Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1927
- Issue
- 7 (15.7.1927)
- Article
- Welche Forderungen stellen wir an den jüdischen Geschichtsunterricht und seine Lehrmittel?
- Date
- 1927-07-15
- Page
- Seite 15 (sequence 1)
- Language
- German
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Mitteilungen Oes Waelitilchen Lehrervemns für Wem Schriftleitung: M. Rofenfeld, München 1927 München, 15. 3ult Nr. 7 Weld)eforöerungenftellenwiranöenjubifd)en 6e{d)id)tsunterrict)t und feine Lehrmittel? Referat von Dr. Hammelburger (Würzburg), erstattet auf der 45. Mitgliederversammlung in Würzburg. (Fortsetzung und Schluß.) Müssen unsere Jungen etwas wissen von Josef Hanagid, dem Sohne des Samuel Hanagid, von Juda Alcharisi, von den Gelehrten der Provence» Gersonides und dessen Zeitgenossen Moses Narbonne, von dem Schriftsteller und Philosophen Joses Kaspi, die alle im Sondheimer erwähnt werden, oder von den italienischen Gelehrten Abraham Farisoll, Gedalja ibn Jachja, Assaria de Rossi, Leon de Modena, Jsak Lampronti, die wir im Kayserlingschen Buche finden? Ich sehe keinen Grund dafür! Ebensowenig ist meiner Ansicht nach im Müllerschen Buche die ziemlich breit angelegte akademische Auseinandersetzung über den Begriff der Nächstenliebe im Juden- und Christentum für die Unterstufe geeignet. Also — erste Forderung: Weise Stosfeinschränkung! Besondere Beachtung verdient auch die Anordnung des Stoffs. Fast grotesk wirkt für meine Begriffe die auch von Müller übernommene Anwendung des Schemas: Altertum, Mittelalter, Neuzeit auf die jüdische Geschichte — eines Schemas, das Oswald Spengler in seinem epochemachenden Werk: „Untergang des Abendlandes", einer vernichtenden Kritik unterzieht. Angesichts der Tatsache, daß aller Herren Länder den Schauplatz der jüdischen Geschichte bilden, die doch mit diesen politischen und kulturellen Zentren innig verknüpft ist, kann es keinem Zweifel unterliegen, daß die Periodisierung vornehmlich nach geographischen Rücksich-, ten zu erfolgen hat. Gleichzeitig muß selbstverständlich eine Einteilung nach zeitlichen Abschnitten erfolgen. In welcher Weise die einzelnen Geschichtsschreiber dieser Forderung zu genügen versuchen, will ich an einem Beispiel zeigen —; sagen wir an der Behandlung der sogen, jüdisch-spanischen Epoche, durch die einzelnen Autoren. Bäck, Brann und Müller teilen diese Epoche in zwei Hälften: in einem Abschnitt bis zum Tode Maimons 1205 und in einen zweiten bis zur Vertreibung der Juden aus Spanien 1492. Innerhalb dieser beiden Zeiträume wird in erster Linie die Ge^ schichte der Juden in Spanien fortlaufend, daran anschließend die der Juden in den anderen europäischen und außereuropäischen Ländern dargestellt. Im 2. Band der Volksausgabe von Grätz figurieren unter der obenbezeichneten Überschrift nicht weniger als zehn nach zeitlichen Rücksichten eingeteilte Kapitel. In jedem einzelnen derselben steht im Vordergrund de,r Betrachtung das diese Zeit beherrschende Ereignis, ganz gleichgültig, ob der Schauplatz Spanien oder igendein anderes Territorium ist: also z. B. im 2. Kapitel 1096—1148 der erste Kreuzzug und die Juden in Deutschland, oder im 4. Kapitel 1146—1171, der 2. Kreuzzug und die Juden in Frankreich, daran anschließend die Juden in Deutschland, Spanien usw. Das Lehrbuch von Kayserling-Doctor dagegen behandelt die Geschichte der Juden in Spanien bis zur Austreibung in einem Zug, dann, als mit der Geschichte der Juden in Spanien mannigfach verknüpft, die Geschichte der Juden in Frankreich, schließlich die Geschichte der Juden in Deutschland — jeden einzelnen Abschnitt fortlaufend durchgeführt bis zum Ende des 15. Jahrhunderts. Welche von den besprochenen Darstellungsarten kommt nun für ein Lehrbuch der Unterstufe in Betracht? Die Einteilung von Grätz ist sicher zu verwerfen. Sie versetzt uns oft in rascher, unmittelbarer Aufeinanderfolge in die verschiedensten Verhältnisse, ist infolgedessen zu wenig übersichtlich für den Schüler und muß so Verwirrung erzeugen. Dagegen entspricht die Anordnung des Stoffes, wie wir sie im Kayserlingschen Buche finden, der Fassungskraft des Schülers am besten. Es droht dabei allerdings die Gefahr, daß im Schüler die Meinung entsteht, die Ereignisse auf den einzelnen Schauplätzen, die hier auf längere Zeitabschnitte hin im Nacheinander geboten werden, hätten sich auch tatsächlich so abgespielt. Es ist deshalb dem methodischen Geschick des Lehrers Vorbehalten, in rückschauenöen Betrachtungen und Vergleichen immer wieder aus den Synchronismus der Begebenheiten hinzuweisen. Dabei wird sich die übersichtliche Darstellung von Zeittafeln, die selbstverständlich nur die wichtigsten Daten zu enthalten brauchen und bei der die Schüler zu lebhafter Mitarbeit herangezogen werden, als besonders nützlich erweisen. Bei dieser Gelegenheit ergeben sich dann auch von selbst die Anknüpfungspunkte an die Ereignisse der allgemeinen Geschichte. Damit komme ich auf einen weiteren Punkt zu sprechen, der in unseren Lehrbüchern Beachtung finden muß. Ich halte es für unbedingt geboten, daß — wie z. V. Bäck, Brann in sehr instruktiver Weise geschieht — der Darstellung bedeutender Wendepunkte eine Einleitung vorausgeschickt wird, die das Wichtigste über die allgemeinen politischen und kulturellen Verhältnisse schildert und auch den Verlauf der Geschehnisse innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in allgemeinen Zügen erkennen läßt. Dadurch wird das Auge des Schülers daraus hingelenkt, die große Linie zu verfolgen und den inneren Zusammenhang zu ergründen. Eine solche Einleitung wäre z. B. am Platze nach der Behandlung des siegreichen Ausgangs der Makabäerkämpfe, also vor dem Abschnitte: „Judäa unter eigenen Herrschern aus dem Hause der Hasmonäer." Es wäre hier etwa auseinanderzusetzen, daß die Vereinigung von Hohepriester- und Herrscherwürde in einer Person eine große Gefahr für den inneren Frieden bedeutete, wie durch diesen Umstand m i t bedingt, die Parteigegensätze hervorgerufen wurden, wie diese wieder die Römer zur Einmischung veranlaßten und schließlich so den Untergang des Staates herbeiführten. Bon großer Bedeutung für die Brauchbarkeit eines Lehrbuchs ist selbstverständlich auch eine dem geistigen Niveau unserer Schüler entsprechende sprachliche Darstellung, die sich durch Knappheit des Ausdrucks und trotzdem durch innere Wärme,, aber auch durch Vermeidung eines allzu süßlichen Tones auszeichnen soll —> alles Forderungen, die bei der Eigenart des Stoffes keine geringen Schwierigkeiten bieten. Zum Schlüsse sei noch erwähnt, daß die einigen Lehrbüchern in Form eines Anhangs beigegebenen Literaturproben sich sehr gut bewähren. — Ich habe versucht, Ihnen zu zeigen, wie ich mir auf Grund persönlicher, im Hinblick aus meine verhältnismäßig kurze hiesige Tätigkeit allerdings nicht sehr reichen Erfahrung den Betrieb des jüdischen Geschichtsunterrichtes denke. Sicherlich habe ich manches Erwähnenswerte, entweder, weil ich es für zu selbstverständlich hielt, oder, weil ich es eben übersah, nicht berücksichtigt. Das eine aber mögen meine Ausführungen Sie erkennen lassen: daß ich fortwährend ringe mit der Frage, die ich für unseren Gegenstand als die Kardinalfrage bezeichnen möchte: Wie können wir den Unterricht in der jüdischen Geschichte jüdisch gestalten, wie können wir ihn zum Religionsunterricht machen? Wie haben wir jüdische Geschichte im Unterricht zu betrachten, daß dieser nicht nur nackte Daten und formales Wissen vermittelt, sondern auch Gemütsbewegungen und Willensimpulse erzeugt, die in die Seelen unserer Knaben und Mädchen eingehen als lebensfähige und fruchtbringende Keime einer sich entfaltenden jüdischen Persönlichkeit? Ich glaube, letzten Endes spielt bei der Beantwortung dieser Frage die Aufstellung von Grundsätzen für die Beschaffenheit eines Lehrbuches eine sehr untergeordnete Rolle. Hier ist ausschlaggebend eine Forderung, die zwar selbstverständlich, die ich aber am Schlüsse meiner Ausführungen trotzdem nicht unausgesprochen lassen möchte, — es ist die Forderung an die Lehrerpersönlichkeit, die Forderung an uns selbst. In diesem Unterricht handelt es sich für uns Lehrer, vielleicht mehr wie in jedem anderen, um das Wissen, um die Herrschaft über dm Stoff, um dessen vielseitige Durchdringung und Verarbeitung. Sie sind gewiß einer Meinung mit mir, wenn ich es als eine Notwendigkeit für uns alle betrachte, daß wir uns dem eingehenden Studium eines Gebietes widmen, mit dem wir uns aus den mannigfachsten Gründen befassen müssen, vor allem aber deshalb, weil wir dazu berufen sind, an der Erziehung der Träger jüdischer Geschichte, mitzuarbeiten.