Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 7 (15.7.1927)
- Article
- Zurück zum Lande
- Date
- 1927-07-15
- Page
- Seite 227 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 7 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 227 Wirtschaft gekümmert Hatten, gelangten bald zur Fertigkeit und Selbständigkeit in diesem Beruf. Ich habe es bei mir sekbft erprobt. Als in den ersten Augufttagen 1-14 so viele landwirtschaftliche Güter ihrer Hilfskräfte beraubt wurden, da legte ich Buch und Feder weg, nahm Sense, Sichel und Hacke in die Hand. Nicht achtend des sonnenverbrannten Gesichtes und der Schwielen in den Händen, die mir die ungewohnte Arbeit verursachte, habe ich unverdrossen milgeholfen und siehe: es ging. Bald arbeitete ich mit allen Landarbeitern in gleichem Schritt und Tritt. Die täglichen Aufforderungen von hiesigen verwaisten Anwesen zur Mithilfe bewiesen mir, daß meine Arbeit Anklang fand. Wäre ich in den nächsten vier Kriegsjahren nicht durch Übernahme der hiesigen Marktgemeindeschreiberei und vermehrte Schularbeit an der Fortsetzung dieser Tätigkeit verhindert gewesen, dann wäre ich heute gewiß ein ausgelernter Landwirt. Wohl sind mir die Zweifel und Bedenken in den Herzen vieler über die Ausführbarkeit meines Planes nicht unbekannt. Die Beschäftigung in der Landwirtschaft ist, wenn auch schwer, doch eine solche, die jeder leisten kann, der seine gesunden, geraden Glieder hat. Aus eigener Erfahrung weiß ich sodann, daß für theoretische Belehrung und Auftlärung in der Landwirtschaft besser gesorgt ist, als in irgendeinem anderen Stand. Durch meine schon zwanzigjährige Mitgliedschaft bei dem landwirtschaftlichen Verein in Bayern und bei einem Obftbauvereiit sowie durch meine langjährige Tätigkeit im hiesigen Darlehenskassenverein ist mir bekannt, wie in den wöchentlichen Vereinsblättern und in Versammlungen immer wieder von erfahrenen Landwirten über alle Fragen des Feld- und Gartenbaues, über die Vieh-, Geflügel- und Bienenzucht, über Obstbaumpflege, über künstlichen Dünger und anderes mehr sachverständige Ratschläge und Aufklärung erteilt werden. Jeder landwirtschaftliche Schüler kann diese Vereinsorgane lesen und die Versammlungen besuchen. Also ist auch nach dieser Seite bestens gesorgt. Deshalb fort mit jedem Kleinmut und Pessimismus! Bei gutem und festem Willen aller Beteiligten wird und muß uns das Werk gelingen. In jedem Fall ist der Preis des Einsatzes wert. Innere Parteikämpfe schwächen unsere Kraft und Stärke. Dazu kommt noch die zügellose antisemitische Hetze von skrupellosen Elementen, die für die eigene schwere Schuld einen bequemen Blitzableiter suchen. In dieser Not müssen wir alle unsere Kräfte vereinen, müssen wir alles Trennende zurückftellen und eine geschlossene Phalanx bilden. Auf der völlig neutralen Plattform unseres Bauernprogrammes können wir alle einträchtig und segensreich Zusammenarbeiten. In dieser Schicksalsstunde unseres Volkes, bei dem drohenden Zusammenbrechen und der unaufhaltsamen Auflösung unserer Landgemeinden, der Quelle unserer Kraft, appelliere ich zunächst an meine Kollegen, die Lehrer, die bei der Berufswahl in vielen Fällen einen bestimmenden Einfluß haben, an die Rabbiner, die Kultusvorstände, die Führer, die Gelehrten, an die Leiter der vielen Vereinigungen und nicht zuletzt an die studentischen Korporationen: Helfet alle bei der Schaffung einer Organisation mit unter dem Wählspruch: „Heraus aus der Not der Stadt, heraus aus dem nervenzerrüttenden Handel, hinein in die muskelstärkende Landwirtschaft." Dann nehmen wir doppelten Anteil am Wiederaufbau des verarmten Deutschland. Gehen wir rascheftens an die Bildung von Bezirksorganisationen — auch die kleinsten Zwerggemeinden dürfen nicht fehlen —, damit wir in den ersten Monaten deS neuen Jahres auf einer Vertreterversammlung die Richtlinien und Leitsätze unseres Programmes festlegen können. Drum frisch auf zum Werk! Und wenn durch unsere Propaganda nur zehn Prozent unserer schulentlassenen Jugend im kommenden Frühling sich dem Ackerbau zuwenden wird, dann erweisen wir unserem Vaterlande einen großen, dem Judentum aber den allergrößten Dienst. Aus dem Verbände Am 3. Juli 1927 fand in Nürnberg eine Sitzung des Rats und des Ständigen Ausschusses der Tagung statt. I. Den Rat beschäftigte in erster Linie die Schächtfrage. Rabbiner Dr. Freudenthal machte als Berichterstatter Mitteilung von Versuchen, die in einem bayerischen Schlachthof unter Leitung des Schlachthofdirektors, eines der angesehensten deutschen Tierärzte, nach der Richtung gemacht wurden, ein Betäubungsverfahren vor dem Schächten zu ermitteln, das nach der sanitätspolizeilichen wie nach der religionsgesetzlichen Seite einwandfrei ist. Die Versuche wurden einer Abordnung des Verbandes und der Bayerischen Rabbinerkonferenz unter Zuziehung weiterer Sachverständiger vor kurzem vorgeführt. Sie werden auf Veranlassung und unter Mitwirkung des Urhebers in anderen Schlachthöfen und an tierärztlichen Hochschulen nachgeprüft werden. II. In der Sitzung des Rates und des Verfassungsausschusses am 26. Mai 1927 in München wurde, wie bekanntgegeben, unter der Mitarbeit von Vertretern der Parteien eine Einigung über die wesentlichen Punkte der Mustersatzungen für die Gemeinden erzielt, so daß es zweckmäßig erschien, an Stelle der Tagung deren Ständigen Ausschuß mit der Fertigstellung der Satzungen zu betrauen. In gemeinschaftlicher Sitzung des Rates und des Ständigen Ausschusses wurden die Satzungen nunmehr zum Abschluß gebracht. Die Annahme erfolgte durch einstimmigen Beschluß der beiden Körperschaftsorgane. Die redaktionelle Fassung wurde dem Präsidium des Rates übertragen. Es ist damit ein Werk zu Ende geführt, dessen Zustandekommen seit mehr als 100 Jahren vergeblich angeftrebt wurde. Die Gliederung der Gemeinden, ihre Aufgaben, die Beziehungen zwischen Rabbiner und Gemeinden, Materien, die unter der Herrschaft des Staatskirchenrechts durch die bekannte Ministerialentschließung vom Jahre 1863 geregelt, von den religiösen Richtungen, den Rabbinern und den Gemeinden aber gleichwohl heiß umstritten waren, das Wahlverfahren, Frauenwahlrecht und Ausländerwahlrecht, die Teilnahme der Beamten an den Sitzungen der gemeindlichen Vertretungskörper wurden nunmehr durch die freie Entschließung aller Beteiligten, die weise Beschränkung auf das Notwendige und die Achtung vor der religiösen Überzeugung des anderen unter Festhaltung der Interessen der Gesamtheit zu einem glücklichen Ende geführt. Möge der hingebende, verständnisvolle, gute Wille, wie er aus diesem Werke spricht, unserer religiösen Gemeinschaft stets erhalten bleiben und ihr dauernd zum Segen gereichen!