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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-01-15 · 1 (15.1.1928) · p. Seite 7

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
1 (15.1.1928)
Article
Versammlung des Centralvereins
Date
1928-01-15
Page
Seite 7 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 1 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 7 penausschusses bekanntgab. Sodann gab er einen Bericht über die Hauptvorstandssitzung in Berlin, insbesondere über den von Herrn Direktor Dr. Holländer erstatteten Tätigkeitsbericht der Zentraler-Der Bericht von Herrn Sanitätsrat Dr. Baron, der natürlich nur in kurzen Strichen Wesentliches andeuten konnte, verschaffte der interessierten Zuhörerschaft Einblick in die schweren und verzweigten Arbeiten der Berliner Zentrale des Central-Vereins. Nach ihm ergriff Frau Else D o r m i tz e r (Nürnberg), Hauptvorstandsmitglied des Central-Vereins, das Wort zu ihrem Vortrag über „Erlebnisse auf C.-V.-Fahrten". Die Rednerin wußte nicht nur durch zahlreiche, mit humorvollen Anmerkungen gewürzte Anekdoten, sondern auch durch die sehr ernsten Folgerungen, die sie aus den Erlebnissen in den verschiedensten Reichs- und Landes^ teilen zog, das Publikum außerordentlich zu fesseln. Ihre Darstellung gab ein Bild von der sehr bedrohlichen Lage von Juden in ganzen deutschen Landesstrecken. Insbesondere ergriff das Bild, das sie von der wirtschaftlichen Katastrophe der durch den Boykott des Landbundes ruinierten jüdischen Geschäftsleute in Pommern, zeichnete. Auch ihre Schilderungen aus dem uns so naheliegenden Nürnberger Milieu bargen bei aller Ironie der Darstellung viel des Tragischen und Ergreifenden. Als Letzter sprach Herr Rechtsanwalt Dr. Alfred Werner, der neugewählte erste stellvertretende Vorsitzende der Ortsgruppe, über „Ideen und Ziele im deutschen Judentum". Herr Dr. Werner schilderte die Entstehung des jüdischen Liberalismus in der Epoche der Aufklärung und seine Verdienste um die Emanzipation der deutschen Juden. Er kennzeichnete aber auch die Schwächen, die diesem Liberalismus aus seiner rationalistischen Struktur erwuchsen. Rationalistischer Liberalismus muh in religiösen Dingen letzten Endes zum Nihilismus führen. Diesen letzten Schritt aber tat dieser alte Liberalismus nie. Er konnte seine logischen Konsequenzen nicht zu Ende denken und zu Ende führen. Herr Dr. Werner entwickelte dann ganz ausgezeichnete und zum großen Teil neuartige Gedankengänge über die Entwicklungsgründe des Zionismus. Auf der einen Seite entstand er aus Reaktion gegenüber dem Antisemitismus, auf der andern Seite aus den Schwächen des rationalistischen Liberalismus: Viele deutsche Juden, deren Religiosität durch den Rationalismus zerstört war, glaubten das, was sie innerlich doch noch mit dem Judentum verband, nur als nationale Idee denken zu können. Der Redner prüfte dann die verschiedenen Argumente, die gegen den Zionismus zu Felde geführt werden. Wesentlich unter allen diesen Argumenten ist zunächst dasjenige von der unlöslichen Kulturverbundenheit der deutschen Juden mit ihrer Umwelt. Noch wichtiger aber und eigentlich entscheidend gegen den Zionismus ist der Einwand, daß der Zionismus dem Sinn der jüdischen Geschichte nicht entspricht und dem heute wieder wachgewordenen Streben nach religiöser Erneuerung nicht genügen kann. Auch der Zionismus ist religiös liberal und stempelt die politische Seite zur Hauptsache für das Judentum. Der Sinn der jüdischen Geschichte ist nicht der Gedanke, heute in Palästina einen nationaljüdischen Staat zu errichten. Das Judentum hat die historische Aufgabe, die ihm anvertrauten höchsten Ideen der Menschheit den Völkern der Welt zu bringen. Das ist' der Sinn der Diaspora, des Verbundenseins mit den Völkern. Darum ist ein nationales Judentum nicht zu jüdisch, sondern zu wenig jüdisch. Die Überwindung des Zionismus und die Überwindung des alten Liberalismus zugleich kann nur erfolgen durch einen neuen.r e l ig i ö s en Liberalismus, der auf den Schultern des alten Liberalismus steht, aber seine Schwächen vermeidet, indem er den Wert der nicht rationalen Seelenkräfte erkennt und das überall neu erwachende religiöse Bedürfnis in religiösen Formen befriedigt. Diese Formen sind die durch die Tradition geheiligten, und doch geschieht ihr Gebrauch durch den religiös Liberalen nicht orthodox: die Formen werden nicht gebraucht, weil ihr Gebrauch durch unwandelbare Satzung geboten ist, sondern weil er dem religiösen Bedürfnis entspricht. Die Ausführungen von Herrn Dr. Werner wurden von allen Anwesenden mit außerordentlicher Aufmerksamkeit und innerer Ergriffenheit ausgenommen. Man empfand, daß hier viel Neues gesagt worden war und daß hier wirklich ein hoffnungsvoller Weg zu neuer jüdischer Lebensgestaltung gewiesen war. Die Versammlung dankte dem Redner durch lang anhaltenden begeisterten Applaus. In der Diskussion sprach dann noch Herr Wachsmann, ein Student, der die Notwendigkeit der Erfassung der Jugend für Kennen Sie schon Das Zelt Zeitschrift für die jüdische Jugend Wenn nicht, verlangen Sie bitte eine Probenummer gratis van dem VERLAG B. HELLER MÜNCHEN Herzog-Max-Straße 4 Tel. 93099 Abonnieren Sie beim nächsten Postamt C.-V.-Zwecke hervorhob und Herr Rabbiner Dr. B a e r w a l d , der in eindrucksvollen Worten Herrn Dr. Werner für seine Ausführungen dankte. Konzert des jüdischen Gesangvereins Van dem idealen Gedanken geleitet, daß es Ehrenpflicht sei, die reichen Schätze jüdisch-synagogaler Musikliteratur weiten Kreisen zu erschließen, kam diesmal ein Konzert zustande, das eine Fülle erhebender Eindrücke barg. Durch die Mitwirkung des Oberkantors I. Alter aus Hannover gestaltete sich der Abend außerdem zu einem Ereignis seltener Art. Der dem Sänger vorangehende Ruf versprach ja wohl etwas ganz Erlesenes, aber was man zu hören bekam, übertraf alle Erwartungen. Man lernte in Herrn I. Alter einen Künstler kennen, der über hervorragende Stimmmittel verfügt und diese in so souveräner Weise behandelt, daß er sicherlich auch auf weltlichem Gebiet einen ersten Platz unter den bedeutendsten Vertretern seines Faches einzunehmen berechtigt wäre, wenn er es nicht vorgezogen haben würde, dem reinsten und edelsten Kult zu dienen. Trotzdem liegt hier nicht das allein Bewundernswerte seiner Begabung, es ist vielmehr das aus überzeugter Gläubigkeit quellende Empfinden, der nach oben gerichtete Geist, der dem güldenen Gefäß feinen Inhalt verleiht. Die restlose Durchführung der Soli in den Chorwerken, die bis zum Letzten alles Gedankliche und Wesenhafte ausschöpfende Wiedergabe der liturgischen Stücke, die zum Erleben gesteigerten Jargongesänge, wie der unnachahmliche Humor der heiteren Volkslieder, jede einzelne Leistung war zu hoher Vollendung geformt und ließ das einstimmige Urteil dahin zusammenfassen, daß man hier einem Sänger von Gottesgnaden in des Wortes vollster Bedeutung gegenübersteht. Die Chorvorträge hatten begreiflicherweise neben einer alles in seinen Bannkreis ziehenden Erscheinung schweren Stand, aber es wäre ungerecht, das von dem Verein mit Einsatz seiner ganzen Kraft Geleistete nicht gleichfalls entsprechend zu würdigen. Leider muß immer noch gesagt werden, daß die verhältnismäßig geringe Beteiligung der doch sicherlich in großer Zahl vorhandenen jüdischen Sangesbeflissenen unverständlich erscheint und dem mit großer Hingcckie für die Sache eintretenden Chorleiter sein Amt beträchtlich erschwert. Man darf daher um so höher einschätzen, wie wacker der Chor sich seiner schwierigen Aufgabe entledigt. Außerordentlich klangschön wurde das stimmungsvolle „Usseschuwo" unseres Altmeisters Kirschner gebracht und in dem vom Kantorenverband preisgekrönten „Moh odom" ihres verdienten Dirigenten Josef Ziegler wirkungsvoll in seinem kompositorischen Aufbau und seiner inhaltlichen Gestaltung gaben alle Mitwirkenden (Tenorsolo: Herr Alter, Orgel: Prof. Sagerer) ihr Bestes, um dem Werke zu dem gebührenden Erfolge zu verhelfen, der demselben auch vollauf zuteil wurde. Die manchmal, besonders in den Sologesängen, vor einer diffizilen Aufgabe stehende Orgel- und Klavierbegleitung wurde von Professor Sagerer und Kurt Bettsack in mustergültiger Weise ausgeführt. Julius Schweitzer. Wohlfahrksvereine. In den nächsten Tagen beginnt die Sozialbeamtin der jüdischen Wohltätigkeitsvereine, Frau Lina Weil-Eckstein, ihre diesjährige Jnkassotätigkeit. Es wird herzlich gebeten, ihre Arbeit durch freundliches Entgegenkommen zu fördern. Frau Weil wird ihre Besuche jeweils vorher anzeigen.

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