Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1927-08-24 · 8 (24.8.1927) · p. Seite 254

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
3 (1927)
Issue
8 (24.8.1927)
Article
Albert Landauer zum Gedächtnis
Date
1927-08-24
Page
Seite 254 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2727810-2727836-2727845-2731773--02315-2731835
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

254 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 8 Albert Landauer zum Gedächtnis Worte, gesprochen an seiner Bahre am 26. Juli 1927 von dem Vorsitzenden der Gemeinde, Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer. r«; Die Israelitische Kultusgemeinde München bringt ihrem Ehrenbürger den letzten Gruß. Mit tiefer Betrübnis haben wir in den letzten Wochen wahrgenommen, wie die körperlichen Kräfte des Heimgegangenen sich vermindert haben. Wir wollten ihn veranlassen, in die alte geliebte Heimat nach Krumbach in die Ferien zu gehen, er hielt aber an der von lange her festgesetzten Urlaubsordnung fest, und mit eiserner Pflichterfüllung hat er bis zum letzten Tage feine Obliegenheiten erfüllt. Als er nun an dem vereinbarten Tage, umgeben von der treuen Fürsorge seiner Angehörigen, in Urlaub ging, waren seine Gedanken noch ganz auf die Arbeit gerichtet. Am 21. Juli hielt sein starker Geist noch gegenüber dem Verfall der Kräfte stand und er schrieb mit festen, sicheren Zügen in einer Wohlfahrtsangelegenheit uns eine Karte, in der er in klarer, umsichtiger Weise seine Anordnungen traf. Und nur wenige Tage darauf ist er verschieden. Schmerz und Leid, Liebe und Bewunderung dringen in gleicher Weise auf uns ein, und es wird uns schwer, ein Bild von der Tätigkeit des Verstorbenen zu entwerfen. Ich selbst habe in ihm einen väterlichen Freund verloren. Vor Jahren hat er mich zur Mitwirkung bei der gemeindlichen Arbeit gerufen. Albert Landauer ist am 1. Mai 1890 in den Dienst der Gemeinde getreten. Es war die Zeit, da das neue prächtige Gotteshaus an der Herzog-Max-Stratze entstanden ist. Landauer war Vorsitzender der Synagogenkommission. Durch Jahrzehnte hindurch hat er den maßgebenden Einfluß auf die Ausgestaltung des Gottesdienstes .ausgeübt. Mit Stolz und Freude sah ihn die Gemeinde den Ehrendienst in der Synagoge versehen. Landauer war Vorsitzender der Wohltätigkeits- und Waisenstiftung. Er verfolgte hier eine besondere Politik. Wenn die öffentlichen Mittel nicht ausreichend waren, gab er aus seinem Vermögen, soweit es nur möglich war; weitere Kreise wußten es nicht und durften es nicht wissen. Der Verewigte war Schöpfer und Leiter des Pensionats, des Altersheimes für den Mittelstand. Mit seinem ganzen Herzblut ist er an dieser Anstalt gehangen, auch die kleinste Angelegenheit ist durch seine Hände gegangen. Während ihm selbst an seinem Lebensabend wirtschaftliche Sorgen nicht erspart blieben, hat er seine Altersgenossen vor diesen Sorgen bewahrt und ihnen einen friedlichen Lebensabend gewährleistet. Landauer stand an der Spitze der Friedhofverwaltung der Gemeinde. In seine Amtszeit fällt die Errichtung des neuen Friedhofes an der Ungererstraße. Viele Jahre hat er wohl jeder Beerdigung beigewohnt und nach dem frommen Brauche der Väter den Toten den letzten Liebesdienst geleistet. Landauer war der Beauftragte des Krankenhauses und des Schwesternheims. Er war Mitglied des Finanz- und Stiftungsausschusses und des Ritualausschusses, Vorsitzender des Aussteuervereins. Wir können die Obliegenheiten nicht alle aufzählen; er hat das ganze gemeindliche Leben mit seinem Wirken befruchtet. Im Mittelpunkt aber stand die Tätigkeit in den Kollegien der Gemeinde. Hier lauschte alles gespannt auf seinen klugen Rat und sein einsichtiges Urteil. Er war das Finanzgewissen der Gemeinde. Wenn es seiner Überzeugung entsprach, trat er mutig der gesamten Verwaltung entgegen. Alle Parteien härten aus ihn und achteten seine Stellungnahme. Sein nie versiegender Humor war imstande, die schwierigsten Fragen zu lösen und bedenkliche Situationen zu retten. So erhebt sich die bange Frage, wie dieser Mann zu ersetzen ist. Nach einer Richtung steht es fest, daß er nie ersetzt werden kann. Er war geradezu die Verkörperung der Gemeinde. Er kannte jedermann. Von früh bis spät am Abend im Dienste der Gemeinde, kamen alle die zu ihm, die Rat und Hilfe suchten; er hat die lebendige Vermittlung hergestellt zwischen der Gemeinde und ihren Angehörigen. Mit seinem verewigten Freunde Nußbaum war er der letzte, der diese Aufgaben in der Gemeinde zu lösen vermochte. So war es verständlich, daß am 75. Geburtstage des Mannes die ganze Gemeinde sich drängte, ihre Liebe und Verehrung ihm zu beweisen. Wir haben ein frohes Fest mit ihm gefeiert und ihm die höchste Auszeichnung verliehen, die eine Gemeinde einem Angehörigen verleihen kann, das Recht der Ehrenbürgerschaft. Wenn wir das Wirken des Mannes so im ganzen überschauen, so tritt vor unser Auge die Gestalt des großen deutschen Dichters, die er von dem jüdischen Patriarchen gezeichnet hat. Wie Nathan ist der Verewigte durch die bittere Schule des Leids gegangen; sie hat ihn geläutert und zum höchsten sittlichen Werte des Lebens erhoben. Voll Weisheit und Güte, Erfahrung und Einsicht ist er den Menschen entgegengetreten, nur aus ihr Wohl und ihre Hilfe bedacht. Und darüber war der goldene Humor gelegen, der ihn unabhängig gezeigt hat von allen irdischen Hemmungen. Er hat uns den Glauben gegeben, daß die Gestalt des großen Dichters auch heute noch in unserer Gemeinschaft zu fin- Es war ein ergreifendes Bild, als gestern nachmittags in Krumbach die Kinder der Ferienkolonie, die mit sein eigenstes Werk gewesen ist, sich um die Bahre des Verblichenen geschart haben. Da ist uns der Mann, dem selbst der Segen der Kinder versagt geblieben ist, als Vater dieser Kinder erschienen. So wird der Verewigte fortleben für alle Zeiten als der Vater unserer Gemeinde. Möge sein Andenken in uns gesegnet sein!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.