Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 9 (19.9.1927)
- Article
- Inhalt
- Date
- 1927-09-19
- Page
- Seite 273 (sequence 1)
- Language
- German
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Rachrichtenblatt öer Israelitischen KultuSgemeinüe in München unö öes Verbanöes Bayerischer Israelitischer Gemeinöen Vagerische Israelitische Gemeinüezeitung Erscheint am Ansang jeöen Monats. — Verlag: S. Heller, München, Bezugspreis für nicht eingewiesene Bezieher: Mark 4.— für öas Herzog Marstraße 4/Kernsprecher-Zopp, Postscheckkonto Nr. Z-S7 München. Jahr. Anzeigenpreis: Oie 4gespaltene non»-Feile 40 Pfennige, hchristleitung:Är. Lugen vchmiöt, Rechtsanwalt in München, Karlstraste ck. Kamilienanzeigen, Stellengesuche unö ähnliche Angebote 1J Pfennige. München, 15. September Kr.p Inhalt: Der Blick auf das Weltganze — An die deutschen Juden! — Die Kunst im Leben des Juden — Golem und Schern — Ein Münchener Gebetbuch vor 100 Jahren — Erklärung — Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden — Mehrwert eines jüdischen Friedhofes —> Aus dem Verbände — Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern — Aus der Gemeinde — Bücherschau — Vereine —■ Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachungen des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden: Bekanntmachung über Ersatzwahl — Bekanntmachung über die Erweiterung des Gebietes der Israelitischen Kultusgemeinden Amberg, Binswangen und Vuttenwiesen — Bekanntmachung über die Änderung der Oberpolizeilichen Vorschriften über die Leichenschau und die Zeit der Beerdigung — Bekanntmachung über Mustersatzungen für die Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern — Bekanntmachungen der Israelitischen Kultusgemeinde München: Bekanntmachung über Ersatzwahl — Bekanntmachung betr. Filialgottesdienst an den hohen Feiertagen, Vermietung von Synagogenbetstühlen — Bekanntmachung betr. Glückwunschablösung 1927 — Bekanntmachung über die Einrichtung einer Garderobe in der Hauptsynagoge — Personalia — Kalendarium. Der Blick au! das Wellganze Eine Rosch haschonoh-Betrachtung vc In einer alten Überlieferung unserer Weisen heißt es, der erste Schöpfungstag der Welt sei ein Rosch haschonoh gewesen. Im Sinne dieser Auffassung beschäftigen sich die Gebete des Neujahrsfestes immer wieder mit den großen Fragen der Weltschöpfung und des Weltganzen. Attoh socher maaße olom - „Du gedenkst des Werkes der Welt", so wenden wir uns im Mußafgebet zu Gott. Wir fühlen mit bebendem Herzen den prüfenden, richtenden Blick, den Gott auf seine Welt an ihrem SchLpfungstage wendet; und unter der Wirkung dieses Gefühles erweitert sich auch unser eigener Blick von den kleinen Dingen unseres Alltags zu der Höhe des Weltganzen und der Gottesherrschaft. „Alles, was Odem hat, spreche: „Der Ewige, der Gott Israels, ist König und sein Reich herrscht über das All." Die Betrachtung des Weltalls unter dem religiösen Gesichtspunkte ist das bedeutsamste Thema von Rosch haschonoh. Die metaphysische Sehnsucht nach Erforschung des Weltganzen wurzelt ja tief in der menschlichen Natur. Die erste Frage der alten griechischen Philosophen war die Frage nach dem Urgründe der Welt, nach dem „Wahrhaft Seienden". Bis zum Ausgange des Mittelalters blieb dies das Thema aller Philosophie, ob sie nun von religiösen Voraussetzungen ausging oder nicht: Was ist der tiefste Grund und die letzte Erklärung für den Zusammenhang und die Ordnung der Welt? Erft die Philosophie der Neuzeit hat sich allmählich von dieser Fragestellung, die den Rahmen des Erkennbaren sprengen wollte, losgelöst und sich mit bescheideneren Problemen begnügt: Welches sind die Mittel des menschlichen Erkennens, um den Ablauf des Weltgeschehens zu erforschen; welchen Platz hat der Mensch in diesem Geschehen und welche Aufgaben? Die Frage verschiebt sich von der Metaphysik auf Psychologie und Ethik, vom Sein der Welt auf das G e - Rabbiner Dr. R ü l f (Bamberg). s ch e h e n in der Welt. Nicht, was die Welt im letzten Grunde ist, sondern was sie für uns Menschen bedeutet, steht jetzt im Vordergrund des Interesses. In dieser Hinsicht ist eigentlich das Judentum immer modern gewesen. Es hat sich nie lange dabei aufgehalten, über das Sein der Welt zu grübeln und metaphysische Betrachtungen anzustellen, sondern es hat, vom ethisch-religiösen Standpunkte ausgehend, das Geschehen betrachtet und bewertet und die Frage etwa so gestellt: Was soll in der Welt geschehen nach dem Willen ihres Schöpfers? Welche Pflichten hat die Menschheit und jeder einzelne Mensch unter dem Aspekt des Weltganzen? So werden im Talmud eine Reihe von hochgespannten sittlichen Forderungen ausgestellt mit der ausdrücklichen Begründung, sie feien gegeben worden mipne tikun hoolom, d. h. wegen der Ordnung der Welt, oder auch: damit die Welt bestehen kann. Und ein gedankentiefes Wort des Talmuds sagt: „Jeder einzelne Mensch ist verpflichtet zu sagen, um meinetwillen ist die Welt geschaffen worden." Dies soll natürlich nicht etwa heißen, daß jeder Mensch sich selbstherrlich als den Mittelpunkt der Welt betrachten dürfe, sondern, daß jeder Mensch mitverantwortlich ist für das, was in der Welt, die ja s e i n e Welt ist, geschieht. Von dieser Grundidee des Judentums aus verstehen wir es, daß am Rosch haschonoh als dem Schöpfungstage die Sorge um das Gedeihen und die Zukunft der Welt immer wiederkehrt. Das Gebet mit jener erhabenen Hoffnung, „daß der Wahn von der Erde schwinde und die Welt begründet werde in der Herrschaft des Höchsten", ist der Höhepunkt des Neujahrsfestes. Der Jude soll es sich in die Seele einprägen, daß er für die Erreichung dieses Zieles mit aller Kraft Mitarbeiten soll. Und er soll sich zugleich bewußt werden, daß er durch seine Fehler und Sünden das Kommen jener meffianischen Zeit verzögert und sich somit gegen das