntere Beziehungen zur Grundtonart gewahrt. Wegen seiner mannigfachen Vorzüge und nicht zuletzt wegen seiner Verwendbarkeit sei das Werk Kol Schemuel jenen Gemeinden und Kantoren, denen die künstlerische Ausgestaltung des jüdischen Gottesdienstes am Herzen liegt, warm empfohlen. Freilich, der Wirkungsgrad der besprochenen Gesänge wird letzten Endes abhängen von ihrer exakten Wiedergabe, von der Überwindung der hie und da auftretenden technischen Schwierigkeiten. Der Autvor selbst sagt hierüber im Vorwort zu seinem Werke: „Daß viele derselben nur mit einem ausgezeichneten Chorkörper und einer guten Orgel aufgeführt werden können, ist mir wohl bekannt und — mein herzlicher Wunsch." E. Kirschner. 7Uax Brod: Die Frau, nach der man sich sehnt. Paul Zsolnay Verlag, Berlin-Wien 1928, brosch. RM. 4.—, Halbleinen RM. 5.50. „Wir halten es nicht aus, wirklich zu lieben, wir sind zu schwach. Daher sind es nur die Abschwächungen der Liebe, die wir aushalten." „Trotz allem können wir ja nicht umhin zu wissen, daß nur absolute Lösungen menschlich anständig sind." Dies sind die Zitate, die dem Buch vorausgeschickt sind — das erste entstammt dem Buche selbst und unter diesem Zeichen steht der Roman. Unter dem Zeichen der Liebe, die den ganzen Menschen erfaßt und mehr von ihm verlangt, als er geben kann. Drei Menschen gehen an solcher Liebe unentrinnbar zugrunde. Doch dies schreckt uns nicht — und nichts liegt dem Dichter ferner, als eine solche Absicht — oder nur wenig, vielmehr beglückt uns das Erlebnis des Absoluten. Das „Lieb mich weniger, so liebst Du mich recht" — eine Kapitelüberschrift des Romans — wäre unerträglich ohne die Ahnung des Absoluten. Vor den Folies Beigere lernt der Dichter seinen Helden kennen, einen jungen österreichischen Oberleutnant a. D. Der erzählt ihm seine Liebes- und damit seine Lebensgeschichte. Drei Frauen gehen durch sie hindurch, Dorothy, die sinnliche Liebe, Agnes, die platonische Freundschaft (Liebe!), Stascha, die große Liebe, das Unfaßbare. Mit Staschas Verlust ist sein Leben zu Ende, sein Sinn erfüllt. „Nein, es geht wirklich nicht darum, irgendetwas Epochales zu erleben, sondern in aller Privatheit einen Tag vollkommenen Glücks." 3lja Ehrenburg: Michael Lykow. Ein Helden- und Schieberroman aus Sowjetrußland. Malik-Verlag. Das Rätsel Rußlands — Urkraft, primitivste Jnstinkthaftigkeit, ideeliche Besessenheit gleicherweise —; sind Menschen geworden in dieser Gestalt. Ein Schieber und Intrigant, ein Feigling und Tier kennt er nur Tun, Zweck, Ergreifen, dieser Michael Lykow. Der Antagonist sachlicher, nur staatsbestimmter Parteiarbeiter, wird er Zerstörer und Parasit in der Sphäre eines gewaltigen Umbau- Willens, in einem neuwerdenden Organismus, dessen Teile bis aufs äußerste angespannt sind in enstagungsvoller Zusammenarbeit. Mit der Eindringlichkeit des Wirklichkeitsuchers und einer ganz außerordentlichen Psychologie 'schrieb Ehrenburg um diese Gestalt die Epopöe des russischen Alltags. Angefüllt mit bedeutender Geschichte und ihren Trägern errichtet sie ein neues Rußland vor uns, in dem wir — wie überall — den ewigen Kampf zwischen Idee und Trieb, zwischen Gedanken und Charakter sich vollziehen sehen. Manfred Heß.

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