Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 5 (15.3.1928)
- Article
- Inhalt
- Date
- 1928-03-15
- Page
- Seite 65 (sequence 1)
- Language
- German
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Vagerische Rachcichtenblatt öer Israelitischen Kultusgemeinöe in München unö ües Verbanöes Hagerischer Israelitischer Gemeinöen Israelitische Gememüezeitung Erscheint am 1. unö 15. jeöen Monats. — Verlag: V. Heller, München, Lezugspreis für nicht eingewiesene Bezieher: Mark 4 — für öas Herzog Marstraße4/Fernsprecher Postscheckkonto Nr.z-S7 München. Jahr. Anzeigenpreis: Sie 4 gespaltene Millimeter-Zeile 40 Pfennige. Schristleitung: Sr. Lugen vchmiöt, Rechtsanwalt in München, Karlstraße 6. Zamilienanzeigen, Stellengesuche unö ähnliche Angebote 15 Pfennige. München, 15. Marz Kr. 5 Inhalt: Die Sendung Franz Kafkas —> Die Juden in Bayern — meinde — Bücherschau — Vereine — Amtlicher Anzeiger: Bekannt- Vom Kern der Religion — Jakob Herz — Reichsverband der deutmachung der Israelitischen Kultusgemeinde München über Mazzothschen Juden — Die Schändung des Israelitischen Friedhofes in Versorgung — Personal!«. Essingen — Lehrerzeitung — Aus dem Verbände — Aus der Gevie Sendung §ranz Kafkas von Manfred I. Es erübrigt sich heute, fast vier Jahre nach dem Tode Franz Kafkas, mit dem Nachdruck auf feine Bedeutung hinzuweisen, die 1924 noch notwendig war, um sich Gehör zu verschaffen. Allmählich ist die Gemeinde des Dichters gewachsen, die Kühlsten und Fernstehendsten haben bei den gewaltigen Gaben seines Nachlasses aufmerken müssen, und jene Wenigen, die noch zu seinen Lebzeiten und unmittelbar nach dem Tode des Unvergeßlichen immer wieder feine Größe klarzuftellen und feine zukünftige Wirkungskraft zu prophezeien sich bemühten, jene Wenigen haben eine beglückende Bestätigung erfahren dürfen und nicht zuletzt die Gewißheit, daß Franz Kafka die Anerkennung und darüber hinaus den Ruhm finden wird, der ihm gebührt. Noch ist es nicht so weit. Wohl ist der Name Kafka im Kreise der literarisch Interessierten längst kein unbekannter mehr, wohl wachsen von Tag zu Tag die Stimmen, die den Vorstoß durch die Indifferenz weiterer Kreise intensivieren helfen - noch aber hat leider dieser Vorstoß nicht jene Kraft erreicht, die allein letzte Verbreitung und damit die Unvergänglichkeit des Werkes gewährleistet. Franz Kafka ist ein jüdischer Dichter, nicht nur seiner Abstammung nach, sondern vor allem gemäß seiner geistigen Struktur und nach jener tragischen Besessenheit, mit welcher er versucht, sich dem Gefüge der Welt einzuordnen. Franz Kafka ist der Jude schlechthin. Es ist vielleicht gut zu sagen: Der Ewige Jude. Kafka, der daö Maß beherrscht, wie kein zweiter Dichter dieses Jahrhunderts, steht selber ungemeffen der Ordnung, dem Kosmos gegenüber. Nirgends gibt es einen verborgenen Winkel, in den er sich betten darf; was bei jedem Kuli eine Selbstverständlichkeit ist, wird bei ihm zur Utopie. Er müht sich, erniedrigt sich, zwingt sich mit heroischer Geduld zu immer erneutem Versuch. Aber es liegt doch gleichzeitig eine Hoffnungslosigkeit, eine Verzweiflung in dieser Bemühung, und indessen entblättert sich das Leben wie ein herbstlicher Baum. Das ist Kaf- Sturmann kas Melodie, die seiner selbst und die seiner Dichtung; denn nirgends anders finden wir eine solche Einheit von Leben und Werk wie bei ihm. Diese Melodie klingt aus der noch zu Lebzeiten erschienenen Novelle „Die Verwandlung", aus den Romanen „Der Prozeß" und „Das Schloß" und schließlich aus dem dritten Nachlaßband, der im folgenden noch näher betrachtet werden wird? Bedarf es noch eines Beweises, daß diese seine Melodie eine jüdische ist? Ist Kafkas Thema nicht das jüdische Schicksal in letzter Prägnanz? Jenes der Ordnung Gegenüberftehen, jene Sehnsucht, seine Art zur Norm zu machen, jene Bemühung, in die Reihe zu treten, nur um aufzuhören, ein Sondersall zu sein? Wenn Joseph K. im „Prozeß" sein Leben hingibt im Kampf mit einer geheimnisvollen Gerichtsbehörde, nur um den Grund zu erforschen, weshalb er verfolgt und verurteilt ist; wenn K. im „Schloß" feine letzten Energien verschwendet, nur um in einer fremdartigen Umgebung Durchschnittsmensch zu werden; wenn schließlich der sechzehnjährige Karl Roßmann im dritten Nachlaßband „Amerika" trotz allem Fleiße und aller Entbehrung in seinem Bestreben, sich der Ordnung des fremden Kontinents einzureihen, immer wieder versagt — wer spürte nicht über den Leiden dieser Einsamen den Schlagschatten des jüdischen Geschicks? Überall in Kafkas Werk stehen die Menschen gleich Zuschauern um den Einzelfall, staunend zuweilen, doch oft auch mit Gelächter. „Es ist doch so einfach, dazusein!" denken sie. Kann die Parallele noch deutlicher sein: Wie der Held in Kafkas Werk den Zuschauern, so steht der Jude seiner Umgebung gegenüber, als Einzelfall, als betrachtens- und vielleicht bemitleidenswerte Extravaganz. Im „Prozeß" erzählt Kafka eine Legende, in der ein Mensch zum Türhüter des Gesetzes wandert und Einlaß be- 1 Der Novellenband „Der Hungerkünstler" und der Roman „Der Prozeß" erschienen im Verlag Die Schmiede, Berlin; alle übrigen Werke bei Kurt Wolfs in München.