Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 12 (13.12.1927)
- Article
- Begrüßungsabend für Chajim Weizmann in München
- Date
- 1927-12-13
- Page
- Seite 372 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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372 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 12 zeitige Lage in Palästina, das er erst von drei Wochen verlassen hat, und erklärte, daß das sichtbarste Zeichen der herrschenden Wirtschaftskrise, die erschreckende Arbeitslosigkeit, durch zunächst nur vorübergehende Arbeitsbeschaffung auf einen um die Hälfte geringeren Umsang zu drücken gelungen sei. Die dauernde Beseitigung der Arbeiternot und damit des Hauptsaktors der unbeftiedigenden Wirtschaftslage könne allerdings nur durch Förderung dreier großer Projekte gelingen. Das Ruthenbergprojekt, die Ausnützung der Jordan-Wasserkräfte, sei soweit gefördert, daß jetzt eine steigende Anzahl von Arbeitern bei diesem Unternehmen dauernde Beschäftigung finden werden. Den Hauptanteil an der Absorbierung der beschäftigungslosen Arbeitskräfte auf Jahre hinaus wird der ab Januar in Angriff zu nehmende große Hafenbau in Haifa tragen. Dabei hat die Regierung zugesagt, daß von den benötigten etwa viertausend Menschen in der Majorität Juden beschäftigt werden sollen. Schließlich beginnen im kommenden Frühjahr die Ausbeutungsarbeiten am Toten Meer, so daß der nächsten Zeit mit Ruhe entgegengesehen werden kann. Dazu kommt, daß in der Landwirtschaft wie in der Industrie bereits jetzt von einer Arbeitslosigkeit nicht gesprochen werden kann. Pros. Weizmann ging dann näher auf die politische Lage im Lande ein, d. h. im wesentlichen auf die Araberfrage. Im Gegensatz zu den benachbarten Staaten, Syrien und Ägypten, wo nur durch großes Truppenaufgebot die gährende Volksstimmung von einer Explosion abgehalten wird, herrscht in Palästina wirklicher Friede. Kein Militär ist im Lande und das arabisch-jüdische Polizeikorps ist hauptsächlich an der Grenze beschäftigt. Das beweist, daß es gelungen ist, zu kolonisieren, ohne Reibungen mit den Eingeborenen herbeizuzuführen. Es beweist aber auch, daß die Angst vor einem arabischen Aufstand in allen Ländern größer ist, als in Palästina selbst. Die Sicherheit in Palästina ist heute ebenso fest begründet wie irgendwo auf der Welt. Auch das Verhältnis zur Regierung hat sich enger gestaltet. England ist jetzt Partner am Aufbauwerk geworden, der nicht nur zusieht, sondern auch mithilft. Im ganzen aber ist erwiesen, daß man P a l ä st i n a aufbauen kann und daß man es mit jüdischen Kräften aufbauen kann. Jedenfalls ist die Bedeutung der palästinischen Judenschaft für die Juden sowohl wie für die Nichtjuden größer als die der größten jüdischen Gemeinschaft, nämlich der jüdischen Gemeinde von New Port, obwohl diese zehn bis zwölfmal mehr Menschen umfaßt. Das W i ch t i g st e aber am Palästinawerke ist, daß ein friedliches Werk von weittragender Bedeutung dort entsteht. Aber es gehört nicht nur die Mithilfe jedes Juden dazu, sondern vor allen Dingen: Geduld und der Wille „ein Werk zu schaffen, würdig einer alten Rasse und einer alten Idee". Nach kurzen Worten des Herrn Alfred Berger vom Direktorium des deutschen Keren Hajessod schloß Herr J.-R. Dr. Emil F r ä n k e l die Empfindungen der Erschienenen in eine warmherzige Ansprache an Weizmann ein, der sich mit der Versicherung verabschiedete, daß in späteren Tagen noch der Empfang in München zu seinen schönen Erinnerungen zählen soll. Der Talmud als Angriffspunkt unserer Feinde Über dieses sehr zeitgemäße und wichtige Thema sprach am 6. November 1927 Rabbiner Dr. Rülf (Bamberg) anläßlich der Delegiertentagung des Bayerischen Landesverbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands. Eilberwaren Das vornehme Gelegenheitsgeschenk von Dauerwert Chanukkah-Leuchter in echt Silber, versilbert, Messing — jede Größe Becher / Platten / Schalen / Leuchter Neueste Besteckmuster Marcus L e v i n g e r, München Kindermarkt 13,1. Stock / kernspreeber Nr. 24650 Zu Eingang führte der Redner aus, daß sein Vortrag nicht politischer, sondern belehrender Natur sein solle, und daß er sich daher versagen müsse, auf die Angriffe einer gewissen Presse und aus eine Reihe pseudowissenschaftlicher Werke einzugehen. Dagegen wolle er sich mit einigen der hauptsächlichsten Vorwürfe gegen den Talmud auseinandersetzen: Der Talmud geht in seinen Anfängen auf das dritte vorchristliche Jahrhundert zurück. Während der fünf Jahrhunderte, in denen der Talmud entstanden ist, war eine Reihe blutiger Verfolgungen, die nicht ganz ohne Einfluß auf das Werden des Talmuds geworden sind. Durch Jehuda ha Nasi wurde der erste Teil des Talmuds, die Mischnah abgeschlossen. Da die Mischnah mündlich überliefert wurde, so begnügte man sich mit kurzen schlagwortartigen Aufzeichnungen, die nach längerer Zeit nicht mehr verständlich waren. Daher wurde die Mischnah einer eingehenden Erklärungstätigkeit unterzogen. Hier traten die Lehrhäuser Babyloniens in den Vordergrund. Das Ergebnis dieser Erklärungstätigkeit ist die sogenannte Gemara. Auch diese wurde zunächst nur mündlich überliefert und erst nach 3 Jahrhunderten ausgezeichnet. Die Gemara ist eigentlich nichts anderes als ein Protokoll der unzähligen Lehrhausdiskussionen. Die Gemara umfaßt die ganze Fülle des damaligen Wissens. Im Laufe des Mittelalters unternahmen es einige rabbinische Autoritäten, auf der Grundlage des Talmuds einige systematische Gesetzesbücher zu verfassen, in der das Diskussionsmäßige wegsiel. So Maimonides „Mischne Thora". Ferner Karo „Schulchan Aruch". Der Schulchan Aruch ist aber keineswegs das Religionsgesetz für den orthodoxen Juden. Er ist ursprünglich lediglich ein Handbuch, ein - Hilfsmittel. Die Quelle bleibt der Talmud. Gegen die Angriffe der Feinde ist zunächst allgemein zu sagen: 1. Man kann den Talmud nicht lesen, man muß ihn studieren. Man kann nicht einige Sätze aus dem Zusammenhang herausgreifen. Auf diese Weise kommen Unrichtigkeiten zustande, selbst ohne daß die Betreffenden die Absicht zu fälschen gehabt hätten. Damit ist nicht gesagt, daß nicht-jüdische Gelehrte nicht etwa die Möglichkeit hätten, in das Verständnis des Talmuds einzudringen. Erwähnt sei hier nur Travers Herford und Herrmann Strack. Es gibt keine jüdische Geheimwissenschaft. 2. Es gibt im Talmud viel und widerspruchsvolle Meinungen. Einzeln herausgeriffene Aussprüche minder bedeutender Gelehrter, die oft in der Hitze des Wortgefechtes gemacht wurden, können nichts für die Lehrmeinungen des Talmuds sagen. 3. Daß sich unter vielen Einzelaussprüchen auch krause und sonderbare Aussprüche finden, ist selbstverständlich. Denn in.jener Zeit, als der Talmud geschrieben wurde, herrschten andere Vorstellungen über Welt und Menschen, als wir sie heute haben. Solche Anschauungen wurden zum Teil schon damals und noch mehr heute als Kuriosa angesehen. 4. Vereinzelte Worte des Hasses und der Ablehnung gegenüber Andersgläubigen sind verständlich aus der Zeit der Verfolgungen, in der jene Sätze geschrieben worden sind; daß Menschen, die mit ansehen, wie ihre Glaubensgenossen gefoltert und hingerichtet werden, nicht immer mit freundlichen Gefühlen auf ihre Peiniger sehen, ist begreiflich. 5. Das Christentum ist im Talmud kaum erwähnt. Dies erklärt sich daraus, daß die Mischna bereits im 2. Jahrhundert abgeschlossen worden ist, eine Zeit, in der das Christentum in Palästina noch nicht sehr verbreitet war. Über das Verhältnis der Juden zu anderen Völkern ist zu erwähnen, daß der Talmud der Anschauung ist, daß verschiedene Sittengebote allen Menschen gemeinsam sind. Wer diese Gebote befolgt, hat im jüdischen Staate genau dieselben Rechte wie der Einheimische. Davon wird in der gegnerischen Literatur nichts erwähnt, vielmehr jedoch der Satz, daß die Bevölkerung Kanaans auszurotten sei. Nun ist aber zu bedenken, daß die Bevölkerung Kanaans auf einer sehr niedrigen Sittenstufe stand. Es wurden Kinderopfer dargebracht, bei gewissen Festen fand Prostitution statt. Die Gefahr, daß das Volk Israel durch diese Anschauungen und Gebräuche' erniedrigt würde, bestand. Es gab somit nur die harte Notwendigkeit der Staatsraison. Praktisch wurden diese Gebote niemals ausgeführt. Mit diesen Geboten als historisch überholt beschäftigt sich der Talmud nur theoretisch. Keinesfalls aber gelten diese Gebote außerhalb Kanaans und gegenüber einer monotheistischen Bevölkerung. Es ist in den späteren Schriften des Mittelalters zwischen Heidentum und Christentum ausdrücklich unterschieden. Christentum gilt nicht als Heidentum. Jnsbe-