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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-02-01 · 2 (1.2.1928) · p. Seite 23

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
2 (1.2.1928)
Article
Lehrkurse der israelitischen Kultusgemeinde München
Date
1928-02-01
Page
Seite 23 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 2 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung!3 Lehrkurse der Israelitischen Kultusgemeinde München Auf vielfachen Wunsch wurde die im November begonnene philosophische Arbeitsgemeinschaft unter Leitung von Herrn Dr. Willy Meyer im Frühjahr 1928 fortgesetzt. Am 18. Januar fand bereits der dritte Abend statt, an dem Herr Dr. Meyer in seiner außerordentlich klaren und eindringlichen Weise über die Philosophie des Aristoteles sprach und schließlich ihre Bedeutung im Judentum zeigte. Ganz besonders aufschlußreich war die klare Gegenüberstellung -jüdischer Ideen gegenüber der aristotelischen Philosophie. Am 1., 15. und 29. Februar werden die weiteren drei Abende stattsinden, an denen die griechisch-römischen Philosophenschulen, Philon aus Alexandraia und Plotin zur Behandlung kommen. Dem Vortrag schließt sich jeweils eine Aussprache und ausgewählte Lektüre der betreffenden Philosophen an. Am Sonntag, dem 22. Januar, schloß Herr Dr. Raphael Leoi mit einem dritten Abend seine Vortragsreihe über Jesaia ab. Nachdem der Vortragende am ersten Abend die politisch-kulturelle Situation zur Zeit Jesaias plastisch schilderte, am zweiten Abend auf das Wesen der Prophetie einging, zeigte er am letzten Abend in vielen Beispielen die meisterhafte Behandlung des oratorischen und poetischen Kunstspieles des „Königs aller Propheten" und legte schließlich die jesaianische Auffassung vom Sinne des Lebens und von der Zukunft der Weltgeschichte dar, eine Auffassung, die zu den wertvollsten Teilen unserer Religiongehört. Herr Rabbiner Dr. Leo Baeck hat sich in freundlicher Weise bereit erklärt, am 5. und 6. Februar zwei Vortragsabende der jüdischen Mystik, ihrem Werden und Wesen, zu widmen. Wir dürfen hoffen, daß Dr. Leo Baeck, der hier bereits auf eine starke Gemeinde zählen kann, an diesen Abenden die Ergebnisse seiner besonderen Studien darbieten wird. Um an dem achtzigsten Jubiläumsjahr eines so bedeutenden Künstlers wie Max Liebermann, ,den wir mit Stolz den unsrigen nennen dürfen, nicht vorüberzugehen, bieten die Lehrkurse am 11. und 12. März zwei Vorträge, die der Kunsthistoriker Universitätsprofessor Dr. Max Eisler, Wien, übernommen hat. Herr Professor Eisler wird an Hand von Lichtbildern zunächst eine Anleitung zum Betrachten von Kunstwerken mit Heranziehung von Werken jüdischen Inhalts oder jüdischer Herkunft darbieten und dann auf das Leben und Wirken des deutschen Meisters Liebermann eingehen. Vorträge Die Wellreligionen und das Judentum Dem Vortrag von Dr. E. Simon (Frankfurt a. M.), des bekannten Schriftstellers und Redakteurs des „Jüdischen Wochenblattes", sah man mit Spannung entgegen. Dr. Simon verstand es, durch seine geistvollen und klaren Ausführungen wie durch Wärme und Lebendigkeit seines Vortrages die zahlreich erschienenen Zuhörer bis zur letzten Minute zu fesseln. Dr. Simon sprach am ersten Abend seines Vortragszyklus über „Hellenismus, Christentum und Judentum", also nicht wie ursprünglich angekündigt, lediglich über „Hellenismus und Judentum". Griechentum und Judentum sind nicht zusammengestoßen. Zusammengestoßen sind Judentum und Hellenismus. Trotzdem ist es aus systematischen Gründen notwendig, auf das Griechentum zurückzugehen. Der Gott Homers ist der Gott, der in Tugenden und Fehlern über das normale Maß hinausragt, aber kein Idealbild. Der Unterschied zwischen Menschen und Göttern ist gleichsam quantitativ. Zwischen Menschen und Göttern gibt es Zwischenstufen. Halbgötter, Dämonen und andere. Die Frage nach der Enfftehung der Welt ist innerhalb des griechischen Götterglaubens nicht verbindlich geregelt. Man könnte sagendes gibt im Griechentum eine List der Idee, verkörpert in dem griechischen Orakel, für das eine gewisse Doppeldeutigkeit wesentlich ist. Charakteristisch für diese Stellung der List in der Ideologie des Griechentums ist Odysseus. Man steht hier einer Anschauung gegenüber, bei der der Erfolg über die Mittel entscheidet. Schwächliche Menschen hält der spartanische Grieche nicht für lebenswert, daher das Institut der Kindsaussetzung. Dieser.Feststellung, daß kein ethischer Lebensmaßstab vorliegt, steht, das möchte man zunächst einwenden, die griechische Tragödie entgegen. Aber in der griechischen Tragödie ist kein subjektives Verschulden die Voraussetzung des Unterganges. Es genügt das objektive Verschulden. Man denke etwa an Ödipus. — Die Tragödie hat ein formales Rechtsbewußtsein. Ihr Gegenstück ist die Logik der ' Sophistik. Niemand von den Sophisten vertritt eine Sache, sie vertreten die Kunst des Denkens, keine Idee, sie wollen lediglich Lehrer der formalen Logik sein. Hier tritt Sokrates im Gegensatz zu der Lehre der Sophistik, die er mit ihren Waffen bekämpft. Die Plastik ist der eigentliche tieffte Geltungsausdruck des Griechentums geworden, offenbar weil er diejenige Möglichkeit ist, in der der Mensch am tiefsten der eigenen Schöpfung dienen kann und am weitesten entfernt ist von der Taffache, daß er selbst Schöpfung, Geschöpf ist. Keine andere Nachschaffung hat diese Körperlichkeit, diese Freiheit in Licht und Raum. Im Pygmalion kommt das Griechentum an feine tragische Grenze. Hier erkennt der Mensch, daß seinem Werk der Odem, das Leben fehlt, er versucht ihm das zu geben, und an diesem Versuch scheitert er. Der ideale griechische Menschentypus ist der Jüngling. Cr ist der Typus, in dem alle Körperkraft entfaltet ist. Die Tragik Sokrates beruht vielleicht in dem Umstand, daß er ein Greis war. Im Judentum ist die Frage der Weltentstehung durch Gott von allem Anfang an festgelegt. Daraus erklären sich letztlich alle Abweichungen. Im Judentum ist der Begriff des Lebens ein geistiger und daher der Begriff des Alters rezipiert. Dem Judentum kommt es nicht darauf an, daß das Alter nicht den Begriff der biologischen Vollkommenheit erfüllt, ihm ist wertvoller, daß es Weisheit gewonnen hat. Das Judentum weiß, daß wir niemals sterben werden. Dies ist wohl der tiefste Grund, daß wir keine Plastik und keine Drama haben. Was für die Griechen die Plastik ist, ist für uns die Halachah, das Wort, das unkörperlichste Darstellungsmittel. Auch das Drama kommt dem Götzentrieb des Menschen entgegen. Denn auch das Drama gibt ganze, beinahe kreatürliche Geschöpfe. Wie bereits bemerkt, findet die effte historische Begegnung nicht zwischen Judentum und Christentum, sondern zwischen Judentum und Hellenismus statt. Der Hellenismus unterscheidet sich vom Griechentum zunächst dadurch, daß er den Begriff des „Barbaren" überwunden hat. Der Grund ist, daß Alexander der Große selbst ein Halbbarbar war und den alten Feind, das Perserreich niederwarf. Im Hellenismus kommt der Individualismus zur Geltung. Typisch hierfür ist das Aufkomm*y.er\fcb'M VelN; i‘,K5nV- --Tonnen nuc bei T>°mmeniVBftfen ssuntfdetfcaug

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