Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 9 (19.9.1927)
- Article
- Golem und Schem
- Date
- 1927-09-19
- Page
- Seite 279 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 279 von seinen schweren Tritten, manchmal ist es, als schwebe nur sein Schatten vorüber. Und dies Geheimnis bewegt die Gemüter: Am Sabbat ist der Golem unsichtbar. Niemand weiß, daß Rabbi Löw am Freitag bei heranbrechender Nacht den Schem aus dem Munde des Golems entfernt, damit auch er ruhe und die Heiligkeit des Ruhetages nicht verletzt werde. Die andere Variante sieht im Golem menschliche Züge: Er ist ehrgeizig, leicht reizbar, er sucht sich dem Bannkreise seines Schöpfers zu entziehen, er benutzt einen unbewachten Augenblick, oder die Vergeßlichkeit des Rabbi, um sich zu befreien. Sinnlos läßt er seine Kraft spielen, er rächt sich für empfangene Demütigungen, für die Fron, zu der man ihn zwang, er wütet gegen das Volk, zerstört die Shnagoge, er legt Feuer unter die Dächer... Doch es würde zu weit führen, allen Abwandlungen' des Mythos nachzugehen, welche Held in seinem Buche anzuführen weiß. Es sei hier nur noch erwähnt, wie verschieden man sich die Mechanik des Golems zu erklären suchte: Man hielt ihn ffr einen Menschen, andere für ein Gespenst, und nicht gering war die Zahl derer, die ihn für einen Automaten hielten, durch gut laufende Zahnräder in Bewegung gesetzt. Wie aber läßt es sich erklären, daß ein R a b b i ein Tonbild formt und es nach göttlichem Rezept durch Anhauchen oder Beschwörung belebt? Widerspricht das nicht dem Gesetz? Man beachte, daß der Golem nicht aus einem magischen Spieltrieb ersteht oder aus einer wiffenschastlich-technischen Experimentierluft. Was ohne Berücksichtigung der besonderen Umstände als äußerste Hybris erscheinen müßte — ist doch die Belebung des Golems eine Nachäffung des Schöpfungsaktes am sechsten Tage —, das ist entschuldbar in den Tagen höchster Not: Nur zum Helfer und Retter ist dieser Golem bestimmt; Übertritt er die Sendung, so hat ihn der Rabbi wieder leblos zu machen. Die Sage berichtet, daß Rabbi Löw, nachdem er den Schem aus dem Munde des wütenden Golems gerissen hatte, nie wieder eine Tongeftalt belebt hätte. Und auch die Möglichkeiten des weisen Rabbi sind begrenzt. Ihm gelingt es ja nur, Golem (d. h. Diesseitiges) und Schem (d. h. Jenseitiges) aneinanderzuheften, zeitweilig zur Berührung zu zwingen, aber nicht fortdauernd zu verbinden. Die Schöpfung des Golems ist nicht die Schöpfung des Menschen. Der Golem ist nicht der künstliche Mensch; denn ihm fehlt, was den Menschen auszeichnet von allen Werken der Schöpfung: die Sprache. Der Golem hat keine Intelligenz; was er tut, entspringt dem Hirn seines Schöpfers. Im Golem nistet kein Trieb, weder zum Guten, noch zum Bösen. Es liegt etwas Tragisches darin, daß der Golem, der nur durch den vollkommenen Weisen, durch jenen nämlich, der den unaussprechlichen Gottesnamen über die Lippen zu bringen vermag, an sich etwas Unvollkommenes, ein im Dinglichen begrenztes Stückwerk ist. Der Akt des Golemschöpfens kann darum kaum über den einer magischen Manipulation hinausgehen. Dieser Erkenntnis ist wohl eine weitere, weniger bekannte, doch um so interessantere Variante des Mythos zu verdanken. Diese nämlich sagt aus, daß der Golem nicht ein aus dem Anorganischen geformtes und von dem Organischen (dem Hauche als dem Mittler des Schems) belebtes Ding wäre, sondern ein Doppelgänger des Rabbi selber. Der Golem ist das gespaltete Ich Rabbi Löws, seine aus seinem Körper herausgetvetene Seele, welche in dämonischer Gestalt sichtbar und wahrnehmbar geworden ist, eben um die Mission des Helsens, des Reitens zu erfüllen. Held gliedert seinem Werke einen „Exkurs über den Doppelgänger" an und findet in ihm die tiefste Deutung des ganzen Problems. Wir müssen uns hier mit diesem Versuch, in großen Zügen den Gedankengängen des Werkes nachzugehen, begnügen und es dem einzelnen überlassen, in anschließender Lektüre des Buches seinen gesamten Gehalt, der zum Teil aus gänzlich neuem Material besteht, zu erfassen. So viel ist sicher, daß Hans Ludwig Held mit dieser Studie einen bedeutsamen Beitrag zur jüdischen Volkskunde geliefert hat, einen Markstein zur „Wissenschaft des Golems". Das Werk zeugt von einem erstaunlichen Wissen, einer riesigen Arbeitsleistung und einer begeisterten — und begeisternden — Hingabe an den schwierigen Stoff. Dies mögen dem Verfasser alle diejenigen danken, welchen die Sage vom Prager Golem mehr zu bedeuten hat als eine nur interessante und unterhaltende Historie. Ein Münchener Sebetbuch vor 100 Jahren Von Hauptlehrer A. Mannheimer in Dettelbach' Im Juli 1927 sind es just 100 Jahre, seitdem in München auf Kosten des „Administrators des ssreael. Cultus, Herrn Israel Hirsch Pappenheimer", ein Gebetbuch mit deutscher Übersetzung erschien. Es hat Quartform, gutes Papier, gefälligen Druck, hochdeutsche Übersetzung und ist über 500 Seiten stark. Der Titel lautet: Tägliche Gebete der Israeliten mit Einleitung und Anmerkungen, herausgegeben von Dr. Alexander Vehr. Auf Kosten des Herrn Israel Hirsch Pappenheimer, Administrator des israelitischen Cultus. Mit Sr. Königlichen Majestät allergnädigstem Privilegium. München 1827. Gedruckt ber> Ernst August Fleischmann. Deutsche Lebensu. Aussteuer-Versicherungs- Äktiengesellschaft in München Rindermarkt IO Gegründet von der Mündiener Rückversicherungs-Gesellschaft hervorgegangen a. d. Gisela-Verein,Lebens¬ und Aussteuer -Versicherungs-Anstalt a. G. Gegründet 1880 zeigt neue Wege in der Ansstener-Versicherung Rührige Mitarbeiter allerorts gesucht