Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 12 (13.12.1927)
- Article
- Zur Lehrerverbandstagung in München
- Date
- 1927-12-13
- Page
- Seite 350 (sequence 1)
- Language
- German
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350 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 12 Zur Cehrerverbanöstagung in München Einladung des Reichsverbandes der jüdischen Lehrervereine zu seiner Tagung in München vom 26. bis 28. Dezember 1927. Programm: I. Begrüßungsabend Montag, den 26. Dezember, 20 Uhr, im Spiegelsaal des Hotels „Bayerischer Hof", Promenadeplatz. Eröffnung des Verbandstages. — Begrüßungsansprachen. „Die jüdische Jugendbewegung und die jüdische Lehrerschaft." Referent: Lehrer NeuhauS, Fritzlar. H. Öffentliche Hauptversammlungen a) Dienstag, den 27. Dezember, 9 Uhr, im Festsaale der Rosentalschule, Rosental 7. Vorträge: „Die jüdische Schule in ihrer Bedeutung für das jüdische Leben in Deutschland." Referenten: Oberftudiendirektor Dr. Driesen, Frankfurt a. M., und Hauptlehrer Dr. I. Bamberger, Nürnberg. „Das Reichsschulgesetz." Referent: Mittelschullehrer Stern, Berlin. Zur Seschichte des Von M. S t e i n h In die Zeit der' allgemeinen EinheitSbeftrebungen, die unser deutsches Vaterland im vorigen Jahrhundert bewegten, fällt auch die Gründung der ersten jüdischen Lehrervereine. Die ältesten dieser Vereine sind der bayerische, württembergische, rheinisch-westfälische, hannoverische, hessische und mitteldeutsche, sie haben entweder bereits ihr fünfzigjähriges Bestehen gefeiert oder werden diese Feier in Kürze begehen. Der Zusammenschluß der Lehrerschaft war eine absolute Notwendigkeit. Es galt die Methodik des gesamten jüdischen Religionsunterrichts zu vervollkommnen, die jüdische Schule zu erhalten, den Lehrerftand sozial und ideell auf eine andere Stufe zu heben. Über die traurigen Verhältnisse, welche damals in den jüdischen Gemeinden herrschten und die auch heute noch nicht überall völlig geschwunden sind, sagte ich bei einer Festrede anläßlich des fünfundzwanzigjährigen Bestehens des Vereins israelitischer Lehrer Mitteldeutschlands (Magdeburg 19O4): „Die jüdischen Volksschulen wurden vernachlässigt, die Religionsschulen fristeten nur ein Scheindasein. Hatte man in vergangenen Jahrhunderten in einseitigster Weise nur das religiöse Moment in der Erziehung berücksichtigt, so drängte man es jetzt mit derselben Einseitigkeit vollständig in den Hintergrund. Wenn eine bekannte politische Richtung der Gegenwart die Forderung erhebt „Religion ist Privatsache", so lautete Jahrzehnte hindurch bei tausenden und abertausenden jüdischen Familien die Parole „Religion ist Nebensache". So kam es denn auch naturgemäß, daß der jüdische Lehrerstand im Reiche vollständig verkümmerte. Den jüdischen Lehrer, der das „Allernebensächlichfte", Religion, zu unterrichten hatte, drängte man in eine entwürdigende Position; ihn machte man tatsächlich zum Paria der Gemeinde. Elende, kärgliche Besoldung, gesetz- und rechtlose Stellung in der Gemeinde war sein Los geworden. Was Wunder, wenn niemand mehr sich diesem Berufe, mit welchem ein so klägliches Dasein verbunden war, zuwenden wollte! Was Wunder, wenn Hunderte von intelligenten strebsamen Lehrern, die einst, die Brust von Idealen geschwellt, ins Amt getreten waren, diesem undankbaren Berufe den Rücken wandten! Was Wunder, wenn die jüdischen Lehrerbildungsanstalten, an deren Gründung sich d) Mittwoch, den 28. Dezember, 9 Uhr, im Feftsaale der Rosentalschule. Korreferat zu dem Vortrag „Die jüdische Jugendbewegung und die jüdische Lehrerschaft." Referent: Prediger Rülf, Detmold. Zu diesen Veranstaltungen laden wir die Mitglieder der Kultusgemeinde München herzlich ein. Der Vorstand des Reichsverbandes der jüdischen Lehrervereine Feiner, Hamburg, Ehrenvorsitzender. Stern, Berlin, Dingfelder, München, I. Vorsitzender. H. Vorsitzender. Steinhardt, Magdeburg, Abraham, Berlin, III. Vorsitzender. Geschäftsführer. Der Ortsausschuß Mar Adler, Dr. Herm. Klugmann, Moritz Rosenfeld Lehrerverbandes a r d t (Magdeburg) einst so viele Hoffnungen geknüpft hatten, auö Mangel an Zöglingen elend dahinsiechten! Aber unsere Glaubensgenossen wußten sich zu helfen. Bei dem Mangel an geeigneten Lehrkräften, der gar bald eintrat, kehrte man zu alten Cheder-Gepflogenheiten zurück. Der erste beste polnische Jüngling, der über die Grenze kam, wurde, wenn er auch noch so sehr alles Wissens und aller Bildung bar war, für gut genug befunden, unseren Kindern Religionsunterricht zu erteilen. Und wenn dann die Religionsschule zum Zerrbilde einer wirklichen Schule herabgesunken war, dann freuten sich unsere modernen indifferenten Juden, dann hatte man ja Grund auf die jüdische Schule zu schimpfen; dann hatte man ja Grund seine Kinder ihr fern zu halten und sie ohne Religionsuntericht aufwachsen zu lassen. Willkür und Gesetzlosigkeit herrschte in Israels Gemeinden, jeder tat nur, „was recht war in seinen Augen" (Buch der Richter, Kap. 21, 25). Diese Verwilderung fing an, ihre Früchte zu zeitigen. Wie die Schulen, so verödeten die Gotteshäuser, das fromme Band des Familienlebens und der kindlichen Pietät, das viele Jahrtausende Israels Familien miteinander verknüpft hatte, lockerte sich bedenklich; Austritte aus dem Judentum gehörten zu den alltäglichen Erscheinungen. Scharenweise strömten, in den Großstädten besonders, die Juden zum Taufbecken, und nicht wenige Pessimisten gab es unter uns, die da glaubten, den Tag berechnen zu können, an dem die deutsche Iudenheit aufgehört haben würde, zu existieren." Diese Zustände, deren Schilderung für norddeutsche Verhältnisse nicht übertrieben sind, haben sich heute doch zum Besseren gewandelt, und mit Stolz können wir uns Lehrer dessen rühmen, daß unsere intensive Vereinsarbeit wesentlich zu dieser Besserung beigetragen hat. Unsere Jugend vor allem, die durch die jüdische Schule der letzten Jahrzehnte gegangen ist, ist eine andere geworden, und sie bietet uns die Gewähr für eine weitere Vertiefung jüdischen Lebens und Strebens auch für die Zukunft. Man erkannte aber auch in Lehrerkreisen, daß im Interesse des Standes und zur Förderung aller seiner Bestrebungen ein noch engeres, geschlosseneres Zusammenwirken erforderlich sei, und diese Erwägungen führten, unter freundlicher Mitwirkung