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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1927-10-20 · 10 (20.10.1927) · p. Seite 312

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
3 (1927)
Issue
10 (20.10.1927)
Article
Trauerfeier von Vorstand und Gemeindevertretung für Albert Landauer und Isidor Popper
Date
1927-10-20
Page
Seite 312 (sequence 2)
Language
German
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312 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 10 Vertretung, Justizrat Dr. Karl Oestreich das Wort zu seiner Gedächtnisrede. Das Schicksal habe Albert Landauer damit begnadet, daß es ihn fast an die Schwelle des neunten Jahrzehntes habe gelangen lassen. Aber Landauer sei nie eigentlich alt geworden, es sei denn in allerletzter Zeit unter dem Einfluß der Krankheit. Bis zuletzt habe er Neid erwecken können durch seine unermüdliche Tatkraft und Emsigkeit. Nie habe er sein Alter vorgeschützt, wenn es neue Aufgaben zu erledigen gegolten habe. Wenn man an Landauer in der Vollkraft seiner Jahre zurückdenke, so tauche neben ihm das Bild seiner Freunde Ofner und Nußbaum auf. In der Epoche dieses Triumvirates habe der bürgerliche Individualismus auch die die jüdischen Gemeindestuben beherrscht. Und wenn mit dem Gedanken an jenes Triumvirates sich das Bild einer gewissen Machtvollkommenheit verbinde, so sei darauf zu sagen, daß diese Machtvollkommenheit jenen Männern nicht mühellos in den Schoß gefallen fei, sondern auf Grund ihrer Tätigkeit durch sie sich das Vertrauen ihrer Mitbürger erworben hätten. Diese Männer hätten die große israelitische Kultusgemeinde im heutigen Sinne gemacht. Unter ihrer Leitung wurde das Gotteshaus gebaut, durch sie die Berufung Coßmann Werners nach München veranlaßt. Auch der neue Friedhof fei das Werk Landauers. Sein Hauptwerk aber fei das israelitische Pensionat in der Kaulbachstraße gewesen. Dieses Heim habe ihm die Familie ersetzt. Landauer sei überall in der Verwaltung zuhause gewesen, sein Hauptgebiet sei aber die Verwaltung der gemeindlichen Finanzen gewesen. Der Etat des Kultus sei sein Etat gewesen. Hier habe Landauer schwerstes durchgemacht, als die Inflation die gemeindlichen Finanzen an den Rand des Abgrundes gebracht hatte. Ihm mit anderen sei es zu verdanken gewesen, daß der Zusammenbruch vermieden worden sei. Mit Stolz sehe die Gemeinde darauf zurück, daß sie Landauer gemäß seinen Verdiensten geehrt und ihm zu seinem 75. Geburtstage das Ehrenrecht verliehen habe. Isidor Poppers Leben sei erfüllt gewesen von der Sorge um die Seinen. Um so höher sei es anzuschlagen gewesen, daß er trotzdem Zeit gefunden, seine Tätigkeit der Gemeinde zu widmen. Popper und Landauer seien aus dem gleichen Holze gewesen, sie hätten für die Gemeinde nicht aus Sucht nach Ehre gearbeitet, sondern aus Liebe zur Gemeinde. Beide seien ausgezeichnet gewesen durch ihre Güte. Bei Popper seien es vornehmlich die karitativen Aufgaben der Gemeinde gewesen, die den Mittelpunkt seiner Tätigkeit gebildet hätten. Bei der Lippschützschen Anstalt und der Speiseanstalt der jüdischen Abteilung des Krankenhauses habe er als Delegierter der Verwaltung gearbeitet. Nach Dr. Oestreich sprach noch Rabbiner Dr. Baerwald in einer kurzen Gedenkrede. Nicht nochmals solle hervorgehoben werden, was die beiden Männer im Leben gewesen seien, sondern das, was an ihnen das Bleibende gewesen sei. Die Treue sei es, in der das Menschliche seinen ewigen Ausdruck erhalte. Diese beiden Männer seien von solcher Treue gewesen. Die Treue sei die Festigkeit, die ein Mensch in sich nicht vorfinde, sondern zu der er sich erziehe, die Treue zu dem, was er sich selbst an Aufgaben gestellt habe. Diese Treue leuchtete uns an Popper und Landauer entgegen. Aus der Treue zum eigenen Wesen in ihrer Brust sei ihnen die Treue zum Nebenmenschen erwachsen; sie sei das Fundament der sozialen Gesinnung gewesen, die in ihnen lebendig gewesen sei. Die Form der Treue aber, die wir aufrecht erhielten, sei die Dankbarkeit. Wenn wir diesen Männern nacheiferten, so seien sie nicht gestorben, dann erfüllten sich an ihnen die Worte: „Die wahrhaft Gerechten, die wirklichen Frommen, sie leben erst nach dem Tode." Mit dem Psalm 116 von Lewandowski, vorgetragen von dem jüdischen Gesangverein, schloß die eindrucksvolle Feier. Sitzung der Gemeindevertretung Am 22. September d. I. fand anschließend an die Trauerfeier für Landauer und Popper noch eine Sitzung der Gemeindevertretung mit wichtiger Tagesordnung statt. Aus den gefaßten Beschlüssen ist folgendes von Wichtigkeit: Es wurde zunächst beschlossen, zu Ehren von Albert Landauer ein Grabdenkmal auf gemeindliche Kosten zu errichten. Die Entscheidung darüber, ob die Vergebung des Auftrages direkt an einen jüdischen Bildhauer oder im Wege eines Preisausschreibens erfolgen soll, wurde dem Gemeindevorstand überlassen. Es wurde ferner die Anschaffung zweier Bilder Albert Landauers von Münchner jüdischen Künstlern beschlossen. Die Anregung Dr. Oestreichs, das Pensionat an der Kaulbachstraße künftig „Landauersches Pensionat" zu nennen, wurde an den Vorstand weiter geleitet. In den Vorstand des Schwesternheimes wurden die Herren Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer und Sanitätsrat Dr. Baron gewählt. Rabbiner Dr. Ernst Ehrentreu wurde einstimmig und unter allgemeinem Beifall zum Nachfolger seines Vaters gewählt. Ein Antrag von Justizrat Dr. Fränkel, einen weiteren gemeindlichen Beamten mit rabbinischer Autorisation zur Vertretung des orthodoxen Rabbiners anzustellen, wurde dem Finanzausschuß überwiesen. Zum Punkt gemeindliche Bauten sprach Herr S. A. Weil und betonte die Notwendigkeit einer Renovierung der Synagoge. (Wir verweisen hierzu auf den Aufsatz von S. A. Weil in dieser Nummer.) Für die dringendsten Reparaturen wurden RM. 15 000.— bewilligt. Für soziale Zwecke wurde auf Antrag von Justizrat Dr. E. Straus RM. 15 000.— bewilligt (RM. 10 000.— hiervon werden der für die Darlehenskasse zurückgestellten Reserve entnommen). Es wurden ferner bewilligt RM. 2800.— für die Talmud-Thora-Schule und für die im Winter in München stattfindenden Tagung des israelitischen Lehrervereins RM. 2000.—. Justizrat Dr. Oestreich wurde zum stellvertretenden Vorsitzenden des Gemeindevorstandes, Geheimrat Dispecker an seiner Stelle zum Vorsitzenden der Gemeindevertretung gewählt. Für Dr. Oestreich rückt Ingenieur Dr. Sternberger in die Gemeindevertretung nach. Die Anstellung des bekannten Münchner Komponisten Schallt als Organist, als Nachfolger des verstorbenen Organisten Ossenbrunner, wurde genehmigt. Einführung des Rabbiners Dr. Ernst Ehrentreu Am Freitag, dem 23. September 1927, fand anschließend an den Abendgottesdienst die Einführung des Rabbiners Dr. Ernst Ehrentreu in der Synagoge der Religionsgesellschaft Ohel Jakob statt. Der Vorstand Justizrat Dr. Max Feuchtwanger begrüßte den Rabbiner als Führer. Er habe es nicht leicht als Nachfolger eines solchen Mannes, wie es sein Vorgänger gewesen sei. Doch habe er sich schon während seiner bisherigen Tätigkeit das volle Vertrauen der Gemeinde erworben. In schlichten Worten dankte Rabbiner Dr. Ehrentreu der Gemeinde für das ihm entgegengebrachte Vertrauen. Er gedachte seines Vaters, des unvergeßlichen Meisters, der durch jüdisches Wissen, Denken und Fühlen in gleicher Weise ausgezeichnet gewesen sei. Es gäbe viele Schulen, wo all dieses gelehrt werde, aber wohl werde jüdisches Fühlen auch gelebt. Hier zeige die Thora den Weg, indem sie sage, wenn jemand nicht zu lieben vermöge, so möge er handeln, als ob er lieben würde, und dann würde er lieben. Dies sei die ganze Thora. Ohne die Gemeinschaft sei der einzelne nur ein halber Mensch. Aber auch die Gemeinschaft bedürfe des einzelnen und könne ihn nicht entbehren, so wie bei einer Maschine auch das kleinste Rädchen laufen müsse, damit die ganze Maschine im Gang bleibe. Auch die jüdische Gemeinde brauche jeden ein- ZUBERBÜHLER’S WINTERGARTEN Theatinerstrasse 16 / Fernsprecher Nr. 91285 Eingang Passage: Modehaus Krell Ucko Täglich von 4-6 Uhr Nachmittagskonzerte Abends 8^/2 Uhr Künstlerische Darbietungen mit Tanz ELITE-TANZ-ORCHESTER Kein Weinzwang

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