Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 7 (15.7.1927)
- Article
- Ritueller Kuraufenthalt
- Date
- 1927-07-15
- Page
- Seite 234 (sequence 2)
- Language
- German
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234 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 7 den meisten Fällen auf die Gewährung ihres Wunsches rechnen. Dabei hat sich allerdings herausgestellt, daß Erholungsbedürftige solchen Gaststätten zugewiesen werden, die nach ihrer eigenen Angabe und nach Ansicht der betreffenden Kurverwaltung streng rituell geführt werden, in Wirklichkeit aber absolut keine Gewähr für rituelle . Führung bieten. Dieser Umstand hat den Verein zur Förderung ritueller Speisehäuser e. V., Hamburg 1-, veranlaßt, sich im Interesse der Erholungsbedürftigen mit dem Direktorium der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte in Verbindung zu setzen. Das Direktorium hat sich daraufhin bereit erklärt, bei den im Register des genannten Vereins vermerkten Kurverwaltungen, soweit sie überhaupt in Betracht kommen, anzuregen, daß diese die Erholungsbedürftigen jüdischen Glaubens nur solchen Speisehäusern zuweisen, die unter Aufsicht des genannten Vereins stehen. Es ist also damit zu rechnen, daß der Wunsch der rituell lebenden Versicherten nach geeigneter Unterbringung in den weitaus meisten Fällen berücksichtigt wird. In Fällen, wo sich in dieser Beziehung Schwierigkeiten ergeben, ist der Verein zur Förderung ritueller Speisehäuser gern bereit, die erforderlichen Schritte vorzunehmen. Heim des Jüdischen Frauenbundes in Wyk a. Föhr Am Sonntag, dem 29. Mai, trat in Berlin das Kuratorium für das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Wyk a. Föhr (Heilstätte für tuberkulosegefährdete Kinder und weibliche Jugendliche) zur ersten Sitzung zusammen. Die Beteiligung war aus allen Teilen des Reiches erfreulich zahlreich. Berichte wurden erstattet: 1. über die Gründe, die zur Entstehung des Heims führten, von Frau Bettina Brenner (Leipzig), die in ihrer Eigenschaft als Vorsitzende des Jüdischen Frauenbundes gleichzeitig Kuratoriumsvorsitzende für dieses neue Heim ist; 2. über Ausbau und Einrichtung des Heims sowie über die geplante Führung von Frau Charlotte Landau (Lübeck), Vorsitzende des Arbeitsausschusses für Wyk. Die Bundesschatzmeisterin, Frau Helene Meyer-Stargard (Berlin), gab den Finanzbericht, der Vertrauensarzt des Heims, Dr. Rudolf Neumann (Berlin), erteilte über die medizinische Seite der neuen Heilstätte Auskunft. An der sehr fruchtbringenden Aussprache beteiligte sich u. a. die für das Heim gewonnene Oberin Sophie Mamelok, die dank ihrer langjährigen Tätigkeit als Kindergärtnerin, Schwester, Oberschwester und Leiterin gemeinnütziger Anstalten über große Erfahrungen in der Anstaltsführung verfügt. Um für diejenigen Fälle, für die keine Organisation herangezogen werden kann, die Möglichkeit verbilligter Kuren zu schaffen (der Normalpflegesatz beträgt inkl. Arzt und allen Kurmitteln 4 RM. pro Tag bei sechswöchiger Kurperiode), wurde beschlossen: 1. „Freunde für Wyk" zu gewinnen, die durch jährliche Mitgliedsbeittäge ihr Interesse an den Aufgaben des Heims beweisen. 2. Lebenslängliche Mitglieder durch einmalige Zahlung von 300 RM. zu werben. 3. Die dauernde Mitgliedschaft bei einmaliger Zahlung von 3000 RM. zu verleihen. Anmeldungen zur Mitgliedschaft oder Spenden nimmt entgegen die zur Kassenführerin ernannte Frau Käthe Sternberg, Breslau 13, Lindenallee 6, die gemeinsam mit der Bundesschatzmeisterin die Finanzen zu betreuen haben wird. Zu Kassenreoisoren wurden ernannt die Herren Otto Eskeles und Dr. Richard Wolfes. In den Händen von Frau Käthe Sternberg wird später auch die Bearbeitung der „Nachgehenden Fürsorge" der aus dem Heim entlassenen Pfleglinge liegen. Die Eröffnung des Heims, das unter Aufsicht des Herrn Oberrabbiner Carlebach in Altona stehen wird, war für Ende Juni in Aussicht genommen. Es wird zuerst eine Kurperiode für Knaben eingerichtet, die zweite Kolonie ist für Mädchen bestimmt. Eine kleine Station für weibliche Jugendliche (von 14 bis 18 Jahren) in einer besonderen Etage bleibt durchgehend geöffnet. Dankbar wurde der Frau gedacht, die im Jüdischen Frauenbund die erste Anregung zur Bekämpfung der Tuberkulose und für die Errichtung dieses Heims gab. Auch mit diesem Heim des Bundes wird der Name der Bundesgründerin Bertha Pappenheim unlöslich verknüpft sein. Tage für jüdische Musik auf der internationalen Musikausstellung zu Frankfurt a. M. Infolge Platzmangels können wir einen ausführlichen Bericht über die Veranstaltung in dieser Nummer leider nicht bringen. Wir lassen daher heute nur einige Auszüge aus den Kritiken der Frankfurter Tagespresse folgen. Rhein-Main-Volkszeitung: Die Tage für jüdische Musik haben gestern abend mit dem Konzert im Saalbau unter Mitwirkung des jüdischen Gesangvereins und des berühmten Geigers Mischa Elmann (Neuyork) begonnen. Der Münchner Verein, ein sowohl klanglich wie technisch gleich tüchtiger Chor brachte unter seinem Dirigenten Josef Ziegler synagogale Musik zum Vortrag. In der Sprache der Moderne wurde ein sehr wirkungsvoller Chor mit Sopransolo und einer illustrierenden obligaten Orgelbegleitung vom Dirigenten des Vereins mit Erfolg uraufgeführt. Die Soli sangen Sonja Ziegler und Naumow Fleischmann. Frankfurter Zeitung: Der mit frischen Stimmen ausgestattete, von Joseph Ziegler offenbar gut erzogene Chor, brachte mit Unterstützung der Orgel religiöse Gesänge eindrucksvoll zu Gehör. Der anwesende Komponist Kirschner wurde für sein Adon-olom, der Dirigent für sein erstmal gebotenes Moh-odon besonders gefeiert. Frankfurter Generalanzeiger: Der erste Abend brachte in der Hauptsache eine synagogale Musik, wie sie von Komponisten unserer Tage auf Grund der Überlieferung für den liberalen Gottesdienst vertont wurde. Das frische, klangvoll gesetzte Morgengebet Adon-olom für gemischten Chor und Orgel Kirschners und das Moh-odom für gemischten Chor, Orgel und Sopransolo von Ziegler (Uraufführung), das in der Harmonik von der modernen europäischen Musik beeinflußt ist, trugen den anwesenden Komponisten Hervorrufe ein. Josef Ziegler war auch als Dirigent des Jüdischen Gesangvereins München um die würdige Interpretation der Gesänge bemüht, und sein Chor, der in den Männerstimmen eine gute Stütze hat, leistete ihm getreulich Gefolgschaft. Die Solostimmen waren Sonja Ziegler und Naumow-Fleischmann mit gutem Erfolg anvertraut. Frankfurter Post: Der Jüdische Gesangverein München, unter Josef Zieglers geschickter Leitung, verfügt über gute Stimmen und brachte die erwähnten Chöre schön zur Geltung. Oberkantor Naumow-Fleischmann und Frau Sonja Ziegler sangen die Solls der Chöre mit bestem Gelingen. Frankfurter Nachrichten: Die Münchner gaben gemischte und Frauenchöre mit Orgel und a-cappella, vorwiegend mit Solo, das gegenüber dem Kollektiv-Gedanken des Chors auch das persönliche Moment hinzufügt. Der Dirigent, Joseph Ziegler, hatte zur Uraufführung ein Moh-odom mitgebracht, das als heutige Form „im alten Stil" und seiner reicheren Anwendung der Wirkungsmittel bezeichnend ist. Seine Gatttn, Frau Sonja Ziegler, sang das Sopransolo mit seiner anspruchsvollen Leidenschaft und organisch eingefügten Verzierungen ausgezeichnet. Von dem gleichfalls anwesenden Oberkantor E. Kirschner wurde Adon-olom für gemischten Chor und Orgel vorgetragen, das in der beweglicheren Stimmenführung den Klangsinn der Gegenwart schon deutlicher hervortreten ließ. Der Münchner Chor gab in gut musikalischer Anpassung jedem Werke seine Eigenart und gab der religiösen Stimmung in schlichter Innerlichkeit bewegten Ausdruck. vückerschau Einige Gedanken über die Bibelübersetzung von Marlin Buber und Franz Rosenzweig Folgende Ausführungen entnehmen wir der „Deutschen Israelitischen Zeitung (Die Laubhütte)." Die Summe eines Referats über dieses Thema im Israelitisch- Wissenschaftlichen Verein, Altona, erstattet von Sr. Ehrw. Herrn Oberrabiner Dr. I. Carlebach, sei in folgendem zusammengefaßt: Der Gedanke des Bibelwortes steht über seiner Form. Die Stilfrage ist beiseite gelassen worden, und es wird uns nicht bewußt, ob das Bibelwort gut übersetzt worden ist oder nicht. Wer von der Form spricht, findet in jüdischen Kreisen keinen Anklang. Wir verlangen für die Bibel keinen besonderen Stil, sondern erkennen in ihr die Sprache der Wirklichkeit, des Lebens. Die Übersetzung von Buber und Rosenzweig entfremdet durch Suche nach erhabenem Ausdruck uns den einfachen Sinn der Bibel. Sie will in die Bibel einen Ton einführen von einer Welt, die die Welt der Romantiker heißt. Es ist Wiederauferweckung der alten Germanensprache, die