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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1927-09-19 · 9 (19.9.1927) · p. Seite 274

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
3 (1927)
Issue
9 (19.9.1927)
Article
Der Blick auf das Weltganze
Date
1927-09-19
Page
Seite 274 (sequence 2)
Language
German
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274 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 9 Weltganze vergangen hat. Somit sind die Gedanken der Buße und Reue, die am Rosch haschonoh einen so großen Raum einnehmen, eigentlich sekundärer Art. Die primäre Quelle, aus der sich die bußfertige Stimmung erst ergibt, ist der Gedanke der Weltschöpfung, der Weltzukunft und der Verantwortlichkeit des Menschen für die Welt. Es bedarf keiner langen Ausführungen um zu beweisen, daß dieser altjüdische Rosch haschonoh-Gedanke für unsere Gegenwart besondere Aktualität besitzt. Denn er ist geeignet, eine Neuordnung der Welt zu fördern, die sich bereits, wie wir überzeugt sind, zu vollziehen begonnen hat. Die schmerzvollen Erfahrungen, welche die Menschheit in den letzten dreizehn Jahren gemacht hat, und an denen wir Juden einen besonderen Anteil nehmen mußten, haben unsere alte Sehnsucht nach tikun hoolom neu belebt. Es scheint, als ob die Menschheit nach langen Irrungen wieder einmal im Begriffe ist. einen Schritt vorwärts diesem Ziele entgegen zu tun. Wenn auch die Bemühungen um Verständigung unter den Völkern und Ausgleich ihrer Interessen nicht überall von religiösen Imperativen ausgehen, so dürfen wir Juden sie doch als Etappen auf dem von unseren Propheten vorgezeichnetem Wege freudig begrüßen. Die Welt ist zu eng und die Menschheit zu zahlreich geworden, als daß man sich noch länger den Luxus leisten könnte, dem gedankenlosen Egoismus der Einzelnen sowie der Staaten und Völker seinen Lauf zu lassen. Schon hört man vielfach die Mahnung einsichtsvoller Menschen, man solle sich daran gewöhnen, nicht mehr in Ländern, sondern in Kontinenten zu denken. Freilich entsprechen die Taten der maßgebenden Politiker und Wirtschaftsführer nicht immer dieser Forderung. Der Grund hiefür liegt wohl darin, daß der Blick auf das Weltganze noch immer überwiegend von Motiven der Nützlichkeit geleitet wird und die großen religiösen Ideen zu sehr im Hintergrund bleiben. Umso mehr müssen wir andern und insbesondere wir Juden den Widerständen gegen die Verwirklichung unserer Hoffnung die ganze Kraft des religiösen Weltgedankens entgegensetzen. Dazu gehört allerdings auch, daß wir in unserem kleinen jüdischen Lebenskreise die Verwirklichung des Geistes der Eintracht und der Verantwortlichkeit für die Gesamtheit mit noch größerer Entschlossenheit anftreben als bisher. Die „Neuordnung der Welt" kann nicht einfach durch Gesetze diktiert werden, sie muß aus dem Geiste der Familien und der kleineren Gruppen entspringen und so allmählich das Ganze der Welt ergreifen. In unserer Hand liegt es, ob uns das neue Jahr der „Herrschaft des Höchsten" in der Gestaltung der Welt näherbringt. In diesem Bewußtsein wollen wir am Tage des Gedenkens auf das Weltall blicken, das von seinem Schöpfer geprüft und gerichtet wird. Rn die deutschen luden! Die bedeutsame Zeit des jüdischen Jahres steht vor der Tür. Rosch Haschonoh und Jom Hakippurim rufen zum Gotteshause und zu stiller Feier in den jüdischen Häusern. Aber ihr Aufruf zur Besinnung, zur Einkehr und Umkehr findet in unserer Mitte nicht mehr überall Gehör. Mancher ist gleichgültig, mancher ist seinen Brüdern und dem Gott seiner Väter fremd geworden. Andere sind unter der Last der Arbeit erdrückt. Die Zeit scheint dahin zu sein, da die geschlossenen Geschäfte der jüdischen Kaufleute an Sabbathen und Festtagen, am Rosch Haschonoh und Jom Hakippurim ein stummes aber eindringliches Bekenntnis zu Gott und zum Judentum vor aller Welt ablegten. Aus dieser Unfähigkeit, unsere heiligen Tage zu feiern, sprechen Not und Druck der jüdischen Seele. Unsere Verantwortung, unsere Sorge bewegt uns deutsche Rabbiner zu einem ernsten Wort an die deutschen Juden. Genug des Leids, daß so vielen von uns der Sabbath, dieser Quellpunkt unseres Familienlebens, die Wurzel der edelsten Tugenden unserer Gemeinschaft, der Tag unserer Seele, das Wahrzeichen unseres Glaubens, verloren gegangen ist. Sollen nun auch die ehrfurchtgebietenden Tage dem Materialismus mehr und mehr zum Opfer fallen? Die „Tage der Umkehr" nahen. Möchte ein jeder den Willen und den Weg finden, die heiligen Tage ganz und ungeschmälert zu feiern. Möchte jeder jüdische Geschäftsinhaber seine Angestellten von jeder Arbeit an den hohen Tagen befreien. Möchten die Treuesten der Treuen, denen es ein tiefes Bedürfnis ihres Herzens ist, der religiösen Pflicht gemäß Sabbathe und Feste zu feiern, weitherziges Verständnis bei allen in Betracht kommenden jüdischen Persönlichkeiten finden. Euch alle aber bitten wir: Setzt alles daran, daß unsere Ruhe- und Festtage unserer jüdischen Gemeinschaft erhalten bleiben. Die Treue zum Judentum fordert Opfer. Aber ihr Lohn ist eine Ruhe des Gewissens, das Bewußtsein treu erfüllter Pflicht, die Festigung und Erhöhung des Judentums. Im Geiste eng mit Euch allen verbunden, wünschen wir Euch den Segen der heiligen Tage. „Möge alle Sorge von Euch weichen; die Freude an Gott bleibe die Quelle Eurer Kraft!" Der Vorstand des Rabbinerverbandes in Deutschland. Der Vorstand des Rabbinerverbandes in Deutschland. Möge vorstehender Aufruf des Allgemeinen Deutschen Rabbinerverbandes auch in unserer Gemeinde ernste Beachtung und Würdigung finden. Rabbinat der Israelitischen Kultusgemeinde München. Baerwald. HAUS DER QUALITÄTSSTOFFE N. STARK & Cil MÜNCHEN KAR LS PLATZ 5 >• NÜRNBERG „ LUITPOLDSTRASSE 11 '

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