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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-03-01 · 4 (1.3.1928) · p. Seite 56

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
4 (1.3.1928)
Article
Sitzung von Vorstand und Gemeindevertretung am 16. Februar 1928
Date
1928-03-01
Page
Seite 56 (sequence 2)
Language
German
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56 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 4 ist durch den neuen Vertrc^ bereits getan. Der Vertrag wurde von der Gemeindevertretung einstimmig angenommen. J.-R. Dr. Elias Straus sprach sodann zur Jahresrechnung 1927. Die Jahresrechnung 1927 ergab eine beträchtlich höhere Steuereinnahme, als bei Ausstellung des Etats erwartet wurde. Es war daher möglich eine Reihe von Tilgungen zu machen, so die gesamten Ausgaben der Gemeinde für das Lessinghaus. Ferner wurden größere Beträge für Refundierung des Stiftungsvermögens aufgewendet, insgesamt 103 000 RM. Wesentlich erhöhte Ausgaben wurden für Bauten gemacht, jedoch treffen diese Ausgaben, soweit sie erhöht sind, auf den Posten Refundierung des Stiftungsvermögens. Daran anschließend stellte der Vorsitzende fest, daß der Revisions- Ausschuß seine Tätigkeit noch nicht abgeschlossen hat und erst in der nächsten Sitzung Bericht erstatten kann. Dr. Elias Straus referierte dann über den Haushaltsplan 1928. An den Einnahmen und Ausgaben der Gemeinde hat sich nichts wesentliches geändert. Für die Neuanschaffung einer Orgel sind 10 000 RM. in Ansatz gebracht, die noch vom Vorjahr her bewilligt sind. Die gemeindlichen Anstalten und Einrichtungen ergeben im wesentlichen die Ausgaben des Vorjahres. Für die Gemeindezeitung wurden 4000 gegen 6000 RM. im Vorjahr vorgesehen. Für Veamtengehälter und Ausgleichsentschädigung ist nur eine zehnprozentige Erhöhung der Ausgaben eingetreten, obwohl die neue Besoldungsregelung eine Erhöhung von 20 Prozent erforderlich machen würde. Der Grund hierfür ist darin zu erblicken, daß begründete Aussicht besteht, daß die Gehälter der Rabbiner auch der großen Gemeinden, zur Hälfte von dem Verband getragen werden, da der Landesverband durch die großen Gemeinden die meisten Erträgnisse hat und somit ein Ausgleich am Platze erscheint. Genehmigt wurde die Anstellung einer zweiten orthodoxen Lehrkraft. Für Bauauslagen find 46 000 RM. vorgesehen insbesondere sind 30 000 RM. für Reparaturen an der Synagoge eingesetzt, da die Sandsteinfassade dringend einer Erneuerung bedarf. Ohel Jakob erhielt für bauliche Reparaturen 1500 RM. zugebilligt. Für die Position „Förderung allgemein-religiöser und jüdisch-sozialer Angelegenheiten" werden ungefähr die gleichen Summen in Ansatz gebracht, wie im Vorjahre. Nur für die Lipschütz'sche Versorgungsanstalt wird ein geringerer Posten eingesetzt. Die Gesamtsumme für die geschlossene Fürsorge beträgt 58 700, sür die offene Fürsorge 86 000 RM. Für den Betsaalverband wurden 6000 RM., für die Talmud-Thora-Schule.4800 RM. bewilligt. Auf Grund seiner Aufftellungen stellte der Referent dann fest, daß ein Betrag von 483 957 RM. durch Umlagen zu decken sei. Daraufhin wurde ein Gemeindeumlagensatz von 8 Prozent festgesetzt, wovon 3 Prozent auf Bauumlagen enffallen. Hierzu kommen, wie in früheren Jahren, 3 Prozent Landesverbandsumlagen. Die Umlagen sind also in diesem Jahre um eineinhalb Prozent niedriger als im Vorjahre. Zum Schluß der Sitzung dankte der Vorsitzende dem Finanzreferenten Dr. Straus für die geleistete Arbeit und betätigte Umsicht. Wir verweisen auf die amtliche Bekanntmachung über die Jahreshaushaltrechnung 1927 und den Etat 1928 im Amtlichen Teil. Iakob Hirfchinger zu seinem 70. Geburtstag Am 22. Februar 1858 erblickte Hirschinger in Augsburg das Licht der Welt. Seine Kindheit und erste Jugendzeit verbrachte er in Hürben-Krumbach im Hause seines Großvaters, des letzten Rabbiners von Hürben, Dr. Schwarz. In den siebziger Jahren ist dann die Familie Hirschinger nach München verzogen. Hier besuchte Hirschinger das Gymnasium, diente dann im Jnfanterie-Leibregiment und wurde Reserveoffizier. Nach Beendigung seiner Dienstzeit war Hirschinger als Kaufmann tätig. In seiner freien Zeit arbeitete er rastlos an seiner Vervollkommnung, lebte seinen wissenschaftlichen Studien. Nachhaltigen Einfluß dürfte wohl der russische Gelehrte Rabbinowitsch auf ihn gehabt haben, dessen Adlatus er längere Zeit war. Vor nahezu 25 Jahren wurde Hirfchinger vom Verbände israelitischer Wohlsahrtsvereine in München als Armenpfleger angestellt. Damit begann seine für die Gemeinde so überaus wertvolle aufopfernde Tätigkeit im Dienste der Nächstenliebe, sein eigentliches Lebenswerk. Unermüdlich stellte Hirschinger sein tiefgründiges Wissen,- seine große Arbeiffamkeit, seine Nächstenliebe in den Dienst der Armen und ist bis heute in seinem hohen Alter nicht erlahmt. Wir wollen nur einige Tätigkeitsgebiete von Hirschinger nennen, aus deren bloßer Aufzählung man ermessen kann, was Hirschinger für die Allgemeinheit bedeutet. Hirschinger arbeitete für den israelittschen Frauenverein, den Verein für Wanderarmenfürsorge, für verschiedene Zweige der chewra kadischa, für den Verein zur Versorgung mit Brennmaterialien und für den Speiseverein (chewra mesonos). Seit der neuen Gemeindeverfassung ist Hirschinger Gemeindebeamter geworden. Damit hat sich seine Tätigkeit nicht geändert. Was er früher für die Vereine leistete, leistet er seither in unserem Wohlfahrtsamt, diskret und allen Schwierigkeiten gewachsen. Wir wünschen dem Jubilar noch viele Jahre an Gesundheit und Rüstigkeit. Möge er uns, seinen Mitarbeitern und seinen Schützlingen noch lange erhalten bleiben. Vorträge Werden und Wesen der jüdischen Mystik Am 6. und 6. Februar 1928 sprach Rabbiner Dr. Leo B a e ck (Berlin) im Rahmen der Lehrkurse der Israelitischen Kultusgemeinde München im Herkulessaal der Residenz über „Werden und Wesen der jüdischen Mystik". Das interessante Thema, von Baeck in gewohnt meisterhafter Weise vorgetragen, gab Anlaß zu einem zahlreichen Besuch: Unsere Zeit hat starkes Verständnis für Mystik, sie ist fähiger und reifer geworden sür Mystik, nach zwei Jahrhunderten des Realismus, nach Jahrzehnten des Naturalismus. Unsere Zeit hat den Sinn für das Geheimnis reif werden lassen, so wie dieser Sinn für das Geheimnis immer lebendig geworden ist, wenn eine neue Zeit begann, wie beim Übergang von der Antike zum Mittelalter und von diesem zur Neuzeit. Unsere Zeit ist zukunftsschwanger! Immer wenn die Geschichte in ihrer tiefsten Bedeutung erfaßt werden sollte, kam man zur Mystik und zur Poesie als dem Ausdruck des Tiefsten. „Die Poesie ist philosophischer und tiefer als die Geschichte" (Aristoteles). Die Poesie ist Ausdruck des Letzten der Geschichte. Alle großen Staatsmänner waren Menschen, zu denen das Geheimnis gesprochen hat, die Poesie, während zu dem Politiker nur die Prosa spricht. Immer, wenn zu Menschen das Leben sprach, da trat zu ihnen dieses unergründliche Verborgene hin: die Poesie, das Geheimnis. Genau ebenso wenn die Wissenschaft zu den tiefsten Gründen hingelangen wollte. Die wahre Wirklichkeit ist tief unter dem, was wirklich ist. Die Mystik beginnt mit dieser Erkennntis. Mystische Philosophie ist Wissenschaft des Zu schließe ns: Wer erkennen will, soll zuschließen Augen und Ohren und alle Sinne und verhindern, daß die Welt in ihn eindringt. Nur wer sich zuschließt, kann von der Außenwelt zur Innenwelt hinkommen, zur wahrhaften Welt, die nicht um uns ist, sondern in uns. Ob wir ausgehen von der Mathematik, von der Naturwissenschaft, vom Menschen, alles führt zum Geheimnis. Sich zuwenden zu dem einen, in dem alles eins wird, ist das Wort in der Mystik. Wenn der Mensch sich abschließt, wenn er so in sich hinein gelangen kann, so ist das der Weg zu dem einen Geheimnis — zu Gott. In sich den Weg zu Gott finden, das ist das zweite in der Mystik. Der Anfang des Weges ist das Abschließen. Der Mensch muß sich aber auch lösen von sich selber, denn er selbst ist ja diese scheinbare Wirklichkeit, selbst ein Stück Welt: Ekstase heißt aus sich heraustreten, sich versenken, um los zu kommen von dem Stück Welt, das man selber ist. Die Mystik kennt ein mystisches Organ, le centre, den Mittelpunkt des Seelischen. Alles Geniale kommt aus der Sphäre, die ein Offenbarungszentrum ist. Große geniale Leistungen sind nicht gedacht, nicht empfunden, nicht gewollt, sie kommen aus diesem Zentrum, aus diesem mystischen Organ. Dem Menschen, der kein Genie ist, ist es nicht erschließbar. In jedem Menschen ist aber ein Funken des Genialen.

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