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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1927-12-13 · 12 (13.12.1927) · p. Seite 351

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
3 (1927)
Issue
12 (13.12.1927)
Article
Zur Geschichte des Lehrerverbandes
Date
1927-12-13
Page
Seite 351 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 12 Baveriscye Israelitische Gemeindezeitung 351 und vor allem unter materieller Förderung des Deutsch-israelitischen Gemeindebundes zu Berlin, in den letzten Dezembertagen des Jahres 1895 zur Gründung des „Verbandes der jüdisch en Lehrervereine im Deutschen Reich e". Eine Fülle von Schwierigkeiten gab es, wie es bei den meisten jüdischen Vereinsgründungen der Fall ist, auch bei der Gründung des Lehrerverbandes zu überwinden. Die bayerischen Lehrer konnten sich aus landesgesetzlichen Gründen ihm nicht anschließen; die, separatistische Orthodoxie schützte religiöse Bedenken vor und auch andere orthodoxe Kreise schlossen sich ihr an, und so hat es einer Arbeit von reichlich dreißig Jahren bedurft, ehe die Kette der jüdischen Lehrerschaft sich fest und innig zusammenschloß, und ganz lückenlos ist sie auch jetzt noch nicht geschlossen, wenn es sich auch zur Stunde nur noch um wenige Dutzende von Lehrern handelt, die den Weg zum Ganzen noch nicht gefunden haben. Erster Vorsitzender des Lehrerverbandes wurde der leider allzufrüh verewigte Realschuldirektor Dr. Salo Adler (Frankfurt a. M.), damals Rektor der jüdischen Gemeindemädchenschule zu Berlin. Er bekleidete dieses Ehrenamt bis zu seiner Übersiedelung nach Frankfurt (1899). Auf dem Verbandstage zu Hamburg (1901) wurde Adler zum Ehrenvorsitzenden des Verbandes ernannt, und in dieser Ehrenftellung verblieb er bis zu seinem frühen Tode. Adler war und blieb die Seele des Verbandes. Was in ihm geschah, war sein Werk und seines Geistes Hauch, er wirkt in unserem Verbände weiter, gibt noch heute unserem Schaffen und Wirken Ziel und Richtung. Interimistisch übernahm der verewigte Blumenfeld (Adelebsen), den Vorsitz; auf dem erwähnten Verbandstage zu Hamburg wurde Dr. Fiegel (Berlin) gewählt. Von 1907 bis 1922 führte Rektor Feiner (Hamburg) — jetzt an Adlers Stelle Ehrenvorsitzender des Verbandes — den Vorsitz, sein Nachfolger wurde Mittelschullehrer Stern (Berlin). Den zweiten Vorsitz führte von 1895-1901 Blumenfeld (Adelebsen) und seitdem bis zum vorigen Jahre der Schreiber dieser Zeilen, der dann zugunsten des verdienstvollen Vorsitzenden des bayerischen Vereins, des der Iudenheit Bayerns so wohlbekannten Oberlehrers Dingfelder (München) zurücktrat. Seit 1901 besitzt der Verband sein eigenes Preßorgan: die „Blätter für Erziehung und Unterricht", Beilage des von dem verewigten Herrn M. Leßmann begründeten „Israelitischen Familienblatts", Hamburg. Seit etwa zwei Jahren mußte aus äußeren Gründen der ursprünglich auf zwei Seiten bemessene Umfang des Organs auf eine Seite reduziert werden; zum Ersatz hierfür gibt der Verlag seitdem für Lehrer die „Jüdische S ch u l z e i t u n g" heraus. Schriftleiter beider Organe war in der ganzen Zeit der Schreiber dieser Zeilen. Die Blätter für Erziehung und Unterricht haben es verstanden — wir können solches wohl ohne Ruhmredigkeit an dieser Stelle behaupten —, in allen Lehrer-, Schul- und Erziehungsfragen eine leitende Stellung innerhalb der deutschen Iudenheit sich zu erringen. Die Jüdische Schulzeitung ist noch eine neue Schöpfung. Sie verfolgt haupthauptsächlich wissenschaftlich-pädagogische Ziele; eine Verbreiterung ihres — aus wirtschaftlichen Gründen — zur Stunde noch beschränkten Umfanges wäre sehr wünschenswert. Verbandstage, die regelmäßig alle drei Jahre stattfinden sollen, fanden statt: 1898 in Berlin, 1901 in Hamburg, 1904 in Kassel, 1907 in Hannover, 1910 in Frankfurt a. M., 1915 in Breslau, 1922 in Berlin und 1925 in Köln. Der Krieg und die Inflation, die so viele geistige Strömungen unterbunden haben, haben auch in den Verbandsarbeiten verheerend gewirkt. Neun Jahre konnte keine VerbandStagung ftattfinden, die Verbandskassen, nämlich die Witwen- und Waisenkasse sowie der Adlersche Darlehensfonds — beides Schöpfungen des verewigten Salo Adler — mußten ihre Tätigkeit einstellen; die ganze Organisation des Verbandes ging zeitweise in die Brüche und mußte erst nach der Stabilisierung der Währung wieder neu aufgebaut werden. Eine umfassende Aktion, die auf dem Lehrertag in Breslau im Anschluß an ein umfangreiches Referat über „die rechtliche Stellung des jüdischen Lehrers und des jüdischen Religionsunterrichts im Reiche" zugunsten einer gesetzlichen Regelung der bezüglichen Verhältnisse geplant war, mußte unterbleiben. Als ein Neues steht der Verband jetzt vor uns. Nachdem der bayerische Lehrerverein vor Jahresfrist seinen Beitritt zum Verband beschlossen hatte, ist eine neue Organisation geschaffen worden. Die preußische Lehrerschaft ist zu einem besonderen preußischen Verbände organisiert worden, die Gesamtheit der Lehrerschaft nennt sich jetzt „R eichsverband der jüdischen Lehrerverein e". Große Aufgaben harren seiner. Eine neue Zeit erheischt ein neues Gesetz. Es gilt den jüdischen Religionsunterricht der methodischen Vervollkommnung unserer Zeit anzupassen, vor allem das Prinzip des Arbeitsunterrichts — die Kölner Tagung hat sich eingehend mit dieser Aufgabe beschäftigt —, auf den jüdischen Religionsunterricht zu übertragen, und besonders die Methodik des hebräischen Unterrichts immer mehr neuzeitlichen Verhältnissen anzupassen. Auf diesem Gebiet haben zwei unserer Kollegen, M. Abraham (Berlin) und I. B. Levy (Frankfurt), bahnbrechend gewirkt. Es gilt dahin zu wirken, daß die jüdische Lehrerbildung der der übrigen deutschen Lehrerschaft ebenbürtig bleibt und es gilt ferner den Aufgabenkreis des jüdischen Lehrers zu erweitern, ihn in den Dienst der jüdischen Jugendbewegung zu stellen und einen weiteren Ausbau des gesamten jüdischen Schulwesens in Deutschland herbeizuführen. Mit diesen letzteren Aufgaben wird sich hauptsächlich die Münchener Tagung befassen. Der Umfang der heutigen jüdischen Jugendbewegung, die wir mit Freuden begrüßen, sowie das zur Zeit zur Beratung stehende Reichsschulgesetz drängen mit aller Macht zu einer intensiveren Arbeit der jüdischen Lehrerschaft auch auf diesen Gebieten. Wir hoffen und wünschen, daß die deutsche Iudenheit, von welcher weite Kreise bis jetzt der Erhaltung oder gar Neubegründung jüdischer Volks¬ und höherer Schulen so apathisch, wenn nicht gar feindselig gegenüberstanden, angesichts des bevorstehenden Reichsschulgesetzes ihre bezüglichen Anschauungen einer Revision unterziehen werden. Sollen die Ziele der jüdischen Lehrerschaft — Ausbau und Hebung des jüdischen Schulwesens, methodische Vervollkommnung des jüdischen Religionsunterrichts, Hebung der sozialen und ideellen Stellung der Lehrerschaft — erreicht werden, so ist dazu auch die Einheit der deutschen Iudenheit erforderlich. Noch ist der Zusammenschluß der Iudenheit in den einzelnen Ländern zu einem „Reichsverband" nicht erfolgt. Wir Lehrer waren es, die die Zeichen der Zeit verstanden und über die trennenden religiösen Gegensätze und nicht minder auch über die trennende Mainlinie hinweg den Weg zum Ganzen gefunden haben. Wir hoffen, daß auch die deutschen Gemeinden und Verbände diesem Beispiel folgen werden. Wir Lehrer werden es an freudiger Mitarbeit dabei nicht fehlen lassen.

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