Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 9 (19.9.1927)
- Article
- Die Kunst im Leben des Juden
- Date
- 1927-09-19
- Page
- Seite 278 (sequence 4)
- Language
- German
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278 Bayerische Israelitische Gemekndezertung Nr. 9 Nachbemerkung. Die vorstehenden Ausführungen werden sicherlich die Beachtung weiter Kreise finden. Sind doch Liebe und Verständnis für die in so mancher Familie noch vorhandenen Kultgerätschaften, an denen unsere Vorfahren mit inniger Freude hingen, vielfach neu erwacht, weiß man doch — nach einer Zeit mangelnden Verständnisses für unser Erbgut —, daß nicht nur die heilige Bestimmung der Gegenstände und die Pietät gegen vergangene Geschlechter ihre Hinterlassenschaft uns teuer machen, daß vielmehr auch kulturgeschichtlich und ästhetisch bedeutungsvolle Werke uns hier entgegentreten. So wäre es denn sehr wünschenswert, daß Gemeinden und Einzelpersonen, die Freude und Stolz an dem ihnen überkommenen Besitz empfinden, auch Verständnis für die Aufgabe der Inventarisation beweisen und sie fördern. Die „Gemeindezeitung" soll künftighin Abbildungen künstlerisch wertvoller Kultgegenftände auch ohne Begleitartikel veröffentlichen. Im übrigen besteht, worauf noch hingewiesen sei, die Aussicht, daß in der nächsten Zeit in München eine Ausstellung von religiösen Kunstwerken veranstaltet wird, über die Mitteilung erfolgt. L.Baerwald. 6olem und Schem Von Manfred Sturmann Um das Golem-Problem ist viel geschrieben und gefabelt worden. Dichter versuchten sich daran, — ich erinnere an Meyrincks Roman, an Holitschers Drama und an eine jüngst zur ersten Aufführung gelangten Golem-Oper — angezogen von dem abenteuerlichen Halbdunkel dieser Sage, an der die Phantasie ungemessenen Spielraum fand. Man bemühte sich, den alten Stoff zu beleben, vielleicht auch zu Leuten, in mannigfacher Absicht und mit mannigfachem Erfolge. Niemand aber hat es bisher auf sich genommen, den gesamten vorhandenen Stoff zu sammeln und zu ordnen, nach der Geschichte dieses Mythos zu forschen und die Wesentlichkeit desGolems zu erweisen. Darum ist es zu begrüßen, daß Hans Ludwig Held mit seinem soeben erschienenen Buche „Das Gespenst des Golem"^ den Ertrag jahrelanger Forscherarbeit der Öffentlichkeit übergibt und erstmalig von wissenschaftlicher Seite her das Golem-Problem durchleuchtet. Held gelangt zu bemerkenswerten Schlüssen, seine „Studie aus der hebräischen Mystik" gewährt einen tiefen Einblick in die Psychologie des jüdischen Volkes und seiner Rabbonim. Es soll hier vorangeschickt sein, daß Helds Werk, nach seinen eigenen Worten, nur die Deutung des Problems erstreben kann; denn eine Lösung wird wohl nie zu erlangen sein. Es handelt sich hier um einen Mythos, welcher nicht durch die Geschichte kontrollierbar ist; um einen Sagenkreis, der sich sowohl in der Realität als in der symbolischen Vorftellungswelt bewegt, und der zu sehr an religiöse Erkenntnisse gebunden ist, als daß er durch logische Schlüsse meßbar und wägbar wäre. Die Volkskunde (denn die Frage des Golems wird zugleich eine Frage der jüdischen Volkskunde sein) bewegt sich „vom Zentralen ihrer Erscheinung bis in die Unendlichkeit ihrer periphären Vorstellung in einer Tatsachenwelt, die den modernen Erfahrungen der Antropologie z. B. oder denen der gegenwärtigen Schul-Psychologie so ausschließlich widerspricht, daß ohne Übertreibung davon gesprochen werden kann, daß die volkskundliche Deutung sich zu diesen Erfahrungen in einem Gegensatz wie etwa Zauberei und Religion befindet". (Held.) So sehr der Golem-Mythos an die Sphäre des Prager Ghettos gebunden zu sein scheint, an die Gestalt des Hoch Rabbi Löw, an den uralten Bau der berühmten Altneusynagoge — so 1 Hans Ludwig Held, Das Gespenst des Golem. Allgemeine Verlagsanstalt, München 1927. wenig ist es nachzuweisen, daß er von hier aus seinen Ausgang nahm. Die Idee des Golems, nämlich einen Tonkörper, eine Substanz, der unorganischen Welt angehörig (oder einen bereits gestorbenen organischen Körper) unter ganz bestimmten Voraussetzungen zu beleben, ist weit älter als die Prager Legende, welche erst mit dem ausgehenden Mittelalter entstanden ist. Held deutet auf eine Stelle des jerusalemischen Talmuds hin, an welcher berichtet wird, daß Iehoschua ben Hananjah von sich behauptet hätte, er könnte aus Pflanzen und Früchten Hirsche und Rehböcke schaffen — und auf jene Legende, nach der kein Geringerer als Maimonides versucht hätte, den zerstückelten Leichnam feines Lieblingsschülers unter einem Glassturz zu beleben. „Es liegt sogar nahe, anzunehmen, daß die Gestalt des Golems aus einer mythologischen Vorstellungsreihe stammt, die als menschliches Gemeingut in den Schöpfungsmythen der verschiedenen Völker und zu den verschiedensten Zeiten wiederkehrt; die jedoch ihre unzweifelhaft vollkommenste Darstellung im hebräischen Mythos gefunden hat." (Held.) Sicherlich hat dieser Mythos feine klassische Darstellung in Prag erfahren; denn hier erst gewinnt die Sage ihren festen Umriß: Der weise Rabbi Löw, dem nicht nur letztes jüdisches Wissen, sondern auch große Gelehrsamkeit in weltlichen Dingen (Astronomie, Physik, Chemie usw.) nachgerühmt wird, bildet in den Tagen der Not, da Hetzer die Juden bei Kaiser Rudolf verleumden, eine übermannsgroße Lehmgeftalt und verleiht ihr durch den „Schem" und die Nennung des geheimnisvollen zweiundsiebzigbuchstabigen Gottesnamens Leben. Diesen belebten Tonkörper nennt der Rabbi „Golem"'. Die Überlieferung widerspricht sich zuweilen: So ist dieser Golem bald ein Retter und Schützer der Prager Iudenheit, bald ein maßloser, zürnender Dämon, der mächtiger wird als der Schöpfer selbst und viel Unheil anrichtet in der Gemeinde. Uneigennützig wäre dieser Halbmensch, so erzählt die Sage, schweigsam, man erblickt in ihm den Abgesandten eines hilfsbereiten Propheten. Der Golem leistet jede Arbeit, seine Kräfte vermögen Unmögliches zu vollbringen, bald ist er nichts als der Synagogendiener, bald drängt er die wütenden Pöbelmassen vom Ghettogitter zurück. Niemand weiß Genaues von ihm. Manchmal dröhnen die engen Gassen 2 golam — Ungestaltetes, Formloses (in übertragener Bedeutung: Embryo). Verwendet die lelegramm-Aatz-formtilare des Israelitischen franen-vereins le. 10.) von 1830!