Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 2 (1.2.1928)
- Article
- Zedokoh-Geist und Wohlfahrtspflege
- Date
- 1928-02-01
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
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18 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 2 sich um so weniger zu ändern, als ja die Wohlfahrtspflege gewiß nicht nur von Liebe und Mitleid mit den armen Hilfsbedürftigen getragen sein darf, sondern auch von Einsicht. Liebe allein wäre blind, Einsicht allein wäre kalt. Die beiden Gaben — des Geistes und des Gemütes —, die der göttliche Schöpfer uns Menschen verliehen, haben wir im Verkehr mit unseren Nebenmenschen vereint zu gebrauchen. Schon die Bibel weift auf das eine wie auf das andere mit gleichem Nachdruck hin. Die Tugenden der Liebe und Barmherzigkeit werden uns an unzähligen Stellen ans Herz gelegt. Von dem monumentalen Satz angefangen, der lapidaren Forderung -pBD -jy-6 nunxi „liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" (III. Mos. 19/8) zieht sich das Gebot der Nächstenliebe durch die ganze Bibel, und nur eine Formulierung sei noch hervorgehoben: „Brich dem Hungrigen Dein Brot, Arme führe in Dein HauS, den Nackten bekleide und entziehe Dich nicht Deinem Fleisch." (Ies. 58/7.) Aber die gleiche Bibel ist es, die auch das Wort geprägt hat: „Heil dem, der sich mit Verstand des Armen annimmt" (Psalm 41/2), und so kann man die soziale Wohlfahrtspflege in der Bibel schon stark ausgebildet finden, kann deutlich die soziale Einsicht als Motiv der Gesetzgebung neben dem Motiv der Menschenliebe konstatieren. — Die Behandlung des Armen, des Sklaven, des Schuldners, das Brach- und Iobeljahr und die anderen Agrarvorschriften — an all das braucht ja nur kurz erinnert zu werden, um das Gesagte zu erhärten. Talmudische Weisheit, die ja nichts anderes ist, nichts anderes sein will als Ausdeutung des Bibelwortes, hat alle diese Einrichtungen ausgebaut. In dem hochentwickelten Gemeindeleben der talmudischen Zeit gab es ja auch schon Institutionen, die in den jüdischen Gemeinden dann nie mehr zu existieren aufgehört, die auch in den schlimmsten Zeiten der mittelalterlichen Verfolgungen ihre segensreiche Wirksamkeit nicht eingestellt haben, fromme Vereine für Leichenbestattung, Krankenpflege, Volksspeisung, Armenversorgung, Bekleidung, Brautausstattungen, Auslösung von Gefangenen usw. Im Tempel zu Jerusalem gab es eine Kammer der Verschwiegenen, in der die Frommen ihre Gaben im Verborgenen niederlegten und aus der verschämte Arme ihre Gaben im Verborgenen empfingen. Solche Kammern gab es in jeder Gemeinde, genau wie eine Herberge und eine Wochenkaffe und Armenschüffel. Es war genau feftgelegt, wer an der Armenschüffel teilnehmen durfte, wer die öffentliche Unterstützung in Anspruch nehmen sollte. Das ist damals schon systematisch feftgelegt worden, allein immer wieder wurde unterstrichen, wie sehr der einzelne sich des Armen und Hilfsbedürftigen anzunehmen habe. Solche Einrichtungen also gab es schon lange vor der Zerstörung des zweiten Tempels; und dieser Altar, auf dem das Feuer der Bruderliebe brannte, ist in der Glut, die auch den zweiten Tempel in Schutt und Asche legte, nicht zugrunde gegangen. Nein, im Gegenteil, von seinem heiligen Feuer ist weiterhin Segen getragen worden durch alle Lande, und durch den Übergang auf die christlichen Urgemeinden ist der Geist dieser Wohlfahrtspflege zu einer der Grundlagen unserer Gesittung geworden. Wenn eine solche planmäßige Wohlfahrtspflege schon in Zeiten bestanden hat, die über den Verdacht erhaben sind, als hätten sie eine zu weitgehende Mechanisierung getrieben, als hätte die Organisation die persönliche Hingabe vernichtet, so mag uns das ein Fingerzeig sein für die Erkenntnis, daß auch wir sehr wohl den alten Geist sozialer Ethik aufrecht erhalten können bei einer neuen Technik unserer Wohlfahrtspflege. Gewiß, die private Wohlfahrtspflege ist immer mehr von der öffentlichen, von der sozialen abgelöst worden; Wohltätigkeit ist vielfach ein Bestandteil des öffentlichen Lebens geworden. Und wie unser Leben überhaupt immer verwickelter, immer komplizierter geworden ist, so ist auch das Wohltun nicht mehr die einfache, unproblematische Angelegenheit von früher. Um richtig wohltun zu können, um der Not in rechter Weise zu steuern, dazu bedarf es zweifellos eines nicht unbeträchtlichen Maßes von Wiffen von der Technik des Helfens. Heute ist die planmäßige Hilfe fast zu einer Wissenschaft geworden, die reiche Kenntniffe nicht nur gesetzlicher Bestimmungen, sondern auch von Menschen, Institutionen usw. voraussetzt. Kann nun angesichts dieser Tatsache der einzelne gewöhnliche Mensch denn noch Wohltäter sein, seine sozialen, religiösen Pflichten erfüllen? Gewiß kann er es! Alle Institutionen, Vereine, Wohlfahrtsanftalten benötigen ja des hingebungsvollen ArbeitenS ungezählter Personen. Und hier sei gesagt: Lieber einen Armen, einen Kranken, einen Hilfsbedürftigen oder e i n unmündiges Kind richtig betreuen, als in ungezählten Almosen sich die Scheinbefriedigung erfüllter Pflicht zu geben! Was der Einzelne unternimmt, das mag sein persönlicher Geschmack entscheiden, das mag durch eine vielleicht äußere Veranlassung bestimmt werden; niemals aber sollte — und diese Bitte und Mahnung wird immer und immer wieder von allen mit der Wohlfahrtspflege befaßten Stellen und Personen erhoben — niemals sollte die Liebeserweisung erfolgen ohne Zusammenhang mit den Wohlfahrtsstellen. Schon vor Jahrzehnten hat S. R. Hirsch gesagt: „Hier ist des Gemeinwesens schönstes Wirken der Wohltätigkeit, die Armenspende so weise zu leiten, daß dadurch nicht der Faulheit, der Trägheit und Verunsittlichung Vorschub geleistet wird." (Hirsch, Horeb 612.) Wenn dies schon in jenen, wir müffen sagen, patriarchalischen Zeiten Geltung hatte, um wieviel mehr in unserer Zeit, in der wie auf anderen Gebieten, so auch auf diesem, 'Organisierung nicht zu entbehren ist. Aber alle Organisationen bedürfen der Mitarbeiter, ja sogar besonders geduldiger und hilfsbereiter Mitarbeiter. Wenn Sie jetzt alle die Bilder sehen und ergriffen sein werden von der Fülle des Segens, der hier tagtäglich auSgeftreut wird, versuchen Sie, auch etwas tiefer zu sehen! Sehen Sie nicht nur die Kinder, die bewahrt und aufgezogen werden, die Kranken, die geheilt, die Alten und Armen, die genährt und geschützt werden, sehen Sie durch die Bilder hindurch den helfenden Willen vieler Lausender von Menschen, die sich wie dienstwillige Rädchen in das große Uhrwerk des sozialen Organismus eingliedern, die nicht nur um das Geheimnis der Liebe wissen, sondern auch der Unterwerfung, die da wiffen, daß die wahre Liebe sich darin erweist, daß sie nicht herrschen will, sondern demütig zu dienen bereit ist. Die Liebestätigkeit, die Zedokoh, hat die Gemeinschaft Israel durch alle Zeiten begleitet: auf eigener Scholle im heiligen Lande, in den Lehrhäusern Palästinas und Babyloniens, sie begleitete sie durch die Jahrhunderte der Entrechtung und Verfolgung im Mittelaller. Dieser Geist bildet einen festen Bestandteil unseres Lebens und unseres Wesens, wie schon das talmudische Wort sagt, daß auf Gotteslehre, Gottesdienst und Erweisung von Liebeswerken die Welt sich gründet. Wenn die Bilder, die Sie jetzt sehen werden, einen Hinweis dafür bedeuten, daß dieser Geist bei uns Schönes geschaffen, so mögen sie uns gleichzeitig Mahnung sein, nicht abzulaffen und des Psalmwortes zu gedenken: „Übe Wohltat zu jeder Zeit."