Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 8 (24.8.1927)
- Article
- Fürsorge für jugendliche Psychopathen
- Date
- 1927-08-24
- Page
- Seite 250 (sequence 2)
- Language
- German
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250 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 8 anstalten Deutschlands erhoben worden, und auch der Verein „Beelitz" hat sich mit der Frage der Errichtung eines solchen Heims des öfteren beschäftigt. Es stehen aber der Schaffung eines Heims in der heutigen Zeit Schwierigkeiten entgegen; einerseits fehlt es an Geld zur Begründung, vor allem aber fehlt es an geeigneten Erzieher-Persönlich-- ketten. Sawady empfahl daher vorläufig die Errichtung von Erziehungsberatungsstellen, an welche Kinderhorte anzufchliehen wären. Solche Beratungsstellen sind mit oder ohne Heim notwendig: Dies beweist am eindringlichsten der vor kurzem erschienene Bericht der jüdischen KinderhilseL die in ihrem heilpädagogischen Ambulatorium in der Zeit von 1923—25 in 89 Sprechstunden und 287 Konsultattonen 116 Kinder beraten und behandelt hat. (Siehe auch Nachrichtendienst der Zentralwohlfahrtsstelle August bis Oktober 1926, Seite 5.) Die Aufgaben dieser Beratungsstellen sind nicht nur die Beratung der Eltern, die Verbindung mit der Schule und die Beobachtung und Beeinflussung der Kinder, sondern auch die gutachtliche Äußerung, falls intensivere Erziehungsmaßnahmen, z. B. ein Umgebungswechsel, erforderlich sind. Die wichttgste Aufgabe der Beratungsstelle aber ist und bleibt die ständige Verbindung mit den Eltern. Neben der psychotherapeutischen Tätigkeit hat die Beratungsstelle auch die Aufgabe der Sammlung wichtigen Materials, das Beratungs- und Wohlfahrtsstellen sich gegenseitig zur Kenntnis dringen sollen. Die Beratung hat nach der Meinung Sawadys auszugehen: 1. von dem Psychiater, dem ein Kinderarzt zur Seite stehen muß, 2. von dem Heilpädagogen und 3. von der heilpädagogisch ausgebildeten Fürsorgerin. Alle drei müssen Hand in Hand arbeiten und sich gegenseitig beraten und ergänzen. In der Diskussion über dieses Referat wies vor allem Rabbiner Dr. H o r o w i tz (Frankfurt a. M.) daraus hin, daß die Dinge auf dem Gebiete der Psychopathenfürsorge besonders schwierig liegen. Er glaubte vor ungefähr 15 Jahren, daß mit einem Psychopathenheim bzw. mit einer jüdischen Abteilung, die einer interkonfessionelle Anstalt angegliedert wird, das Wesentliche geschehen sei. Damals hatte er einen recht erheblichen Betrag für ein derartiges Heim gesammelt. Inzwischen hat er sich, je länger er sich mit der Frage der Fürsorge für jugendliche Psychopathen befaßt hat, desto mehr davon überzeugt, daß diese Frage eine der schwierigsten ist, die es zu lösen gibt. Vor allen Dingen weist er darauf hin, daß nach neueren Forschungen auf dem Gebiete der Heilpädagogik 9 verschiedene Gruppen von weiblichen und 5 Gruppen von ähnlichen Psychopathen unterschieden werden. Fast alle diese Gruppen kommen mehr oder weniger auch bei jüdischen Jugendlichen vor, und fast für jede dieser Kategorien ist eine andere Behandlung notwendig. Bei der 1 Heilpädagogisches Ambulatorium (Bericht für 1923—25) von Prof. Dr. med. F. Schneerson, Poliklinik der jüdischen Kinderhilfe, Verltn. BUCHDRUCKEREI m MMener B. HELLER W Lagertiaas-and MÜNCHEN WM Transporl-Ges. m. ü. H. HERZOG-MAX-STRASSE 4 vorm. C. Schmederer TE LEPH ON W Friedenstr.l/Tel 43365-67 93 099 WM empfiehlt sich für ANFERTIGUNG VON DRUCKARBEITEN ALLER ART > Möbeltransport Möbeliagernnp IN Wobnanostanscb GESCHMACKVOLLSTER AUSFÜHRUNG W ÄmtlicheW ohnungstausch- BEI RASCHESTER Genehmigung Nr. 4 LIEFERUNG Kostenloser Vertreterbesuch einen ist diese, bei der anderen jene Art von Anstalten der gegebene Weg; wieder andere Psychopathen gehören überhaupt nicht in die Anstalt. Bei dieser Sachlage können rein jüdische Anstalten allein uns einer Lösung nicht näher bringen. Zu den angegebenen Schwierigkeiten kommt die Frage der Berufsausbildung hinzu; sie ist das Wichtigste in der ganzen Heilerziehung. Während aber normale Menschen sich durchschnittlich für eine größere Reihe von Berufen eignen, kommt für einen Psychopathen oft nur ein einziger, bzw. ganz wenige Berufe in Betracht. Nur eine größere Anstalt mit vielen Handwerkstätten und Ausbildungsmöglichkeiten kann hier Aussicht auf Erfolg bringen. Horowitz glaubt daher, daß zu erstreben sei, jüdische Abteilungen an die besten dazu geigneten allgemeinen Anstalten anzugliedern, ähnlich, wie es der Hessische Landesverband für jüdische Wohlfahrtspflege bei der Heilerziehungsanstalt Calmenhof Idstein im Taunus gemacht hat. Eine Kommission von Fachleuten müßte prüfen, welche Anstalten in Betracht kommen. Für kleinere Kinder, bei denen eine eigentliche Berufsausbildung noch nicht in Frage kommt, könnte und mühte eventuell eine eigene jüdische Anstalt geschaffen werden, zunächst für diejenigen Kategorien von psychopathischen Kindern, die unter den Juden besonders stark vertreten sind. Vorläufig aber fehlt es an Lehrern. Alles muß geschehen und alle Organisationen müssen Zusammenwirken, daß wir endlich dazu kommen, wirklich geeignete Persönlichkeiten für diese große und wichtige Aufgabe heranzubilden. Leider muß festgestellt werden, daß man nicht viele Lehrer findet, die geeignet und gewillt wären, jüdische psychopathische Kinder bei sich auszunehmen. Ebensowenig, wie wir eine geeignete Anstalt haben, können Familien benannt werden, die solche Kinder bei sich aufnehmen und heranzubilden in der Lage sind. Das größte Gewicht ist darauf zu legen, daß die zukünftigen Lehrer und Lehrerinnen auf heilpädagogischem Gebiet auf das forgfälttgfte theoretisch und praktisch ausgebildet werden. Das letztere ist nur möglich an interkonfessionellen Anstalten. Nach Meinung von Dr. Horowitz könnte viel Unglück verhütet werden, wenn Eltern und Lehrer sich mit allen Errungenschaften der modernen Psychologie des Jugendalters vertraut machen würden. „Wie das große Werden der Schöpfung, so beginnt alles Werden der Kinderseele mit einem Chaos. Viele der Edelsten und Besten verkommen und gehen zugrunde, weil ihnen die liebreiche Hand fehlt, die sie führt und der Führer, zu dem sie aufschauen können und der ihnen zeigt, daß dieses Chaos die Vorbedingung ist für alles Wachstum und sie ehrfürchtig aufblicken läßt zu dem Geist Gottes, der über den Wassern schwebt." Auch die weitere Diskussion über die Fürsorge für jugendliche Psychopathen brachte mancherlei Anregungen, die zum Schluß in nachstehenden Resolutionen zusammengefaßt werden, deren Durchführung sich die Zentralwohlsahrtsstelle bzw. die Arbeitsgemeinschaft „Jüdische Gefährdetenfürsorge" angelegen sein lassen wird: 1. Durch Sachverständige auf dem Gebiete der Psychopathenfürsorge soll geprüft werden, wo eventuell an interkonfessionellen Anstalten jüdische Abteilungen angegliedert werden können und in welcher Art jüdische Anstalten erforderlich sind. 2. In jeder größeren Gemeinde sollen möglichst Kinderhorte zur Beobachtung und Anleitung von psychopachischen und schwererziehbaren Kindern eingerichtet werden. 3. Für die rechtzeitige Erkenntnis psychopathischer Veranlagung ist die Errichtung von heilpädagogischen Beratungsstellen (Erziehungsberatungsstellen) erforderlich, welche die Indikation für die in Frage kommenden Maßnahmen zu geben haben. 4. Die heilpädagogische Ausbildung von Erziehern, Lehrern, und Wohlfahrtspflegern in Anstalten und durch Kurse soll ideell und materiell gefördert werden. Neuerdings ist erfreulicherweise die Frage der Fürsorge für jugendliche Psychopathen auch im Kreise des Wohlfahrtsausschusses des Preußischen Landesverbandes behandelt worden. Mit Rücksicht auf die große Bedeutung einer umfassenden Fürsorge für psychopathische Kinder und Jugendliche bittet die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden ihr praktische Vorschläge und Anregungen zur Lösung der erörterten Fragen entweder mitzuteilen oder sich in der jüdischen Presse darüber zu äußern.