Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 5 (15.3.1928)
- Article
- Die Sendung Franz Kafkas
- Date
- 1928-03-15
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
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66 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 5 gehrt. „Es ist möglich", sagt der Türhüter, „jetzt aber nicht." Und der Arme wartet vor der Türe, Monde und Jahre. Er gibt den Versuch auf, hineinzudringen in das Gesetz und wartet, bis man ihm die Türen öffnet. Indessen wird er alt, krank und kindisch. Ehe er stirbt, rafft er sich noch einmal zu einer Frage auf. „Alle streben doch nach dem Gesetz," sagt der Mann, „wieso kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer mir Einlaß begehrt hat?" Und der Türhüter antwortet: „Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für d i ch bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn." In diesen Tagen ist der dritte Nachlaßband „Amerika" erschienen. Mit diesem Werk — und den beiden anderen genannten Romanen „Der Prozeß" und „Das Schloß" — schließt sich Kafkas geniale Trilogie des Einsamen, des faustischen Wanderers, des um die letzte Weisheit Irrenden. Kein zweiter Dichter unter den Jüngeren vermochte mit so einfachen Mitteln Epen solcher Größe zu schaffen; keiner so über die Zeit hinauszuwachsen wie Kafka; keiner mit einer aus Einfachheit emporgefteigerten Sätzen Prosa zu formen, die in ihrer geordneten Klangfülle wie eine Wortsymphonie wirkt. Wer kann das Geheimnis deuten: Kafkas Sprache ist streng; jemand, der sie zum ersten Male lieft, wäre versucht, sie als kalt zu empfinden. Dem aber ist nicht so. Diese Prosa ist zwar ausnahmslos frei von Lyrismen; sie ist herauskristallisiert aus der Idee, aus Kafkas tragischer Besessenheit eben. Aber wie der Kristall hart ist, und doch der Weichheit des Lichtes sich nicht versagt, so ist die Sprache Kafkas nach außen hart abgegrenzt, doch von allen Seiten her durchsichtig, spiegelt sie innerste Bewegtheit wieder, Liebe und Mitleid, und so verbindet sich zu seltener Einheit das zwiefache Maß: Form und Gehalt. II. „Amerika" ist das weltlichste Buch Kafkas im wortwörtlichen Sinne. Das Buch nämlich, das der Welt am nächsten kommt. Während im „Prozeß" und im „Schloß" der Einsame der Welt gegenübersteht, mit jener Sehnsucht, von der wir oben sprachen — ist Karl Roßmann im dritten Roman ein Knabe, der noch nicht um diese Stille weiß, der sich des Tragischen also noch nicht bewußt wurde. Er will nichts als ein in geordneten Verhältnissen lebender Mensch werden, nur ein Arbeiter. Der Junge hat Pech gehabt. Er wurde von einem Dienstmädchen verführt und ist mit sechzehn Jahren Vater geworden. Die kleinbürgerlichen, durch das Mißgeschick kopflos gewordenen Eltern schicken ihn nach Amerika. Das ist in solchen Fällen am bequemsten. Das Dienstmädchen aber weiß, daß Karl einen Onkel in Amerika hat. Sie schreibt an ihn, und so kommt es, daß der junge Auswanderer, noch ehe er das Schiff verläßt, im Hafen von Neuyork von seinem Onkel gefunden wird. Es scheint nun alles gut zu enden. Karl hat Zeit, sich in einem reichen Hause auf die Neue Welt vorzubereiten. Er wird verwöhnt, bekommt ein Klavier, einen Hauslehrer und Reitunterricht. Der Onkel ist ihm zwar mit väterlicher Liebe zugetan, aber so sehr Prinzipienmensch, daß er aus einem geringfügigen Anlaß den Neffen verstößt und der Hölle des fremden Landes preisgibt. Karls Schicksal wendet sich jäh. Er weilt eben noch in einem prunkvollen Landhause bei Neuyork — da verstrickt sich die Situation: Plötzlich sind jene Menschen, die ihn eben noch gastlich bewirteten, seine Feinde, die Villa wird zum Labyrinth, die so sanft scheinende Tochter des Hauses zum Ungeheuer, mit dem er sich buchstäblich zu prügeln hat, und zu allem Überfluß wird ihm mitten in seiner Verwirrung ein Brief des Onkels übergeben, nach welchem er verstoßen ist und nie mehr in das Haus des Onkels zurückkehren darf. Karl sitzt auf der Straße. In einer Herberge lernt er zwei Strolche kennen, Delamarche und Robinson, — sie erinnern in allem an die beiden Gehilfen im „Schloß" — die ihn unter dem Vorwand, für ihn Arbeit zu suchen, mitschleppen und ihn doch nur ausnutzen, bis es zum offenen Streit kommt. Karl verläßt die Weggenossen und findet im Hotel Oeeidental ein Unterkommen als Liftjunge. Sein Dienst ist maßlos schwer. Mit äußerster Anspannung nur kann er auf seinem Posten ausharren. Er beißt die Zähne zusammen, er muß sich durchkämpfen um langsam aus der kleinen Anstellung aufzusteigen. Er gewöhnt sich recht und schlecht an die neue Umgebung und an das Zusammenleben mit den anderen Liftjungen des Hotels. Schon hat er von seinen Trinkgeldern ein hübsches Sümmchen erspart, in der einflußreichen Oberköchin eine Gönnerin und in der kleinen Sekretärin Therese eine reizende Freundin gefunden. Wieder hat es den Anschein, als stünden seine Sterne gut. Da aber taucht plötzlich Robinson auf, er ist hoffnungslos betrunken. Karls Situation ist unerträglich. Er bringt es nicht fertig, den Burschen hinauszuwerfen und läßt sich von seiner Gutherzigkeit verleiten, seinen Posten ohne Erlaubnis, für ein paar Minuten nur, zu verlassen, um den betrunkenen Robinson im Schlafsaal der Liftjungen in Sicherheit zu bringen. Das Versäumnis wird von seinem Vorgesetzten entdeckt, eine grundlose Diebftahlsverdächtigung kommt hinzu — Karl ist fristlos entlassen. Wieder hat er nur Feinde um sich. Sein einziger Wunsch in seiner namenlosen Enttäuschung ist, fortzukommen, er flieht, ohne die der Oberköchin zur Aufbewahrung anvertrauten Ersparnisse an sich zu nehmen. Karl ist wieder frei, aber ärmer und verlassener als ein Hund. Es bleibt nichts anderes übrig: er schließt sich Robinson wieder an, der ihm Hilfe verspricht, aber Karl fällt dem zu einem gewissen Wohlstand gelangten Delamarche in die Hände, und die alte Feindschaft lodert wieder auf. Karls Lage ist unbeschreiblich: Es gibt blutige Schlägereien, er wird zum Knecht, zum Küchenjungen degradiert. Hier bricht der fragmentarische Roman ab. Wir erfahren nichts mehr von den Leiden des mutigen Jungen. Dann aber, im letzten Kapitel, das Kafka „Das Naturtheater von Oklahoma" überschreibt, stoßen wir wieder auf Karls Fährte. Wir erfahren, daß er in diesem phantastischen Riesentheater eine Anstellung erhält. Das Schlußkapitel ist irgendwie heiterer gehalten. Wir glauben annehmen zu dürfen, daß Karls Weg endlich aufwärts führt und wirklich, Max Brod deutet in seinem Nachwort darauf hin, daß es Kafkas Plan gewesen wäre, dieses Buch mit einer Verklärung abzuschließen: Karl Roßmann sollte sein Ziel erreichen, auf beiden Füßen stehen bleiben und hier, in diesem, ihn anfangs so feindlich anmutenden Lande endlich geruhigte Aufnahme und Einordnung finden. „Amerika" übertrifft die früheren Werke Kafkas durch seine gesteigerte Bewegtheit. Es ist der Optimismus der Jugend, der hier hellere Farben spendet. Weil Karl Roßmann noch unbewußt vorwärts dringt und jener Hoffnungslosigkeit fern ist, in der sonst die Spannkraft des Kafkaschen Helden erlischt. „Amerika" ist wohl auch das phantasiereichste Buch des Dichters. Zuweilen gibt die Strenge nach unter der Glut des inneren Gesichtes: Kafka ist kaum über die Grenzen Böhmens hinausgekommen und vermag doch eine Vision Amerikas feftzuhalten, als wäre er lange drüben gewesen. Seine Bilder wachsen ins Gigantische: Riesenhotel und Chaos der Straße, Neuyorker Proletarierelend — und dann wieder die gewaltige Schilderung des Naturtheaters.