Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 12 (13.12.1927)
- Article
- Wiedereröffnung des israelitischen Hospitals in Fürth
- Date
- 1927-12-13
- Page
- Seite 370 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2727810-2727836-2727849-2732333--02676-2732440- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
370 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung M. 12 Uhr Einladung ergangen. An Ort und Stelle begrüßte Kommerzienrat Maier Bechmann die zahlreich erschienenen Gäste namens der Eigentümerin des Hospizes, der Israelitischen Kultusgemeinde, in herzlicher Weise, warf dann einen Rückblick auf die Geschichte des Hauses, gedachte der um seine Erneuerung besonders verdienten Persönlichkeiten und stellte fest, daß es, wie bisher, den Kranken aller Bekenntnisse bei freier Ärztewahl zur Verfügung stehe. Bürgermeister Müller übermittelte hierauf die Glückwünsche des Gesamtstadtrates Fürth und die persönliche Gratulation des verreisten Oberbürgermeisters. Die Glückwünsche der Ärzteschaft Fürth überbrachte prakt. Arzt Dr. Offenbacher und zugleich deren Versprechen, in diesem nun modernen Krankenhause qualifizierte Arbeit zum Heile der Kranken leisten zu wollen. Unter Führung von Frau K.-R. Luise Erdmann folgte nun eine Besichtigung sämtlicher Räume. Die Gäste gewannen dabei die Überzeugung, daß das Hospital nunmehr tatsächlich mit allen neuzeitlichen Erfordernissen und Bequemlichkeiten ausgestattet ist. Damit war die Feier beendet. Brückenau. Unsere Gemeinde trauert. Der seit fünfundzwanzig Jahren in seltener Treue an der Spitze der Gemeindeverwaltung wirkende erste Vorsitzende, Herr Nathan Grünebaum, ist nicht mehr. Der Verblichene vereinigte in sich wie selten ein Mann alle Eigenschaften, die ihn geradezu zum Muster eines Führers für unsere Gemeinde stempelten. Von einer schon im Elternhause (im nahegelegenen Züntersbach) sorglich gepflanzten, tiesinneren Frömmigkeit beseelt, ausgestattet mit einem klaren, aufs praktische gerichteten klugen Verstände, gepaart mit einem edlen Herzen, verstand er es, seine Gemeinde so zu leiten, daß ihr Name in der bayerischen Judenheit einen guten Klang hat. Seine Friedensliebe, seine selbstverständliche, anspruchslose Bescheidenheit, sein goldener Humor gewannen ihm die Herzen aller. Wie sehr er auch über den Kreis unserer Gemeinde hinaus des Vertrauens seiner Glaubensgenossen sich erfreuen durfte, das zeigte das ihm bei der letzten Verbandswahl übertragene Mandat als Tagungsmitglied. Die Bestattung gestaltete sich zu einer erhebenden Trauerfeier. Ein tiefempfundener Nachruf unseres verehrten Herrn Distriktsrabbiners Dr. Bamberger (Bad Kissingen) eröffnete den Reigen der Redner. Durch Verleihung des Chawertitels ehrte der Rabbiner den frommen Sinn des Heimgegangenen, feine Liebe zur Thora, seine Verdienste um die Gemeinde. Im Namen derselben sprach Herr Hauptlehrer Gundersheimer und zeichnete in kurzen Strichen einige Momentbilder aus dem reichen, fruchtbaren Leben N. Grünebaums, den Hinterbliebenen zum Tröste, den Gemeindeangehörigen zum aufmunternden Ansporn. In warmen Worten rief Herrn Seminaroberlehrer Stoll (Würzburg) im Aufträge des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden dem Tagungsmitglied und Fraktionskollegen N. Grünebaum einen letzten Scheidegruß zu, würdigte die wesentlichen Charakterzüge desselben und malte ein treffliches Bild feiner vertrauenswürdigen Persönlichkeit. Jugenheim. Jubiläum. Raphael Mandel kann auf eine über 51jährige Dienstzeit als Kantor und israelitischer Religionslehrer zurückblicken. Aus diesem Anlaß hat der Reichspräsident Glückwunsch und besondere Anerkennung ausgesprochen. Rördlingen. In Nördlingen fand kürzlich ein Vortrag des Herrn Ministerialrats Dr. Hirsch aus Stuttgart über Abwehr des Antisemitismus statt. Dem aus der ganzen Umgegend zahlreich erschienenen Publikum führte er die bedenkliche Entwicklung des Antisemitismus vor Augen und kam zu dem Ergebnis, daß die Abwehr aus dem Innern des Judentums herauskommen müsse. Der Jude muß vor allem seine Religion kennen und ausführen lernen, um die Angriffe gegen dieselben wirksam abwehren zu können. Es wurde angeregt, in allen Gemeinden Literaturabende zu veranstalten, damit auch besonders die Jugend zur praktischen Erforschung der heiligen Lehre angehalten wird. Hoffentlich finden diese Gedanken in allen Kreisen Anklang und praktische Durchführung. Gunzenhausen. Wie alljährlich, so beehrte auch dieses Jahr Herr Rabbiner Dr. Pinchas Cohn (Wien-Ansbach) unsere Gemeinde mit seinem Besuch und hielt am Chol-Hamoed Sukkos 13.10. 27 in der Ortsgruppe der „Aguda" einen sehr interessanten Vortrag über „Aufbau im Judentum". — Gleichsam als Fortsetzung in der Erörterung der Lage der deutschen Juden durften wir am 24.10. 27 in der hiesigen Ortsgruppe des Central-Vereins Herrn Syndikus Dr. Freund (München) begrüßen. „Gehen wir einem neuen Ghetto entgegen?" lautete das Thema für seinen Vortrag, der so fesselnd war, daß die Stunden wie im Fluge verrannen. Mehrere Stunden zog sich eine anregende Diskussion hin und mit dem Wunsche, daß Herr Syndikus Dr. Freund recht bald wieder bei uns sprechen möge, .trennte man sich in später Nachtstunde. Levite. Bund geseheskreuer israelitischer Gemeinden Bayerns Die diesjährige Generalversammlung des Bundes gesetzestreuer israelitischer Gemeinden Bayerns fand am 30. Oktober in Kitzingen statt und war erfreulicherweise gut besucht. Alle Teilnehmer wurden für ihre Opfer schon durch den interessanten Jahresbericht des Vorsitzenden Herrn D i st r i k t s ra b b i n e r D r. Stein (Schweinfurt) reichlich entschädigt. Mit Erstaunen vernahmen die meisten, was der in der Stille wirkende Bund im Laufe eines Jahres an Arbeit im Dienste des Judentums geleistet hat. Der breiteste Raum in den Ausführungen war der Entwicklung und dem gegenwärtigen Stand der Schächtfrage gewidmet, bei deren Lösung der Bund durch seine beiden Vorsitzenden hervorragend mitarbeitet. Herr Dr. Stein dankte im Namen des Bundes all denen, die in dieser für uns lebenswichtigen Angelegenheit uns so selbstlos zur Seite stehen, insbesondere den Herren Professor Dr. Lieben, Rabbiner Dr. Munk und D r. H o r o w i tz. Der Vorsitzende legte weiter dar, wie der Bund bei den Besprechungen zur Gründung einer Reichsorganisation mitgewirkt, wie wir in verschiedenen jüdischen Angelegenheiten mit oder ohne Erfolg bei den Ministerien intervenierten, wie wieder mehrere leistungsschwache Gemeinden zur Erhaltung ihrer jüdischen Institutionen Subventionen erhielten usw. usw. Schließlich stellte er im Namen der Vorstandschaft verschiedene Anträge zur Ausgestaltung der Bundesarbeit. Daran schloß sich eine sehr lebhafte und anregende Diskussion an, an welcher sich die Herren Rabbiner Dr. Bamberger (Kissingen), Weichselbaum (Dettelbach), Rabbiner Dr. Weinberg (Neumarkt), Rabbiner Dr. Wohlgemuth (Kitzingen), Rabbiner Dr. Mannes (Schwab a ch), Dietenhöfer (Ansbach), Dr. Nathansen (Würzburg), Löwenhaupt (Kitzingen) und Landau (Fürth) beteiligten. Das Ergebnis war die Annahme dreier Anträge: 1. Der Bund stellt eine Hilfskraft für den Kassier an, um durch weitausgedehnte Propaganda reichere Mittel für den Bund flüssig zu machen. 2. Der Bund will Lehrer und geeignete junge Leute veranlassen, hinaus auf die kleinen Gemeinden zu gehen und trägt eventuell die erwachsenden Kosten. 3. Der Bund setzt Prämien aus für Lehrer, die junge Leute zu Baals-Kore und C h a f a n i m ausbilden, bzw. leistet je nach Sachlage den Lehrenden oder Lernenden Zuschüsse. Möglicherweise sollen durch den Bund in größeren Städten Kurse für diese Ausbildung eingerichtet werden. In der Frage der sogenannten „M u st e r s a tz u n g e n" wurde folgende Resolution angenommen: „Die Generalversammlung des Bundes gesetzestreuer israelitischer Gemeinden Bayerns fordert die Herren Rabbiner auf, bei der Annahme der sogenannten „Mustersatzungen" des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden durch die Gemeinden schriftlich oder mündlich belehrend mitzuwirken. Bei diesen Beratungen soll das Frauenwahlrecht besondere Rücksicht finden. Die Generalversammlung hält es für gut, wenn die im Bunde vereinigten Rabbiner sich darüber einigen, welche Richtlinien an die Gemeinden hinausgegeben werden sollen." Dem Vorsitzenden, dem Kassier und dem Schriftführer wurden Entlastung erteilt. Am Nachmittag des gleichen Tages fand im vollbesetzten Saale des Ga st Hofes zum Stern ein Bundestag statt. Nach einer begeisternden Eröffnung durch den Vorsitzenden und einer warmen Begrüßung durch den Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Kitzingen, Herrn Ullmann, ergriff der Ortsrabbiner, Herr D r. W o h lgemuth, das Wort zu seinem Referate: „Das religiöse Leben in den kleineren Gemeinden." Der Redner zeichnete mit treffenden Worten das Bild der kleinen Gemeinden mit feinem Licht und seinem Schatten und zeigte den Weg, wie das religiöse Leben dort vertieft