Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 8 (24.8.1927)
- Article
- Bundestagung der Kameraden
- Date
- 1927-08-24
- Page
- Seite 257 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 257 zahl junger jüdischer Menschen, die dem Geiste der deutschen Jugendbewegung verbunden und von jüdischem Willen erfüllt sind, unabhängig von allen Parteieinflüssen den Weg des Deutschjuden beschreiten und das darin enthaltene Problem mit und in ihrer eigenen Person zu lösen suchen. Die Offenheit und der Ernst ihres Meinungsaustauschs hierbei macht ihre Tagungen zu einem besonders charakteristischen Ausdruck der Lage und Gesinnungl. Zum Bericht von der Tagung scheint es zweckmäßig, die einzelnen Tage rückwärts zu verfolgen. Am letzten Tage wurden Bundesfragen besprochen, deren allgemeine Bedeutung darin liegt, daß mit der näheren Bestimmung des Kreises unserer Mitglieder auch die Zugehörigkeit der deutschen Juden zu den jüdischen Parteien grundsätzlich und neu gewürdigt worden ist. Unser Bund, der aus einem deutsch-jüdischen Wanderbund stammt und sich auch bewußt als deutsch-jüdisch fühlt, hat beschlossen, daß die Bezeichnung als Zionist oder die Tatsache der Zugehörigkeit zur zionistischen Partei der Zugehörigkeit zu unserem Bunde nicht im Wege steht. Wer unsere übrigen hündischen Voraussetzungen erfüllt, kann auch als Zionist bei uns sein, wenn er Deutschland als Heimat und Vaterland empfindet und seine jüdische Arbeit in Deutschland nicht lediglich auf Palästina einstellt, sondern sie im Bewußtsein des Eigenwertes deutsch-jüdischer Arbeit für das Judentum leistet. Die Entwicklung im Zionismus geht unseres Erachtens immer mehr dahin, anstelle der Ausschließlichkeit der Pro-Palästina-Arbeit die Notwendigkeit der selbständigen und auch in sich allein begründeten Galuth-Arbeit im Dienste des Judentums anzuerkennen. Diese wertvollen jüdischen Kräfte haben mit uns für die deutsch-jüdische Zukunft zu arbeiten, die nach ihrem Wollen auch die ihre ist. Anderseits sind wir uns längst darüber einig, daß die Mitarbeit am Ausbauwerke in Palästina keinen Gegensatz zu unserer deutsch-jüdischen Richtung bedeutet. Wenn wir auch von Bundeswegen keinen Anlaß haben, zur Palästina-Arbeit Stellung zu nehmen, sind wir doch wohl ausnahmslos der Meinung, daß jenes Aufbauwerk die Hilfe jedes deutschen Juden beanspruchen darf. Von hier aus gesehen, sind die Begriffe „Zionismus" und „jüdische Nation" in ihrer heutigen Vieldeutigkeit zur Abgrenzung gegen das Deutschjudentum nicht mehr geeignet. Wir haben daher gegenüber dem Zionismus unsere Grenze vorverlegt, anderseits sie aber gegenüber der einseitig und ausschließlich auf Palästina gerichteten Judenheit verschärft. Beides dient dem Interesse des Judentums. Je schärfer der Abstand erkennbar wird, um so klarer die Scheidung, um so sachlicher die Austragung der Meinungen, aber auch um so leichter die Brücke von einem zum anderen Ufer, die die Grenze unberührt läßt, aber den Zugang von Mensch zu Mensch erleichtert. Manche uns unbegreifliche Formen des Parteikampfes in Zeitungen. Versammlungen, Gemeindekörperschaften und auch im Preußischen Landesverband Jüdischer Gemeinden werden in der Folge solcher Grundeinstellung unmöglich sein, eine gewiß begrüßenswerte Nebenwirkung eines sachlichen Fortschrittes. Den Sabbat leiteten wir mit unserem eigenen Gottesdienst im Logentempel des Dessauer Gemeindehauses ein. Der Gottesdienst in unserem kleinen Kreise, seit mehreren Jahren herausgebildet. will kein Vorbild seinem Inhalt nach geben, sondern benutzt die Kräfte der Gemeinschaft, um möglichst alle Teilnehmer zu tätiger und sinnvoller Mitwirkung zu befähigen und somit in unserer an 1 Vgl. die gedruckten Protokolle von der Oberhofer Bundestagung im Jahre 1924. wahrer Religiosität armer Zeit an Stelle der bestellten Funktionäre wieder die ganze Gemeinde zur Trägerin des Gottesdienstes zu machen. Daher ist uns wichtiger als äußere Schönheit der Andacht die innere Teilnahme der Gemeinde. An Stelle des schön singenden Chors tritt der Gemeindegesang, der Kantor ist in erster Linie Beter, in letzter erst Sänger, die Gemeinde nicht zum Hören, sondern zum Handeln da. Der sinnvolleren Gestaltung des Gottesdienstes dient die Streichung von manchen Wiederholungen in der Gebetfolge. Im übrigen bestand unsere gemeinsame Beschäftigung am Sabbat in der Lektüre von Bibelstellen in der neuen Übertragung von Buber und Rosenzweig. Auf einen einleitenden Vortrag am Freitag abend folgte am Sonnabend vormittag und nachmittag die Arbeitsgemeinschaft an der Hand des Bibelwortes. Ihrer ganz und aar aufs praktische eingestellten Art entspricht es, daß sie sich in Kürze nicht schildern läßt. Sie bereicherte uns nicht nur an Wissen, sondern vermittelte auch die Bedeutung des neuen Übertragungswerkes. Die Bibelübertraaung von Martin Buber und J^ranz Rosenzweig ist nach dem Willen ihrer Schöpfer nicht dazu bestimmt, die hebräische Bibel zu ersetzen, sondern soll den Zugang zu ihr erleichtern, indem sie uns der hebräischen Sprache nur wenig Kundigen mit dem deutschen Wort Eingang in den Sinn der Ursprache verschaffen will. Das gelingt ihr meisterhaft; immer wieder stehen wir voller Staunen vor Bildern, die wir in der Abgenutztheit der überlieferten üblichen Übersetzung nicht mehr gewürdigt haben, deren Sinn uns jetzt erst neu aufgeht. Bei dieser Betrachtungsweise geht unvermittelt nebenher, daß wir die Bibel nun nicht mehr bloß philologisch und bibelkritisch oder künstlerisch betrachten, sondern sie wieder als das lebendige Wort ihres Schöpfers zu uns sprechen lassen. Der erste Tagungstag brachte Referate über den Preußischen Landesverband und die Gemeindearbeit, über die Liberalen, den Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und Re Zionisten. Referenten, die in diesen Organisationen und Parteien selbst tätig sind und unserem Kreise anaehören oder nahestehen — Rudolf Stahl. Arthur Lilienthal. Ernst Heinrich Seligsohn, Martin Goldner, Erich Hirschberg —, setzten in nüchterner, einfacher Schilderung die dortigen Arbeitsmöglichkeiten auseinander, die sich etwa fiir uns ergeben. Dieser ganz aufs praktische gerichtete Auftakt der ganzen Tagung hat charakteristische Bedeutung: Wir erwarten von jedem von uns. der nur irgend für derartige Kleinarbeit geeignet ist. daß er sich solche Arbeitsgebiete sucht, weil es an der Zeit ist, daß in den bestehenden Varteien und Organisationen durch Aufnahme jugendlicher Kräfte an entscheidende Stelle den veränderten Zeiten und Geswungen Rechnung getragen wird. Wir Älteren der Jugendbewegung fühlen die Verpflichtung, nicht bloß die Probleme zu bereden, sondern auch die nüchterne Mitarbeit in der Wirklichkeit auf uns zu nehmen. Ein Referat des als Gast bei uns weilenden Dr. Georg Lubinski über die gemeinsamen Arbeitsmöglichkeiten der Jugend auf jüdisch-sozialem Gebiet ergänzte das von uns gewiesene Aufgabengebiet. Einen Tag verbrachte man — frei von aller Tagesarbeit — im schönen Park ovn Wörlitz, ein Abend brachte einen Vortrag, durch den der Gemeindeöffentlichkeit das Wesentliche unseres Bundeszieles nahegebracht wurde. gez. Erich H i r s ch b e r g. Jüdisches kammerorchesier. Während der Ferien finden keine Proben statt. Nächste Probe am 7. September. ZUBERBÜHLER’S WINTERGARTEN Theatinerstrasse 16 / Fernsprecher Nr. 91285 Eingang Passage: Modehaus Krell Ucko Täglich von 4-6 Uhr Nachmittagskonzerte Abends S1/2 Uhr Künstlerische Darbietungen mit Tanz ELITE-TANZ-ORCHESTER Kein Weinzwang