Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 4 (1.3.1928)
- Article
- Inhalt
- Date
- 1928-03-01
- Page
- Seite 49 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2727810-2727850-2727854--02935-2732847- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Hagerische Kachrichtenblatt öec Israelitischen Kultusgemeinöe in München unö öes Verbanöes Dagerischer Israelitischer Gemeinüen IsraelMsche GemeLnöezeitung erscheint am 1. unö tf. jeden Monats. — Verlag: S. Heller, München, Bezugspreis für nicht eingewlesene Bezietjer: Mark 4.— für öas Herzog Marstraße4/Kernsprecher Postscheckkonto Nr.Z-S7 München. Aahr. Anzeigenpreis: Sie 4 gespaltene Millimeter-Zeile 40 Pfennige. Ächristleitung: Sr. Lugen Ächmiöt, Rechtsanwalt in München, Karlstraße 6. Kamilienanzeigen, Stellengesuche unö ähnliche Angebote 15 Pfennige. München, 1. März Kr. 4 Inhalt: Verdienst und Lohn — Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden — Justizrat Dr. Bernhard Breslauer gestorben — Aus dem Verbände — Aus der Gemeinde — Vorträge — Bücherschau — Vereine — Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachung der Israelitischen Kultusgemeinde München über die Jahresrechnung für das Geschäftsjahr 1927 —• Bekanntmachung über den Haushaltplan und die Höhe des Umlagensatzes für das Geschäftsjahr 1928 —' Bekanntmachung über Mazzochversorgung — Bekanntmachung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden über die Unterbringung von Kurbedürftigen des Mittelstandes im Israelitischen Kurhospiz Bad Kissingen — Bekanntmachung über die Unterbringung von Kindern in der Israelitischen Kinderheilstätte Bad Kissingen und dem Jüdischen Landheim Wolfratshausen — Personalia. Verdienst und Lohn von R. Travers Herford Wir entnehmen folgenden Aufsatz mit Genehmigung des Verlags dem jüngst erschienenen Buche „Die Pharisäer"^ von Travers Herford, das eine der bedeutsamsten Erscheinungen der jüdisch-wissenschaftlichen Literatur der letzten Jahre darstellt. „Schriftgelehrte und Pharisäer — Heuchler." Dies ist die oberflächliche Formel, mit der man den Pharisäismus „erledigt" hat. Das Werk Herfords ist der erste Beitrag eines christlichen Gelehrten zu der „menschheitsgeschichtlich bedeutsamen Berichtigung" Martin Buberj eines zweitausendjährigen Irrtums. Es ist außer jeder Frage, daß sich ein großer Teil der ethischen Lehren der Pharisäer um die Gedanken von „Verdienst" und „Lohn" dreht, und diese Tatsache liefert die Basis für den so oft gegen sie erhobenen Vorwurf der Selbftgerechtigkeit. Und obwohl die meisten der hierzu anzuführenden Stellen Äußerungen einzelner Lehrer sind, die damit nur ihre eigene Meinung ausdrücken, so stimmen sie doch mit der allgemeinen pharisäischen Ansicht überein, denn sonst wären sie nicht in den Talmud und Midrasch ausgenommen worden. Es war gewiß nicht so, daß jeder Pharisäer glaubte oder gar gezwungen war zu glauben, daß Gott ein Hauptbuch führe für Verdienste und Sünden jedes einzelnen Juden und dementsprechend Lohn und Strafe verteile. Rabbi Akiba benutzte zwar bei Gelegenheit eine sehr ähnliche Redewendung, und sie wurde als eine treffende Äußerung in die als Pirke Aboth bekannte ethische Anthologie ausgenommen. Die Redewendung stammte ganz von ihm, aber seinen Sinn, für den wohl ein besseres Bild hätte gefunden werden können, konnte jeder Pharisäer unterschreiben. Alle Äußerungen einzelner Lehrer über Verdienst und Lohn sind nur der vielfältige Ausdruck einiger Grundprinzipien, einiger grundlegender Vorstellungen, die dem Pharisäismus selbst eigen sind. Ich will zu zeigen versuchen, welche diese Grundprinzipien waren und wie 1 R. Travers Herford V. A., Die Pharisäer. Autorisierte Übersetzung aus dem englischen von Dr. Walter Fischel. Leipzig 1928, Gustav Engel. das pharisäische System oder genauer die Halacha notwendigerweise eine Theorie von Verdienst und Lohn hervorbringen mußte. Jene Ausdrücke haben freilich einen unangenehmen Klang, wenn sie im Zusammenhänge mit Handlungen, die im Dienste Gottes erfolgen, gebraucht werden. „Dient Hiob Gott für nichts?" war die Frage des Satans in der Dichtung. Und es mag wohl fein, daß dieselbe Frage in bezug auf die Pharisäer gestellt wird, die sicher glaubten, daß man für den Dienst Gottes Lohn erwirbt, und die auch gewiß auf Lohn für ihr Handeln hofften. Aber wie immer es mit Hiob sein mag, der Fall mit den Pharisäern ist nicht erledigt, solange nicht gezeigt wird, warum sie dazu kamen, diese Worte in Verbindung mit dem Dienst Gottes zu benutzen, und was sie darunter verstanden. Die pharisäische Doktrin von „Verdienst" und „Lohn" ist, wie nahezu alles andere in ihrem System, eine Entwicklung aus dem, was sich im Alten Testament bereits vorfindet. Die Idee des Lohnes findet sich im Dekalog in Anknüpfung an das vierte Gebot. Das Deuteronomium ist voll davon und drückt dies in den oft wiederholten Sätzen: „daß es dir gut ergehe", „damit deine Tage sich verlängern" u. ä. aus. Die Absicht war offenbar, den Gehorsam für irgendeinen Befehl durch das Versprechen eines wesentlichen Segens zu veranlassen, kurz „Lohn" im einfachen Sinne des Wortes. Das Alte Testament zögerte auch gar nicht, den Lohn m Ausdrücken materieller Wohlfahrt zu beschreiben oder Tugend mit Glück, Sünde mit Unglück zu verbinden. Das wesentliche sittliche Problem, das sich im Alten Testament findet, ist jenes, daß diese Theorie mitunter, wie im Falle Hiob oder dem „Knecht Gottes", versagt. Die Vorstellung vom Verdienst ist im Alten Testament weit weniger vorherrschend, als die des Lohnes, wenn sie sich überhaupt dort findet. Das Wort „Sechuth" ms*, das in der rabbinischen Literatur dauernd gebraucht wird, kommt im Alten Testament nicht vor, und wenn sich auch das Verbum, von dem