Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1927-10-20 · 10 (20.10.1927) · p. Seite 302

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
3 (1927)
Issue
10 (20.10.1927)
Article
Zwei Freunde
Date
1927-10-20
Page
Seite 302 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2727810-2727836-2727847-2732014--02459-2732106
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

302 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 10 Je näher die beiden Menschen, die zunächst die Wissenschaft zusammengeführt hatte, sich kamen, um so inniger wurde die Freundschaft. Winterfeld widmet Traube seine Übersetzung des „Waltharius", Traube dankt in begeisterten Worten, die Winterfelds überlegene Übersetzungskunst rühmen und ihn mit Gottfried Keller vergleichen. Sie sorgen sich in rührender Treue einer für des andern Gesundheit und Wohlergehen, und als Traube sich in den zermürbenden Kämpfen um das besoldete Ordinariat in München aufreibt, arbeitet Winterfeld mit Feuereifer für die Berufung Traubes nach Berlin, obwohl er seiner eigenen Beförderung dadurch aufs schwerste hinderlich war. Zehn Jahre dauerte dieser seltene und schöne Bund, an dem auch Traubes Gattin Hildegard innigen Anteil hatte. „Für beide", schreibt Hermann Reich, „bedeutete diese Freundschaft säst ein Jahrzehnt hindurch einen größeren Teil des Lebensglückes. Der vornehme, feine, kluge, gütige Jude und der stolze, tiefsinnige, großherzige, aber auch jähzornige Arier bildeten ein seltsames Freundespaar." Als die Freunde sich später infolge der leidenschaftlichen, unbeugsamen und heftigen Art Winterfelds, die ihn oft zu trotzigen Ungerechtigkeiten gegen den Freund verleiteten, trennten, blieb doch immer noch eine aufrichtige, herzliche Anerkennung und Wertschätzung zurück, frei von jedem kleinlichen Groll. Als Winterfeld so schnell und früh starb, erfaßte Traube, der damals schon selbst an einer unheilbaren Krankheit litt, eine tiefe, schmerzliche Erregung und Melancholie über den Hingang des Freundes, dem seine ganze Liebe gehört hatte und dem er wenige Jahre darauf im Tode nachfolgte. M. H. ver KMsverein der Deutschen Zuden Seine Tätigkeit und seine Aufgaben Der Hilfsverein der Deutschen Juden ist im Frühjahr 1901 begründet worden. Es wurde in ihm eine ständige, bei einrretenden Katastrophen sofort aktionsfähige Organisation an Stelle der bisher bei Notständen improvisierten Hilfskomitees geschaffen. Zugleich ist er die repräsentative neutrale Vertretung der deutschen Juden bei der Mitarbeit'an dem wirtschaftlichen und kulturellen Hilsswerk für die Juden Osteuropas und des Orients. Nach den russischen Pogromen (1903, 1905 und 1906), anläßlich der Ausschreitungen in Rumänien (1907) und während der Balkankriege (1912, 1913) hat der Hilssverein zusammen mit großen auherdeutschen jüdischen Organisationen in weitem Maße Hilfe leisten können. Seine Haupttätigkeit entfaltete der Hilfsverein jedoch auf dem Gebiete des Schulwesens und der Auswandererfürsorge. So unterhielt und subventionierte der Hilssverein vor dem Kriege an fünfzig Bildungsan st alten aller Art in der europäisch e n Türkei, Palästina, Bulgarien, Rumänien und Griechenland. Das Technikum in Haifa ist durch ihn begründet worden. Bis 1913 sind 200 000 Emigranten unter seiner Fürsorge durch Deutschland nach überseeischen Ländern ausgewandert. Mit Kriegsbeginn hat der Hilfsverein naturgemäß eine Umstellung seiner Arbeit vornehmen müssen und die Organisationen des Kriegs-Hilfswerks im deutschen Okkupationsgebiet in die Hand genommen. Wärmehallen, Volksküchen, Unterkunstsräume für Kranke usw. wurden errichtet. Sieben Millionen Reichsmark gab der Hilfsverein selbst von 1914 bis 1921 für Linderung der Notlage der Juden im Osten aus. Weitere große Summen kamen im Aufträge von ausländischen Organisationen und Privatpersonen durch seine Büros zur Verausgabung. Insgesamt sind von 1901 bis 1918 durch den Hilfsverein zur Linderung jüdischer Not und zur geistigen Förderung der jüdischen Jugend in Osteuropa rund 47 00 0 000 RM. verwandt worden. Nach Friedensschluß hat der Hilfsverein seine Tätigkeit wieder ausgenommen, insbesondere auf dem Gebiete der Auswandererfürsorge. Außer der Zentrale in Berlin bestehen Komitees in den Hafen st ädten Hamburg und Bremen, ferner üben Vertrauensleute des Hilfsvereins Auswandererfürsorge an den Grenzen und im Reiche, u. a. Eydtkuhnen, Königsberg i. Pr., Stentsch, Osnabrück, Bentheim aus. In den Jahren 1921 bis 27 gingen über den Schlesischen Bahnhof, Berlin, wo der Hilfsverein eine Fürsorgestelle organisiert hat, rund 136 000 jüdische Aus- und Rückwanderer, über Hamburg 36 700 Emigranten, über Bremen 11300 Emigranten, 7000 Personen wurde in der Zentrale Berlin eingehende individuelle Beratung und Fürsorge zuteil. Durch das „Korrespondenzblatt für jüdische Auswanderungsangelegenheiten" hält der Hilfsverein deutsche und außerdeutsche interessierte Kreise über Ein- und Auswanderungsverhältnisse informiert. Von 1924 bis 1927 sind rund 450 000 RM. für Auswandererfürsorge aufgewandt worden. Für die Opfer der Hungerkatastrophe, die Rußland 1921/22 betroffen hat, gab der Hilfsverein Mittel her, die bei der Wiederaufrichtung jüdischer Ackerbaukolonien und für Beschaffung von Medikamenten Verwendung fanden. Er unterstützte ferner in den letzten Jahren Erziehungsanstalten und Waisenhäuser in Litauen und Polen und leistete bei elementaren Katastrophen Hilfe. Der Hilssverein hat auch die Erziehung und Unterbringung von Waisenkindern aus der Ukraine in Deutschland von 1922 an übernommen. Die Hilfsaktion für ausländische jüdische Studierende in Deutschland führt er seit 1924 durch; dank derselben konnten in den letzten Jahren mehrere hundert Hochschüler ihr Studium in Deutschland beenden. In den Jahren 1924 bis 1927 wurden für Uraine- und Studentenh i l f s w e r k rund 225 000 RM. ausgegeben. Seit etwa Jahresfrist geht nun der Hilfsverein daran, unseren Glaubensgenossen im Osten planmäßig und großzügig den veränderten Verhältnissen entsprechend Hilfe zu bringen. Dabei hat sich erfreulicherweise gezeigt, daß der Hilfsverein seine Popularität bei der jüdischen Bevölkerung Rußlands nicht eingebüßt hat; seine Bereitschaft, von neuem zu helfen, wird freudigst begrüßt. Im Aufträge des Hilfsvereins begaben sich im November 1926 Dr. Paul Nathan und Dr. Mark Wischnitzer zu einer jüdischen Kolonisationskonferenz in Moskau. Dr. Wischnitzer bereiste neuerdings die Kolonien. In den Grenzen der Sowjetrepubliken ist an Stelle der Auswanderung nach dem Westen und den überseeischen Ländern die Binnenwanderung getreten — ein Prozeß, der die einschneidende wirtschaftliche Umwälzung zum Ausdruck bringt, die die Juden durchmachen. Mit der Verstaatlichung von Handel und Gewerbe 0 HAUS DER QUALITÄTSST 0 F F E <j D I MÜNCHEN J KARLSPLATZ 5 N. STARK & Cie. < NÜRNBERG J LUITPOLDSTRASSE 11 J

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.