Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 5 (15.3.1928)
- Article
- Vom Kern der Religion
- Date
- 1928-03-15
- Page
- Seite 70 (sequence 2)
- Language
- German
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70 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 5 ruhe und Angst de-» modernen Menschen bezeichnen, liegt hierin begründet, abgesehen von Fällen organischer Störungen. Wenn den modernen Menschen vor Entscheidungen, vor schwierigen Aufgaben, vor der ungewissen Zunkunft ein Zagen überkommt, ja wenn in das ganze Leben eine allgemeine Unsicherheit einschleicht, so hat dies wohl stets seine Ursache darin, daß der eigentliche Lebensrückhalt fehlt. Und das ist nun das Eigentliche, das Wesentliche, was den meisten sogenannten Menschen fehlt, aber auch all denen, die religiös nicht stark verankert sind: eine absolute, unbedingte Lebenszuversicht. Diese Zuversicht ist völlig unabhängig davon, wie es einem augenblicklich ergeht. Sie ist nicht etwa mit Optimismus gleichzusetzen, der nur meist eine lose, allgemeine und verschwommene Empfindung darstellt, daß alles schon gut gehen werde. Jene unbedingte Lebenszuversicht ist ein im tiefsten Grunde unserer Seele erlebtes unmittelbares, intensiv erlebtes Sicherheits¬ und Zuversichtsgefühl, ein unmittelbares Durchdrungensein von jener Einstellung gegenüber allem was da ist und kommen mag. Es ist dies kein Übermut, kein Stolz und keine Gleichgültigkeit, hat auch keinerlei weitere Begründung und Rechtfertigung — also auch unabhängig davon, ob wir mit uns selbst im Augenblick zufrieden sind oder nicht — sondern dieses Erlebnis ist einfach da, weil wir es erleben wollen und im Grunde genommen einfach erleben müssen, so wir Harmonie und Klarheit in unser Leben bringen wollen. Was unserem Leben sein eigentliches Gepräge gibt, das ist nicht das, was wir zu ertragen haben, sondern w i e wir es ertragen. Mag da kommen, was da will, wenn uns solche Zuversicht erfüllt, dann können wir aufrecht bleiben und durchhalten. Vor dem, was uns bestimmt ist, können wir nicht fliehen. Aber wir können es vielleicht abwenden, wenn wir diese unbedingte Lebenszuversicht haben. Dann können wir sicher aufwärts schreiten, wo wir sonst vielleicht verzagen würden. Je mehr diese unbedingte Lebenszuversicht unser ganzes Wesen erfüllt, je mehr wir von ihr durchdrungen werden und je mehr sie Teil unseres Wesens, ja unser Wesen selbst wird, desto mehr schrumpfen in sich all die Ängste und Besorgnisse zusammen, die uns des Nachts und des Morgens Düsteres vor die Seele gaukeln und unsere Tatkraft lähmen möchten. Alles aber, was die Tatkraft lähmt, ist Lebensgift! Und so werden wir freie, wahrhaft freie Menschen. Um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen: es gibt berechtigte Vorsicht, und berechtigte Scheu und berechtigte Zurückhaltung: sie wollen uns adeln. Aber Angst und Furcht und Zweifel und Unsicherheit und Kleinmut und Verzagtheit, sie ziehen uns herab und lassen uns in Unfreiheit. Diese ganze Einstellung ist nun aber kein Widerspruch zum religiösen Standpunkt: im Gegenteil: diese Einstellung ist das, was die Religion in ihrer Weise geben möchte, was sie auch den früheren Generationen und einem Teil der heutigen Zeit gab bzw. gibt. Wenn uns über der Kritik an Äußerlichkeiten der Blick für ihren Kern verloren ging, so es nicht ihre Schuld. Aber noch etwas ist meist in uns, was uns ebenfalls in Unfreiheit hält: all das dumpfe, was da in unserer Seele sich eingenistet hat. Denken wir etwa an jene dumpfe, niedere Sinnlichkeit, die etwas ganz anderes ist als Freude an Schönheit oder Liebe. Und was ist doch sonst alles an Finsterem und Dumpfem noch da: Neid, Habgier, Rachsucht, Haß, Unduldsamkeit und was sonst es noch sei. Dumpf ist alle Gier und alle Leidenschaft, während Sehnsucht licht und rein ist. Auch die kalte Jch-sucht, die keinen anderen und kein Wir anerkennt, sie läßt die wahre Freiheit nicht auftommen. Erst im Aufgehen in einer Gemeinschaft erringt unser Ich eine höhere Form des Erlebens, werden wir frei. Und je mehr alle von Ge¬ Miinchner Illustrierte Die große Bilderschau der Woche erscheint jeden Samstag Einzelnummer 20 Pf. Im Abonnement monatlich 80 Pf. Suddeutsche Sonntagspost Das amüsante Familienblatt mit Lebens- und Unfallversicherung. Leben bis zu NM. 600.-, Unfall bis zu RM. 10000. — . Monatlich einschl. Versicherung NM. 1.— Probenummern stehen auf Wunsch gerne zur Verfügung Verlag Knorr & Hirth G. m. b. H., München Sendlingerstraße 80 meinschafts- und wahren Helfergeist erfüllt werden, desto verbundener und sicherer fühlen sich auch alle. Wenn wir uns bemühen, so ftei und zuversichtlich zu werden, dann schwinden bald all die Falten der Ängstlichkeit und des Unmuts von den Stirnen, und Licht und Zuversicht geht von unserem Wesen aus. So entfliehen wir der Vereinsamung. Und kehren wir nun zu unserer Grundftage zurück: läßt sich nicht überall in den Formen der jüdischen Konfession die Richtigkeit unserer obigen Ergebnisse Nachweisen? Der Gottesglaube, die Feier unserer Feste, die Erzählungen der Bibel, das Abend- und Morgengebet, die Segenssprüche des täglichen Lebens, die Heiligung wichtiger Lebensabschnitte: sie wollen und sollen uns jene unbedingte Zuversicht und Freiheit geben. Sie bleiben leer und ohne Inhalt, solange dies nicht geschieht. So haben wir den Berührungspunkt gefunden zwischen dem, was dem modernen Menschen nottut (mag er dem religiösen Gebiet ablehnend, gleichgültig oder suchend gegenüberstehen) und dem, was den Kern der Religion bildet. lakob kerz Jakob Herz war der erste Jude auf bayerischem Lehrstuhl. Es dauerte lange, bis er, der überragende Gelehrte und bedeutende Mensch, das Vorurteil der Zeit gebrochen und die ordentliche Professur erlangt hat. Zu Bayreuth geboren, wurde er im 47. Jahre seines Lebens Prosektor zu Erlangen, nach sieben weiteren Jahren wurde ihm 1854 die Zulassung zur Habilitation verweigert, nach weiteren acht Jahren der Titel eines Professors, 1863 eine wirkliche, aber außerordentliche, und sechs Jahre später — im 22. Jahre seiner akademischen Tätigkeit und drei Jahre vor seinem Tode — eine ordentliche Professur verliehen. Dem 1871 in Erlangen verstorbenen Professor der Medizin, Jakob Herz, errichteten seine Freunde am Luitpoldplatz zu Erlangen ein von Professor Zumbusch entworfenes Denkmal, das den seltenen Mann in voller Figur darstellt. Ein schöneres noch hat er sich in den Herzen aller derer erworben, die die Herzensgüte und Selbstlosigkeit, die Hilfsbereitschaft, die Bescheidenheit und Aufopferung dieses großen Gelehrten, ganzen Menschen und vollen Juden gekannt haben. H. rrsStT']-* i1;