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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1927-10-20 · 10 (20.10.1927) · p. Seite 314

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
3 (1927)
Issue
10 (20.10.1927)
Article
Gesamtausschuß der Ostjuden
Date
1927-10-20
Page
Seite 314 (sequence 2)
Language
German
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314 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 10 Am 4. September verschied dahier im hohen Alter von 84 Jahren Frau Rosa Neuburger, eine geborene Münchnerin, Tochter des aus der Geschichte der Jüdischen Gemeinde München des vorigen Jahrhunderts (1820—1860) rühmlichst bekannten Abraham Fraenkel, des Gründers der nunmehr fast hundertjährigen Firma, A. Fraenkel und Schwiegermutter des unvergeßlichen Kommerzienrats Sigmund Fraenkel. Der äußere Lebensgang dieser einzigartigen Frau ist vielleicht für die Allgemeinheit nicht von besonderem Interesse. Sie hat das Glück gehabt ein seltenes Alter zu erreichen und an ihrem Lebensabend noch von einer Schar Heranwachsender Urenkel umgeben zu sein. Aber wenn heute allgemein die Familienforschung als ein wesentliches Kultur- und Geschichtsinteresse betrachtet wird, so muß doch in diesem Falle die Öffentlichkeit von einer Persönlichkeit näheres erfahren, welche die Geschichte unserer jüdischen Gemeinde fast während eines Jahrhunderts in ihrem ganzen Wesen und Wirken widergespiegelt hat. Diese Frau hatte nicht ihresgleichen in unserer Gemeinde. Von einer ungewöhnlichen umfassenden Bildung — sie sprach und schrieb fließend drei fremde Sprachen —, war diese seltene Frau ein ganz wunderbares Beispiel der harmonischen Verbindung von Geistes- und Herzensgröße. Sie hatte in jeder Bedeutung des Wortes einen ganz prachtvollen Stil, sowohl in ihrem ganzen Leben als insbesondere auch in der Korrespondenz. Ihre Briefe waren wirkliche Kunstwerke und jeder, der mit einem äschetisch so vollendeten und inhaltlich so bedeutenden Briefe beglückt wurde, gewann den Eindruck, daß die Schreiberin eine ganz ungewöhnliche Frau sei. Hochgebildete Männer und Frauen drängten sich jederzeit dazu, mit ihr in Verkehr zu treten. Mit ihren so hohen menschlichen Tugenden verband sich ein Gemüt von solch zarter inniger jüdischer Frömmigkeit, daß eine unvergleichliche Harmonie aus ihrer Seele strömte. G)f£kijirA Gjftüncherx J*eiiidte 3{^föenizfeidufUj, «acß 9llajl Aeit üfte/i 50 ^faJvuin ölfcin ü&iVietuny dcA^jdefdtauAcA S^atulau Sjiattanjü^c Eine ganz persönlich wirkende, übrigens von ihrem ihr längst im Tod vorangegangenen Manne Isidor Neuburger f. A. lebhaft unterstützte Wohltätigkeit, eine ungemein liebenswürdige Gastfreundschaft, eine zugleich mit Verstand und Gemüt in der jüdischen Öffentlichkeit geübte Fürsorgetätigkeit lösten ihren Zauber auf jedermann aus. Ihre Sprache war formvollendet und ihre Worte druckfertig. Wenn sie auch körperlich in den zwei letzten Jahren dem Siechtum verfallen war, so arbeiteten Geist und Gemüt bis zum seligen Ende in größter Frische fort. Hat sie doch in den letzten Monaten noch sich fremdsprachige bedeutende Kunstwerke vorlesen lassen! Das Hinscheiden dieser Patriarchin ist daher nicht nur als Verlust für die Nächsten, sondern für die ganze jüdische Gemeinde, ja für das deutsche Judentum zu betrachten. Einerseits deshalb, weil eine solch edle Vereinigung von Geistes-, Herzens¬ und religiöser Bildung heute kaum mehr anzutreffen ist — haben doch die Münchner Familien, mit welchen sie einst groß geworden war, mehr oder minder sich von jüdischen Interessen' abgewandt — anderseits weil überhaupt in unserer Zeit die absolute Harmonie von allgemein hoher menschlicher Bildung mit tiefsten jüdischem Wesen legendär geworden ist. Möge dieses leuchtende Beispiel, wie es in den Annalen'unserer Gemeinde einzig dasteht, auch nach außen wirken und auch Fernstehenden zu Bewußtsein bringen, welch wunderbarer Harmonie eine jüdische Seele fähig ist. Nepos. vückerschau Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums Am 2. November 1927 kann die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums auf ein fünfundzwanzigjähriges Bestehen zurückblicken. Ihre Gründung erfolgte in einer Epoche tiefer Depression und seelischer Not der westeuropäischen Judenheit. Es war die Zeit, da unter den Gebildeten der Abfall vom Judentum grassierte, namentlich unter den Akademikern die Taufe ihrer Kinder an der Tagesordnung war, es war die Zeit, wo Friedrich Delitzsch' Vorträge über Bibel und Babel und ähnliche Veröffentlichungen sich bemühten, „den Nimbus des auserwählten Volkes herabzusetzen", wo Bücher.wie Harnacks Wesen des Christentums verschlungen und als Lockruf zu einem „geläuterten Glauben" verstanden wurden. Jüdische Schriften von Bedeutung, die diesen Gefahren in wirksamer Weise begegnen konnten, gab es nicht, oder sie blieben unbekannt; sie gelangten über einen kleinen Kreis von Fachmännern nicht hinaus, nicht einmal im Religionsunterricht fanden sie Verwertung. Aber in der Hauptsache beschäftigte man sich in jüdischen Kreisen mit kleinlichen Untersuchungen philosophischer oder historischer Einzelheiten, die großen Fragen der Weltanschauung und des unmittelbaren Lebens blieben ebenso vernachlässigt wie damals viel besprochene und durch die Ausgrabungen im vorderen Orient in Fluß geratene Probleme der biblischen Kritik. In der Not der Zeit propagierte ein junger Rabbiner, Dr. Leopold L u c a s in Glogau, die Gründung einer „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums". Zwei Ziele hatte er vor allem im Auge: Erstens sollte der Zusammenschluß aller verfügbaren geistigen Kräfte der gesamten wissenschaftlichen Bewegung und die Möglichkeit bedeutsamer gemeinsamer Arbeiten, die alle anderen Zweige der Wissenschaft groß gemacht haben, gewährleisten. Sodann sollte die Gesellschaft einen beträchtlichen Mitgliederkreis werben, ihn für jüdisch-wissenschaftliche Werke interessieren und so den Veröffentlichungen auf jüdischem Gebiete einen ausgiebigen Leserkreis sowie eine gewisse Resonanz sichern. Schon der erste Aufruf hatte unerwartete Wirkung. Fast alle eingeladenen Gelehrten erklärten sich zur Mitarbeit bereit. Die Gründungsversammlung wurde nicht nur von Teilnehmern aus allen Teilen Deutschlands beschickt, sondern auch aus Österreich, Polen, und weit über diese Länder hinaus ging die Zustimmung zu der neuen Gründung und die Anmeldung von Mitgliedern. Die Gesellschaft trat unter der tatkräftigen Leitung von Professor Dr. Martin Philippson (Berlin, gest. 1916) und Rabbiner Dr. Jacob Guttmann (Breslau gest. 1919) ins Leben und begann sofort eine energische und begeisterte Tätigkeit. Sie übernahm die von Dr. M. Brann in Breslau (gest. 1920) geleitete „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" als ihr Organ und sandte sie ihren Mitgliedern unentgeltlich zu. Ebenso ließ sie ihnen

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